Süddeutsche Zeitung

Vaterstetten:Erfrischung für die Seele

Die integrative Kindergruppe der Arbeiterwohlfahrt ist im Vaterstettener Seniorenwohnpark zu Hause. Die lebhaften Untermieter sind bei den Bewohnern sehr beliebt. Dennoch ist das Projekt einzigartig im Landkreis

"Sie ist immer so sparsam mir gegenüber. Ich sehe sie ja so selten", sagt die 88-jährige Ruth Strangfeld, während sie ihrer Urenkelin über den Rücken streicht. Die Dreijährige ist vollauf damit beschäftigt, eine Wurst aus grüner Knete zu formen. "Die Eltern wohnen zwar hier, arbeiten aber so viel, da hab ich wenig Zeit mit ihr gehabt." Seit einem halben Jahr wohnt die betagte Dame im GSD Seniorenwohnpark in Vaterstetten - und sieht ihre Urenkelin nun regelmäßiger. Sie ist eine von vier Senioren, die regelmäßig die "integrative Kindergruppe des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (Awo) besuchen. Bis zu elf Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren treffen sich an drei Vormittagen in der Woche im Gymnastikraum des Altenheims, um gemeinsam zu basteln, sich vorzulesen, zu spielen oder zu musizieren. Integrativ nennt sie sich, weil sie auch Kinder mit Handicap oder schwerer Erkrankung aufnimmt, wie derzeit die schwerbehinderte vierjährige Emma.

Christine Steinmetzger, Leiterin der Gruppe, betont, wie wichtig es ist, dass Kinder wie Emma abseits von Therapien und Sonderbehandlung auch ganz normal in einer Gruppe mit anderen Kindern spielen können. "Das tut ihr gut, und auch den wilden Buben in der Gruppe, die werden im Umgang mit ihr ganz lieb und fürsorglich", erzählt Steinmetzger. Mit einer Kollegin betreut sie die Gruppe, unterstützt werden sie von einem Bundesfreiwilligendienstler. Das Miteinander zwischen Jung und Alt zu fördern und so ungezwungene persönliche Kontakte und Freundschaften zwischen den Spielgruppenkindern und den Senioren entstehen zu lassen - das ist das erklärte Ziel des seit mehr als 14 Jahren bestehenden und im Landkreis Ebersberg einmaligen Projekts.

Es ist eine entspannte Szene, die Kinder reden durcheinander, es wird munter geknetet, auch die Senioren sind eifrig bei der Sache. "Egal ob Kinderlachen oder Tobsuchtsanfall - das ist eine Bereicherung für das Haus, die Kinder bringen frischen Wind rein", erzählt Christine Steinmetzger. Das gefällt den Bewohnern des Seniorenparks, bestätigt Ruth Strangfeld. Gezielt werden die Senioren zu Veranstaltungen eingeladen oder kommen dienstags, mittwochs und freitags von selbst in den Gymnastikraum, wo sich die Gruppe für drei Stunden trifft. Prinzipiell seien alle Bewohner, die Interesse haben, herzlich eingeladen, wenn Senioren aber erziehen wollen oder an starker Demenz leiden, müsse man leider auch mal Nein sagen. Von den vier anwesenden Bewohnern kommen zwei seit vier, eine sogar schon seit sechs Jahren regelmäßig zu den Treffen. "Das Miteinander soll etwas ganz Normales sein, nichts Aufgesetztes", ist Steinmetzger wichtig. Die Eltern bringen ihre Kinder gerne in die bunt gemischte Gruppe, sie sei immer ausgebucht, und das nur über Mundpropaganda, berichtet die Gruppenleiterin. Die individuelle Betreuung - drei Betreuer auf elf Kinder - und der Integrationsgedanke seien die Gründe dafür. Finanziell wird die integrative Kindergruppe von monatlichen Elternbeiträgen getragen und von der Gemeinde Vaterstetten bezuschusst.

Bürgermeister Georg Reitsberger, der der Gruppe jetzt einen Besuch abgestattet hat, ist erfreut über das Angebot. Er formt einem der Kinder, das an diesem Tag Geburtstag hat, ein Herz aus Knete. Er sei da schon Vollprofi, geübt vom vielen Kneten mit seinen Enkeln. Nach einem Geburtstagsständchen singen Kinder, Senioren, Betreuer und der Bürgermeister noch gemeinsam Kinderlieder - die kennt schließlich jeder - Junge und Alte.

Ruth Strangfeld ist glücklich, auf diese Art Zeit mit ihrer Urenkelin verbringen zu können. "Das gibt uns viel", sagt sie lächelnd und spricht auch für die anderen Senioren. "Wenn man Kummer hat und hier herkommt, erfrischt das Herz und Seele."

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Quelle:
SZ vom 14.07.2015
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