Süddeutsche Zeitung

Zwischen Welten:Ein bisschen Heimat

Unsere Kolumnistin besucht die Aufführung der Tanzgruppe Iz Perzem und fühlt sich wie in einer "kleinen Ukraine". Doch auch der Ort des Auftritts war ein besonderer.

Kolumne von Emiliia Dieniezhna

Schon lange wollte ich eine Aufführung der ukrainischen Tanzgruppe Iz Perzem (übersetzt "Mit dem Pfeffer") besuchen, bei der auch meine Freundin Halyna Kubiv tanzt. Halyna ist von Beruf Redakteurin und wohnt schon seit langer Zeit in München. Seit drei Jahren nun gehört sie zum Ensemble von Iz Perzem. Fotos von den Aufführungen hatte ich schon viele auf Social Media gesehen, und ich war immer sehr beeindruckt. Die Gruppe hat sich den traditionellen Tänzen meiner Heimat verschrieben, natürlich in unserer Volkstracht. Das weckt jedes Mal Erinnerungen an meine Kindheit, denn da habe ich viele Aufführungen mit diesen Tänzen gesehen. Sie sind ein Markenzeichen unserer Kultur.

Vor einer Woche nun ergab sich die Möglichkeit, eine Aufführung von Iz Perzem in München zu besuchen. Die Gruppe tanzte auf dem Sommerfest eines Seniorenheims des Bayerischen Roten Kreuzes. Leider war das auch der Tag nach dem Unwetter, welches über München hinweggezogen war. Deshalb fuhren keine S-Bahnen. Der Auftritt der Tanzgruppe war mir aber enorm wichtig. Mit dem Fahrrad und der U-Bahn war ich eineinhalb Stunden unterwegs, aber das habe ich nicht bereut. Es wurde zu ukrainischer Musik getanzt und gesungen, sodass ich mich fast ein wenig gefühlt habe wie in einer "kleinen Ukraine" mitten in München. Den Zuschauern hat es sehr gut gefallen, und ich war stolz, Ukrainerin zu sein.

Iz Perzem gibt es seit etwa 13 Jahren, und seit dem russischen Angriffskrieg sind sie besonders aktiv, um unsere Tanzkultur zu repräsentieren. Die meisten Tänzerinnen und Tänzer trainieren noch nach der Arbeit, auch die Auftritte sind meist abends. Aber es ist wirklich großartig, was sie da auf die Bühne bringen. Die Gruppe besteht aus Menschen, die schon lange unsere Heimat verlassen haben. Auch Ukrainer, die in Deutschland geboren wurden, sind dabei. Genauso wie nun auch Landsleute, die vor dem Krieg nach München geflohen sind. Es gibt sogar zwei doppelt Geflüchtete, Roman und Viktoria. Die beiden sind zuerst aus Luhansk und Donetsk nach Kiew geflohen, von wo aus sie sich dann im Februar 2022 nach München aufgemacht haben.

Die Tanzgruppe ist sehr bunt, aber auch sehr geeint in ihrem Wunsch, unsere Kultur den Deutschen und Europäern näherzubringen. Man konnte sie in München an den Kulturtagen sehen, in Stuttgart, und auch auf Festivals in Tschechien und Frankreich. Überall werden sie sehr gut aufgenommen - wie auch letzte Woche im Seniorenheim.

Die Gruppe hat drei verschiedene Teile getanzt. Zuerst sehr lebhaft und amüsant, wie ich die ukrainische Musik kenne. Danach wurde es trauriger, was zu unserem augenblicklichen Gemütszustand passt. Und am Ende gab es dann den ukrainischen Hopak, unser berühmter Tanz mit artistischen Luftsprüngen.

Ich habe Lächeln und Tränen zugleich in den Augen der Seniorinnen und Senioren gesehen. Viele von ihnen können unsere Situation besonders gut verstehen, weil sie während des Zweiten Weltkrieges Ähnliches erleben mussten. Ich habe mit einigen Frauen gesprochen, die Krieg und Flucht selber mitgemacht hatten. Eine 92-jährige Bewohnerin des Seniorenheims, die in Polen geboren wurde, hat mir erzählt, wie sie damals nach Deutschland geflüchtet ist. Der Auftritt der Tanzgruppe hat ihr sehr gefallen, weil das ihrem Lebensmotto entsprach: Obwohl das Leben schwierig sein kann, solle man es genießen, hat sie gesagt. Diesen Rat nehme ich mit. Und empfehle von Herzen, einen Auftritt der Tanzgruppe Iz Perzem zu genießen, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet.

Emiliia Dieniezhna, 35, flüchtete mit ihrer damals vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Sie arbeitet ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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