Süddeutsche Zeitung

Erding:Grüne so stark wie nie

Die Mitgliederzahlen der Grünen in Erding ebenso wie die Anzahl der Ortsverbände hat sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Jetzt will die Partei drei grüne Bürgermeister stellen und für einen Wechsel im Landratsamt sorgen

Die Grünen ziehen so selbstbewusst und breit aufgestellt wie nie in den Kommunalwahlkampf im Landkreis Erding. Florian Geiger will in Isen Bürgermeister werden. Er sieht seine Partei landkreisweit stärker als je zuvor. Und auch prominenter Besuch unterstützt die Kommunalpolitiker: Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze und Ludwig Hartmann, waren schon da. Am 4. März kommt der Bundesvorsitzende Robert Habeck nach Isen. Haben die Grünen nach der Landtagswahl 2018 in Bayern, bei der sie mehr als 17 Prozent erreichten, das Gefühl, das CSU-Land ist bereit für sie? Auch im Landkreis Erding wählten damals mehr als 15 Prozent grün. "Man spürt es überall, dass für die Grünen hier was geht", sagt Geiger. Dass nun Robert Habeck kommt, ist für ihn "ein richtig starkes Zeichen, ein Zeichen, dass auch die Bundesspitze Anteil nimmt".

Und tatsächlich hat sich für die Grünen im Landkreis in den vergangenen zwei Jahren viel verändert: Ihre Mitgliederzahl hat die Partei auf fast 200 verdoppelt. In Wartenberg, Finsing und Wörth haben sich 2019 und in Forstern/Pastetten 2018 neue Ortsverbände gegründet; vier von sieben Ortsverbänden sind damit in den vergangenen zwei Jahren entstanden. Im Moment sind die Grünen in den Gemeinderäten Finsing, Lengdorf, Fraunberg, Wörth und Isen sowie den Stadträten Erding und Dorfen vertreten. 2020 soll das anders werden. Zum Beispiel in Wartenberg, wo Dominik Rutz als Bürgermeister kandidiert.

Erst im April vergangenen Jahres hat er den Ortsverband mit sechs Mitgliedern gegründet. Katharina Schulze war dabei - und das Reiter Bräu voll. "Wir sind noch sehr jung, aber wir sind auch sehr stolz", sagt Rutz. "Ich bin jedoch Realist genug, um zu erkennen, dass ich selbst nicht als Favorit antrete." Dennoch: Rutz will für mehr Bürgerbeteiligung und Transparenz in der Gemeinde sorgen. Seit 2006 ist er Projektmanager in einer Münchner Beratungsfirma, die erneuerbare Energien unterstützt. Was er dort für den Klimaschutz tut, möchte er als Bürgermeister "nach Hause bringen, nach Wartenberg."

Florian Geiger hat aber noch mehr Anhaltspunkte für eine neue Stärke der Grünen: Die Zugriffszahlen auf die Webseite steigen ebenso wie die Follower auf Facebook. "Weniger Leute kotzen reflexhaft, wenn sie einen Beitrag der Grünen sehen. Stattdessen hinterlassen die Menschen auch schon mal ein Like", sagt er. Insgesamt habe es einen enormen Stimmungswandel im Landkreis gegeben.

Dementsprechend möchten die Grünen nach der Kommunalwahl mit acht Kandidaten im Kreistag vertreten sein, zurzeit sind es sechs. Dass Frauen die Listen von Stadtrat und Kreistag anführen, ist bei den Grünen nichts Besonderes. "Das wollen wir, das ist uns wichtig. Bei uns stehen Frauen vorne dran und müssen sich nicht erst nach oben beißen", sagt Geiger.

Mit ihm könnte Isen nun auch seinen ersten grünen Bürgermeister bekommen, jedenfalls glaubt der Grüne selbst daran, eine realistische Chance zu haben. "Ich glaube, dass ich mit meiner Art und meinen Ideen viel voranbringen kann." Besonders hat auch er dabei die Bürgerbeteiligung ins Auge gefasst. Die sei in der Vergangenheit in Isen zu sehr vernachlässigt worden. Auch die Energiewende laufe nur, indem man die Bürger in die Prozesse und Entscheidungen mit einbinde. Bei erneuerbaren Energien müsse man den Bürgern die Chance geben, daran zu verdienen. Mit seiner Frau Lena Geiger sitzt der Grüne bereits im Gemeinderat. Er hofft, dass mit der Kommunalwahl 2020 eine neue Debattenkultur Einzug erhält. Gegen die große Mehrheit, die dem bisherigen Bürgermeister der Freien Wähler, Siegfried Fischer, gefolgt sei, habe man es schwer gehabt.

