Süddeutsche Zeitung

Folge der bevorstehenden weltweiten Gaskrise:Gemeindewerke sollen wachsen statt konsolidieren

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Taufkirchener Gemeinderäte drängen auf weiteren Ausbau des Fernwärmenetzes - ungeachtet der Wirtschaftlichkeit.

Von Thomas Daller, Taufkirchen

Die 2010 gegründeten Taufkirchener Gemeindewerke sind auf einem guten Weg. Die größeren Investitionen in das Fernwärmenetz sind aus ihrer Sicht getätigt, die Gemeindewerke sind beim Strom seit Oktober vergangenen Jahres sogar Grundversorger geworden. Nun könnte man entlang der bestehenden Fernwärmeleitungen noch etliche Haushalte anschließen, die das wünschen, und sich ein wenig konsolidieren. So lautete im Großen und Ganzen der Plan, den Geschäftsführer Christoph Ruthner bei der Vorstellung des Geschäftsberichts im Gemeinderat erörterte.

Diese Rechnung hatte er allerdings ohne Putin gemacht: Angesichts der Gaskrise wünschen sich viele Gemeinderäte eine gesicherte Wärmeversorgung in der Gemeinde. Sie forderten einen weiteren Ausbau des Fernwärmenetzes. Allzu hochfliegende Pläne musste Ruthner dabei bremsen: In einer Flächengemeinde wie Taufkirchen seien die Wärmeverluste in langen Leitungen sehr hoch. Man müsste das Wasser zwischendurch wieder aufheizen. Und weil das in der Regel mit Erdgas geschieht, komme man schnell an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit. Der Geschäftsbericht wurde zustimmend zur Kenntnis genommen; inwieweit sich der politische Wille umsetzen lässt, ist nun Hausaufgabe der Gemeindewerke.

Es gibt mehrere Biogasanlagen, die Strom erzeugen

In Taufkirchen gibt es mehrere Biogasanlagen, die Strom erzeugen. Damit die Abwärme dabei nicht bloß verpufft, wurden die Gemeindewerke gegründet, die ein Fernwärmenetz bauen sollten und zudem die Versorgung mit Strom, Erdgas und Wasser übernahmen. An das Fernwärmenetz schlossen sich größere Verbraucher im Zentrum des Ortes an wie das Rathaus oder die Sparkasse sowie das Waldbad, das aus Sicht der Gemeindewerke ein idealer Abnehmer ist, weil es auch im Sommer Wärme benötigt.

Die Geschäftsentwicklung lief daher auch 2021 wieder solide: Die Gemeindewerke verfügen über ein Anlagevermögen von mehr als vier Millionen Euro, die Bilanzsumme beträgt mehr als fünf Millionen Euro, allerdings springt nur ein Jahresüberschuss von knapp 35.000 Euro heraus. Beim Strom steigt die Zahl der Kunden, ebenso beim Erdgas, bei der Fernwärme stagniert sie bei 104. "Wir wollen weiter unsere Schulden zurückzahlen", sagte Ruthner, "und müssen keine ganz hohen Investitionen mehr tätigen, weil das Fernwärmenetz ausgebaut ist."

Man richtet den Fokus auf geplante Baugebiete

Perspektivisch wollen die Gemeindewerke nun entlang der bestehenden Fernwärmetrasse auf weitere Kunden zugehen, sagte Ruthner: "Bei vielen ist der Wunsch entstanden, sich ohnehin von der Gasthermie zu verabschieden." Darüber hinaus richte man den Fokus auf geplante neue Baugebiete wie die Gutswiese. Zwar seien neue Niedrigenergiehäuser nicht so interessant, aber man könne dort den Warmwasseranteil abdecken.

Diese Perspektive reichte verschiedenen Gemeinderäten jedoch nicht aus. Korbinian Empl (FW) sagte, jeder suche händeringend nach Energie. "Wir müssen den Schritt vorwärts gehen, Geld in die Hand und in Kauf nehmen, dass wir Wärmeverluste haben." Auch wenn man ein paar Jahre Defizite habe, werde man das stemmen können. Christoph Puschmann (CSU) war ähnlicher Meinung: "Es kann nicht sein, dass wir nicht größer denken dürfen. Wir brauchen zentral noch einen neuen Einspeiser. Der Wärmeverlust steht zu stark im Vordergrund, das ist zu wenig innovativ gedacht." Nikolaus Kronseder (CSU) konkretisierte, dass man vor allem an die alten Siedlungen wie die Landessiedlung, Zugspitzstraße oder Pater-Ruppert-Mayer-Siedlungen bei einem Anschluss denken sollte. Zudem sollte man überlegen, ob man nicht noch ein zusätzliches Biomasseheizkraftwerk bauen sollte, mit dem man auch Strom gewinnt. Christian Aigner (FW) favorisierte ebenfalls einen Weiterbau in den Siedlungsaltbestand. Bei einer Flächengemeinde wie Taufkirchen sei ein Weiterbau über die Ortsgrenze hinaus "nicht die Zukunft". Auch eine Erschließung von Neubausiedlungen mit geringem Energiebedarf halte er nicht für sinnvoll, im Gegensatz zu einem Altbestand wie der Landessiedlung.

Ruthner warnt davor, an eine Patentlösung zu glauben

Ruthner sagte, "wir sträuben uns nicht, mitzuwirken. Aber wir müssen überlegen, für welche Viertel und welche Gebäude macht das Sinn". Und er rechtfertigte den Plan, zuerst einmal entlang der bestehenden Fernwärmetrasse auf potenzielle Kunden zuzugehen: "Die niedrig hängenden Früchte können wir jetzt schnell abgreifen." Er griff jedoch auch den politischen Appell auf und sagte, "wir müssen auch konzeptionell weiter denken". Er warnte jedoch davor, damit an eine Patentlösung zu glauben: "Bloß weil wir mit der Fernwärme einen Hammer haben, ist nicht jedes Problem ein Nagel."

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