Süddeutsche Zeitung

Energie:Was passiert, wenn der Blackout kommt?

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Hohe Stromkosten und eine unsichere Energieversorgung: Viele fürchten nun einen sogenannten Blackout. Das Landratsamt Ebersberg erstellt einen Notfallplan - doch was heißt das für den Einzelnen?

Von Sina-Maria Schweikle, Ebersberg

Man stelle sich vor, der Strom fiele im eigenen Haushalt aus. Und nicht nur dort, sondern in der ganzen Straße, im ganzen Ort, im ganzen Landkreis. Nicht nur für wenige Minuten, sondern für mehrere Tage. Welche Auswirkungen hat das auf einen selbst, die Familie, die Unternehmen vor Ort und die staatlichen Einrichtungen? Welche Konsequenzen hätte ein solcher Blackout für den Landkreis Ebersberg?

Während das für den Katastrophenfall zuständige Landratsamt Ebersberg einen Notfallplan für den Landkreis und dessen kritische Infrastruktur erarbeitet, bereiten sich auch Gemeinden und Einsatzleiter auf den Ernstfall vor. Doch was ist er überhaupt, der Ernstfall? Krieg, Krankheiten, Klimawandel: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat sich diese und andere Bedrohungen angeschaut und nach Wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß bewertet. Für besonders relevant hält das BBK das Szenario eines langanhaltenden, flächendeckenden Stromausfalls. Vermutlich eine realistische Vorstellung jetzt, wo die Verfügbarkeit der verschieden Energieträger unsicher geworden ist. Ein Blackout kann beispielsweise durch Naturkatastrophen, einen Cyberangriff oder durch Probleme beim Netzmanagement im Zuge der Energiewende erfolgen. Doch wie wahrscheinlich ist das? "Aktuell gibt es keinen Anhaltspunkt für ein höheres Risiko, dass mit einer großflächigen, lange dauernden Versorgungsunterbrechung zu rechnen ist", heißt es von Christian Martens, Pressesprecher der Bayernwerk Netz.

Die Gemeinde Grafing bereitet sich auf einen möglichen Blackout vor

Nichtsdestotrotz scheinen die Kommunen das Szenario ernst zu nehmen - schließlich müssen sich diese im Katastrophenfall zunächst selbst helfen, bevor aus dem Landkreis, dem Freistaat oder dem Bund Hilfe kommt. Die Stadt Grafing geht mit gutem Beispiel voran. "Ein möglicher Blackout ist ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen", sagt Christian Bauer. Er ist Kreisvorsitzender des Gemeindetags und Bürgermeister von Grafing. Deshalb sei man gerade dabei, zwei Notstromaggregate anzuschaffen: eines für die Feuerwehr, das andere für das Rathaus. "Als Kommune müssen wir im Notfall eine zentrale Anlaufstelle einrichten, damit man sich austauschen und Notfallstrukturen schaffen kann."

Auch wenn ein Blackout-Szenario für die Bayernwerk Netz noch unwahrscheinlich erscheint - sollte es zu einem Stromausfall kommen, hat das Bayernwerk "rund um die Uhr Serviceteams vor Ort in Bereitschaft", sagt Pressesprecher Christian Martens. Die Betreuung des Landkreises Ebersberg erfolge dabei über die Kundencenter in Ampfing und Taufkirchen. Sollte es jedoch zu einem Krisenfall und einem langanhaltenden und überregionalen Stromausfall kommen, sei man "so gut vorbereitet, wie man es eben sein kann". So gebe es beispielsweise Krisenpläne und regelmäßig theoretische Testläufe, um die Kommunikation zwischen zwischen Netzführung, Rettungskräften und Behörden im Krisenfall sicherzustellen.

