Süddeutsche Zeitung

Polizei in Ebersberg und Poing:"Eine gewisse Restangst bleibt immer"

Für die Polizistinnen und Polizisten im Landkreis Ebersberg hat sich durch die Coronakrise der Alltag stark verändert.

Von der Coronakrise sind viele Branchen betroffen, einige von ihnen können bei Einnahmeeinbrüchen allerdings nicht auf Hilfe vom Staat hoffen. Beispielsweise die Einbrecher, denen das Home-Office vieler Beschäftigter ungestörtes Arbeiten unmöglich macht. Die Polizei jedenfalls hat seit Beginn der Coronakrise einen deutlichen Rückgang dieser Delikte registriert, auch die Zahl der Verkehrsunfälle ging zurück und mit Wirtshausschlägereien mussten sich die Beamten - mangels Wirtshausbetrieb - in den vergangenen Monaten gar nicht mehr beschäftigen.

Der befürchtete Anstieg häuslicher Gewalt blieb bislang glücklicherweise aus - jedenfalls wurden nicht mehr Fälle gemeldet als sonst. Doch zu tun gibt es genug für die Polizistinnen und Polizisten in Poing und Ebersberg - und die Arbeit in diesen besonderen Zeiten birgt auch für sie besondere Herausforderungen.

Das fängt für die Chefs schon mit der Erstellung der Dienstpläne an: Schließlich muss gewährleistet sein, dass im Falle einer Erkrankung eines Mitarbeiters nicht gleich alle in Quarantäne müssen. In Poing bedeutet das für die Polizisten im Tagdienst: Sie arbeiten zwei Tage jeweils zehn Stunden, dann haben sie wieder zwei Tage frei. Ein ähnliches Schichtmodell praktiziert man in Ebersberg. Nicht jeder habe sich gleich mit dieser Lösung anfreunden können, sagt Poings Polizeichef Helmut Hintereder. Aber man habe nun einmal eine Lösung für diese besondere Situation finden müssen. Bis Ende Mai bleibt es vorerst dabei, gleichzeitig macht er sich auch schon Gedanken, wie man es anders regeln könnte.

Auch in den Räumen der Polizeiinspektionen ist es leerer als sonst, Zweier-Büros sind nur noch von einem Mitarbeiter besetzt. In Poing hat jede Dienstgruppe ihr eigenes Fahrzeug; Poolfahrzeuge, die von verschiedenen Mitarbeitern genutzt werden, werden nach jeder Schicht desinfiziert. Und auch der Zugang für Besucher ist in beiden Polizeiinspektionen restriktiver geregelt: In die Vorräume dürfen nicht mehr mehrere Besucher gleichzeitig eintreten, so viel wie möglich wird ohne direkten Kontakt oder schriftlich geregelt. Bei Vernehmungen tragen Polizeibeamten und Besucher Schutzmasken, zwischen ihnen stehen jetzt Plexiglasscheiben.

"Jeder weiß, dass er ein gewisses Risiko eingeht"

Inzwischen klappe das eigentlich ganz gut, sagen Hintereder und sein Ebersberger Amtskollege Ulrich Milius übereinstimmend. Und bisher ist ihre Strategie aufgegangen: In Ebersberg mussten zwar laut Milius immer wieder einzelne Mitarbeiter nach Kontakten mit Kranken in Quarantäne, doch angesteckt hat sich niemand. In Poing ist zwar ein Polizist erkrankt, allerdings am Ende eines längeren Urlaubs - so dass also keine Kollegen dadurch betroffen waren.

Gerade am Anfang sei aber die Unsicherheit und die Beunruhigung der Kollegen deutlich spürbar gewesen, sagen die beiden PI-Chefs. "Jeder weiß, dass er ein gewisses Risiko eingeht. Das gehört zum Beruf, wie bei Krankenschwestern oder Sanitätern", sagt Milius. Zwar sind die Polizisten inzwischen mit Schutzausrüstung gut ausgestattet, "aber eine gewisse Restangst bleibt immer", sagt auch Markus Stocker, Dienstgruppenleiter bei der Polizeiinspektion in Poing. In einigen Fällen - wenn das Gesundheitsamt sie nicht erreichen konnte - mussten er und seine Kollegen auch Betroffenen die Nachricht überbringen, dass sie mit dem Coronavirus infiziert sind. Ganz gelassen könne man mit Situationen wie diesen natürlich nicht umgehen, so Stocker.

Das Coronavirus hat nicht nur die Arbeitsorganisation, sondern auch die Art der Arbeit verändert. Sehr häufig waren die Beamtinnen und Beamten in den vergangenen Wochen unterwegs, um zu überprüfen, ob sich die Landkreisbürger auch an die Ausgangsbeschränkungen hielten. Oft wurden sie auf Hinweise von Nachbarn tätig. Meistens seien dann aber keine großen Verstöße festgestellt worden, "es gab auch Versuche, die Polizei bei Nachbarschaftsstreitigkeiten zu instrumentalisieren", berichtet Milius. Ähnliches hat Hintereder erlebt: "In vielen Fällen war das schon vor Corona keine gedeihliche Nachbarschaft."

Kontrolliert hat die Polizei an vielen Hotspots, beliebten Ausflugszielen und Treffpunkten. Von "erstaunlich wenig Verstößen" spricht dabei Milius, auch Hintereder zieht eine eher positive Bilanz. Die Reaktion der Kontrollierten war nach Erfahrung von Markus Stocker und seinen Kollegen recht unterschiedlich. "Der Großteil war einsichtig", erzählt er.

Beispielsweise eine Gruppe von Jugendlichen, die er einmal beim Picknicken antraf und die "absolut kooperativ und einsichtig" das Feld räumte. In anderen Fällen entspannen sich teils längere Diskussionen, in etlichen Fällen hätten die Menschen auch aus Unwissen falsch gehandelt, sagt Stocker. Einigen waren die neuen Regeln aber auch völlig egal, wie etwa einem Markt Schwabener, der ständig neue Besucher in seiner Wohnung empfing, aber dann nicht öffnete, als die Polizei vorbeischaute. Er hatte Pech: Anzeigen gab es gegen die beiden Wohnungsinhaber letztlich trotzdem.

Beobachtet hat Stocker, dass die Bereitschaft, sich an Beschränkungen zu halten, im Laufe der vergangenen Wochen doch deutlich nachgelassen hat - und dass offenbar bei vielen die Nerven inzwischen blank liegen. Ein Gastwirt, der Gerichte zum Mitnehmen angeboten und sich dabei völlig korrekt verhalten hatte, sei "fix und fertig" gewesen", weil bei einer Kontrolle ein Gast ohne Mund-Nasen-Schutz angetroffen worden sei. "Der war kurz vor dem Weinkrampf", erzählt Stocker, mit ihm habe man nur Mitleid haben können.

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SZ vom 19.05.2020/koei
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