Neben Geiger und Rutz kandidiert noch eine dritte Grüne als Bürgermeisterin: Maria Feckl aus Forstern, Gründungsmitglied des TSV Grüntegernbach, ausgebildete Krankenschwester, studierte Theologin und ausgebildete Betriebswirtin. Sie ist als "Exotin" angetreten, wie sie selbst sagt, schließlich war Georg Els von der Alten Wählergemeinschaft 24 Jahre als Bürgermeister im Amt. Die Grünen sind derweil noch gar nicht im Gemeinderat vertreten. Weil Els nicht wieder antritt, sah Feckl aber die Gelegenheit "von Null auf Hundert" durchzustarten.

Dass alle drei Kandidaten eine Chance auf das Amt des Bürgermeisters haben, sieht Helga Stieglmeier, Kreisvorstandssprecherin und Spitzenkandidatin für den Kreistag, dennoch als durchaus realistisch an. "Überall findet ohnehin ein personeller Wechsel an der Spitze statt und das ist immer eine gute Ausgangsposition für einen generellen politischen Wechsel."

Dass ausgerechnet die Städte Erding und Dorfen keinen Bürgermeisterkandidaten aufstellen, wirkt da erstaunlich, liegt jedoch an den Mitgliedern vor Ort, die alle aus beruflichen oder persönlichen Gründen nicht antreten wollten.

Auch wie bei der Wahl des Landrats einen gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten von Freien Wählern, SPD und Grünen in einzelnen Gemeinden aufzustellen, um beispielsweise Geiger in Isen ins Amt zu verhelfen, sei nirgends ein Thema gewesen. "Wir sind immer noch drei verschiedene Parteien", sagt Stieglmeier.

Was die Wahl des Landrats angeht, sei das eine Ausnahme gewesen. An der Landratsamtsspitze, an der derzeit Martin Bayerstorfer (CSU) steht, müsse unbedingt ein Wechsel vollzogen werden, damit ein anderer Kommunikationsstil Einzug erhalte, sagt Stieglmeier. Dass Hans Schreiner in seinem Wahlkampf eher still auftritt, ist für Stieglmeier eine seiner Qualitäten. "Er stellt sich selbst nicht in den Vordergrund, er tritt nicht als Platzhirsch auf, er moderiert eher und ist zurückhaltender in seiner Wortwahl. Aber dieser Dialog auf Augenhöhe zeichnet ihn aus." Dies würde auch positiv wahrgenommen. "Nicht umsonst hat Bayerstorfer inzwischen seine Wortwahl geändert."

Im Erdinger Stadtrat wollen die Grünen, die derzeit drei Sitze innehaben, ebenfalls stärker werden. Vier bis fünf Mandate kann sich Stieglmeier gut vorstellen. Mit Cornelia Ermeier eine querschnittsgelähmte Frau auf Listenposition eins zu führen, ist für Stieglmeier ein starkes Zeichen. "Jeder spricht von Inklusion, wir wollen sie auch leben", sagt sie. "Eine Stimme dieser gesellschaftlichen Gruppe soll im Stadtrat Gehör finden."

Auch sonst möchte sich Stieglmeier im Wahlkampf vordergründig für Diversität einsetzen. Nur was Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund angeht, sieht es bislang in der Partei schlecht aus. "Leider haben wir da aktuell keine Stimme, die uns vertreten könnte", sagt Stieglmeier. Warum das so ist, kann sie selbst nicht erklären. Man sei offen.

Insgesamt bleiben die Grünen im Wahlkampf ihren Grundthemen und -überzeugungen treu: Eine Optimierung des öffentlichen Nahverkehrs und der Radwege, Barrierefreiheit, Klimaneutralität bis 2035, Blühflächen und Begrünung, Gleichstellung von Menschen über alle Geschlechter, Hautfarben und sexuellen Orientierungen hinweg. All das ist nicht neu.

Aber, das betonen die Grünen immer wieder, bei allem sei es wichtig, die Menschen mit einzubinden. Zum einen auch die Landwirte, die sich durch das erfolgreiche Volksbegehren zum Artenschutz angegriffen fühlen, das habe einen Keil in das Verhältnis getrieben. Bei Veranstaltungen der Grünen sei es schon so gewesen, dass Landwirte nur aus Protest gekommen seien, sagt Stieglmeier. Hinterher aber habe man gemerkt, dass man sich versöhnen, sich sogar verstehen kann und gar nicht so weit voneinander entfernt ist.

Die Grünen scheinen aus der Vergangenheit gelernt zu haben: Von Verboten ist keine Rede mehr, immer von Dialog und davon, die Bürger einzubinden. Das gilt auch bei der Windkraft im Landkreis. So müsse ein vernünftiger Abstand zu Anwohnern eingehalten werden und der Profit müsse zurück an die Bürger fließen.

2020 also wollen die Grünen ihre neue Stärke im Landkreis demonstrieren und drängen ganz neu auch in die Gemeinderäte von Forstern, Langenpreising, Ottenhofen, Pastetten, Wartenberg, Walpertskirchen und Wörth.

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Quelle:
SZ vom 12.02.2020
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