Ohne Eigenverantwortung wird es nicht möglich sein

Während die Netzbetreiber in einem solchen Szenario versuchen, den Strom wieder in Gang zu bringen, würden sich das THW und der Landkreis um die Bürger kümmern, aber vor allem um die kritischen Infrastrukturen im Landkreis. Deshalb hat das Landratsamt Ebersberg einen Notfallplan für den Landkreis erarbeitet und veranlasste im März dieses Jahres eine Abfrage bei den Betreibern der kritischen Infrastrukturen (Kritis) im Landkreis. Dazu zählen insbesondere alle Gemeinden, Strom- und Gasversorger, Wasserver- und Entsorgung, die Kreisklinik sowie Pflege- und Seniorenheime. Ziel dieser Aktion sei es, im Rahmen des Katastrophenschutzes einen besseren Überblick zu erhalten, wann welche Einrichtung bei einem Stromausfall Probleme bekommen könnte. Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse wird eine digitale Lage- und Übersichtskarte entworfen, um im Katastrophenfall effektiver agieren zu können.

"Das Landratsamt hat sich wohl mit einem möglichen langanhaltenden Stromausfall beschäftigt. Was für Maßnahmen davon abgeleitet werden, ist jedoch fraglich", sagt Lydia Wörlein. Die Einrichtungsleiterin des Awo-Seniorenzentrums in Kirchseeon blickt skeptisch auf die Debatte um die Energieknappheit und ein mögliches Katastrophenszenario und stellt die Frage: Wie soll man sich auf so einen langfristigen Stromausfall überhaupt vorbereiten? "Wir haben ein relativ leistungsfähiges Notstromaggregat, das uns über die Runden bringen kann - aber eben auch nur so lange, wie wir an Diesel kommen", sagt Wörlein. Damit übernimmt die Heimleiterin Eigenverantwortung. Dies ist auch notwendig, denn das Landratsamt Ebersberg teilte den Kritis-Betreibern mit, dass der Katastrophenschutz des Landkreises allein nicht die Kapazitäten habe, flächendeckend Notstromaggregate zur Verfügung zu stellen.

Wer erhält im Ernstfall ein Notstromaggregat?

Doch wie viele Notstromaggregate gibt es im Landkreis, wer hat diese und wer entscheidet im Ernstfall darüber, wer damit versorgt wird und wer nicht? Neben dem landkreiseigenen Notstromaggregat verfüge auch das THW über eines, heißt es aus dem Landratsamt. Beide stehen in Markt Schwaben und werden regelmäßig gewartet. "Das Landratsamt verfügt über ein Verzeichnis von einsatzbereiten Notstromaggregaten der öffentlichen und privaten Hand." Wer im Ernstfall eines zur Verfügung gestellt bekommt, entscheidet die "Führungsgruppe Katastrophenschutz", die im Landratsamt eingerichtet wird. Die Beschaffung eines weiteren Aggregats für den Landkreis läuft bereits, mehr ist nicht in Planung, heißt es aus dem Landratsamt. Ob für die Notstromaggregate auch der benötigte Diesel bereitsteht, beantwortet das Amt damit, dass die Aggregate nach derzeitigem Stand nur für den kurzfristigen Betrieb ausgelegt sind, und es dementsprechend keine größeren Reserven gibt.

Nur ein kurzer Blick in den eigenen Alltag reicht aus, um zu erkennen, wieviel am Strom aus der Steckdose hängt: Gefriertruhe, Kühlschrank, Herd und Backofen, DSL, Fernseher und Radio. Doch nicht nur im eigenen Haus, auch in der Wirtschaft geht ohne Strom nicht mehr viel. Nur die wenigsten Betriebe dürften eine hinreichende Notstromversorgung inklusive des dazugehörigen Treibstoffes haben. Dass ohne Strom elektronische Zahlungsmittel nicht mehr funktionieren, ist offensichtlich. "In einem solchen Fall bin ich mir nicht sicher, wie Bezahlungen getätigt werden könnten - man müsste Rechnungen wieder handschriftlich schreiben. Aber wie sollen die Kunden ohne Bargeld bezahlen?", sagt Sonja Zieglturm. Sie ist IHK-Sprecherin und Geschäftsleiterin der Bayerischen Blumenzentrale in Parsdorf. Doch der Zahlungsverkehr ist nicht das einzige Problem, das die Geschäftsfrau in einem solchen Szenario beschäftigt. Mit Insellösungen und Notstromaggregaten könnte man zwar vieles kurzfristig am Laufen halten. "Wie dieses Szenario in produzierenden Unternehmen aussieht ist eine andere Frage", sagt sie. Denn die Betroffenheit im Ernstfall wären sehr unterschiedlich. Damit kleine und mittelständische Unternehmen in der Krisenvorsorge nicht alleine gelassen werden, hat der Bayerische Verband für Sicherheit in der Wirtschaft (BVSW) die Kampagne "Schritt für Schritt krisenfit", ins Leben gerufen. Mit der Unterstützung der Gesellschaft für Krisenvorsorge (GFKV) stellt der Verband Informationsmaterial bereit, mit denen die Betriebe ihre Vorsorge widerstandsfähiger machen können.

