Süddeutsche Zeitung

Elendsquartier in Kirchtrudering:Normal ist hier nichts

Die Stadt hat die Räumung angekündigt und Hilfe versprochen - doch getan hat sich nicht viel im Elendshaus in Kirchtrudering. Immer noch leben dort 35 Menschen ohne Heizung und warmes Wasser. Und weitere Bewohner sind schon auf dem Weg.

Von Andreas Glas

Ivan G. schließt seinen Heizlüfter an die Steckdose. Ein kleines, weißes Ding aus Plastik mit 2000 Watt. "Und jetzt warte", sagt Ivan G. und vergräbt seine Hände in den Jackentaschen. Der Heizlüfter fängt an zu blasen, eine Minute, zwei Minuten, und gerade als sich im Zimmer so etwas wie Wärme ausbreitet, zack, fliegt die Sicherung raus. Das Licht geht aus, die Waschmaschine auf dem Flur verstummt, der Heizlüfter sowieso. "Siehst du", sagt Ivan G., "hab ich ja gesagt. Das ist Deutschland. Ist das normal?"

Nichts ist normal in Kirchtrudering. Auch nicht vier Tage, nachdem Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Räumung des Zweifamilienhauses angekündigt hat, in dem monatelang bis zu 70 Menschen unter erbärmlichen Zuständen gehaust haben. Es leben immer noch 35 Leute hier, davon fast die Hälfte Kinder. Es gibt immer noch kein warmes Wasser, die Heizung ist immer noch kaputt.

Ein Heizlüfter für drei Stockwerke

Da hilft auch der Lüfter nichts, den Ivan G. durch die Zimmer wandern lässt. Ein einziges Gerät kann eben kein dreistöckiges Haus heizen. Schon gar nicht, wenn alle drei Minuten die Sicherung rausfliegt. Etwa 35 Menschen hat die Stadt inzwischen woanders untergebracht. Das Haus ist jetzt nur noch halb so voll, Dachgeschoss und Keller, wo die Zustände am schlimmsten waren, sind geräumt. Laut Ivan G. sind aber schon wieder neue Bewohner auf dem Weg von Bulgarien nach Kirchtrudering. Vor dem Haus stehen jetzt drei Müllcontainer, die beiden Toiletten sind repariert. Mehr sei nicht passiert, auch die Nachbarn helfen nicht, sagt Ivan G.: "Aber zumindest müssen wir nicht mehr raus zum Sch . . .".

Das klingt derb, war aber über Monate Realität in Kirchtrudering. Am Montag waren dann Vertreter der Stadt angerückt und hatten sich umgesehen: Sozialreferat, Jugendfürsorge, Polizei, Feuerwehr. Doch seitdem, sagen die Bewohner, sei nichts mehr passiert. "Obwohl alle gesagt haben: Wir helfen, wir helfen", sagt Ivan G, sei im Grunde alles wie vorher. Der Ablaufschlauch der Waschmaschine steckt immer noch im Abfluss des Waschbeckens. Auf dem Boden im Bad steht immer noch das Wasser, baden müssen sie sich immer noch eiskalt. Und das, obwohl OB Reiter am Montag versprochen hatte, "die menschenunwürdigen, rechtswidrigen Umstände zu beenden".

Das Sozialreferat hat von den Zuständen offenbar monatelang gewusst, ohne einzugreifen. Der OB hat seinen Mitarbeitern deshalb Konsequenzen angedroht. Auch dem Vermieter droht Ärger, weil er sich an der Not der bulgarischen Bewohner bereichert haben könnte. Pro Matratze soll er 200 Euro monatlich kassiert haben. Als die Mieter nicht mehr zahlen wollten, rief er die Polizei, und die Zustände kamen ans Licht.

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Quelle:
SZ vom 31.10.2014/lime
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