Die Einsatzplaner für den Katastrophenfall sind vorbereitet

Doch so ernüchternd die Antworten aus dem Landkreis vielleicht klingen mögen - die Einsatzplaner für den Katastrophenfall scheinen vorbereitet zu sein. Für solche Szenarien stehen alle Führungskräfte des Landkreises, das heißt Feuerwehr, Rotes Kreuz und THW und Polizei im regelmäßigen Austausch, sagt auch Andreas Heiß, Kreisbrandrat für den Landkreis Ebersberg. Dabei sprechen sie, so Heiß, über mögliche Abläufe und Maßnahmen in einem Katastrophenfall, sowie über neue Gerätschaften und den Umgang damit. Denn "die Benutzung und insbesondere das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure muss geübt werden, um im Ernstfall zu funktionieren", sagt Heiß. Die Feuerwehr würde auch ihre Gerätehäuser öffnen, damit Menschen dort Zuflucht finden könnten.

In der Konsequenz aus Pandemie, Krieg und Umweltkatastrophen will Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Gefahrenabwehr im Freistaat mit dem Konzept "Katastrophenschutz Bayern 2025" weiterentwickeln. "Neben Notstromaggregaten werden wir auch Satellitentelefone beschaffen, um eine zuverlässige Kommunikation der Katastrophenschutzbehörden in Krisenlagen zu gewährleisten und abzusichern." Es sind Lehren, die man vor allem aus der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal 2021 gezogen hätte, teilt das Bayerische Innenministerium mit. Demnach würde aktuell die Ausschreibung eines Rahmenvertrages zur Beschaffung von Satelliten-Sprechfunkgeräten (push to talk) vorbereitet. Der Zuschlag soll noch im Herbst dieses Jahres erfolgen. Das Landratsamt Ebersberg könne dann ebenfalls aus der Rahmenvereinbarung abrufen, heißt es weiter.

Christian Bauer rät den Bürgern sich mit einem Notfallpaket einzudecken

Trotz dieser Hilfen bei der Beschaffung von Ausrüstung: Auswirkungen einer Katastrophenlage können am besten vor Ort eingeschätzt und bewältigt werden. Deshalb liege die Einsatzleitung stets bei der örtlichen Katastrophenschutzbehörde. Der Freistaat würde jedoch "über die jeweils eingerichteten Führungsgruppen beim Katastrophenschutz koordinierend tätig sein und etwa für überörtliche Unterstützungs- und Hilfeersuchen der Landratsämter beziehungsweise kreisfreien Städte zur Verfügung stehen", erläutert das Innenministerium.

Letztlich plädieren das Landratsamt Ebersberg, die Kommunen und Katastrophenschützer an die Eigenverantwortung der Bürger. Damit diese einige Tage autark von der Gemeinde in einer solchen Lage durchhalten, rät Christian Bauer, sich mit einem Notfallpaket einzudecken und verweist dazu auf die Homepage des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Dort hat das BBK Informationen zusammengetragen, die jeder beherzigen sollte. Von der Bevorratung von Trinkwasser bis hin zum kurbelbetriebenen Radio ist dort alles aufgelistet, was in den Vorrat gehört, um nicht sofort auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein.

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