Süddeutsche Zeitung

Veranstaltung am Wochenende:Intime Inspirationen

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Bei der "Atelierdiagonale" geben neun Künstlerinnen und Künstler tiefe Einblicke in ihr Schaffen. Sie zeigen nicht nur, woran sie gerade arbeiten, sondern auch wo und wie. Eine Tour durch den südlichen Landkreis.

Von Anja Blum, Moosach

Wenn wir ehrlich sind: In jemandes Zuhause eingeladen zu werden, ist grundsätzlich schön. Spricht dieser Akt doch von Wertschätzung, und auch von Vertrauen. Schließlich gibt sich der Gastgeber Mühe, jedenfalls meistens, und gewährt dem Besucher intime Einblicke in seine Welt. Das gilt umso mehr für jene Künstlerinnen und Künstler, die sich nun wieder an der "Atelierdiagonale" durch den südlichen Landkreis Ebersberg beteiligen. Sie zeigen ihren Gästen nämlich nicht nur, was sie gerade beschäftigt und woran sie arbeiten - sondern auch wo und wie. Vollgekleckste Böden, massenweise Farbtiegel und Pinsel, filigrane Staffeleien und schweres Gerät, Entwürfe neben Fertigem, Ordnung oder kreatives Chaos: An den Wirkungsstätten der beteiligten Maler und Bildhauer gibt es unglaublich viel Spannendes zu entdecken.

Es lohnt sich also, am kommenden Wochenende eine Tour durch den südlichen Landkreis zu unternehmen, vielleicht sogar mit dem Rad. Fünf Stationen gibt es zu besuchen, in Moosach, Herrmannsdorf, Pullenhofen, Grafing und Zorneding stehen am Samstag, 2. Juli, von 15 bis 20 Uhr und am Sonntag, 3. Juli, von 11 bis 20 Uhr Ateliertüren offen. Treffen kann man dort neun professionelle Künstlerinnen und Künstler: Gisela Heide, Rosa Pfluger, Ingrid Köhler, Cornelia Melián, Andreas Mitterer, Stefan Heide, Johannes Gottwald, Maja Ott und Hubert Maier. Die genauen Adressen sind zu finden auf der Homepage des Gemeinschaftsprojekts.

Große Möglichkeiten

Ganz neu ist der Standort in Grafing. Gisela Heide, bislang gemeinsam mit ihrem Mann Stefan in Pullenhofen angesiedelt, ist gerade erst in ein Atelier in der nahen Stadt gezogen - und überglücklich. Zwar muss sie künftig beim Malen auf den Duft von Kuhmist verzichten, doch die Räumlichkeiten gegenüber einer Brauerei bieten diverse andere Vorteile. Einst extra für einen Kirchenmaler gebaut, wird das Atelier dank großer Fenster von reichlich Licht durchflutet, außerdem ist es viele Meter hoch. "Ich arbeite sehr gerne sehr groß", sagt Gisela Heide, nun sei ihr das endlich möglich, ohne die Leinwand schräg oder gar quer zu stellen. Wie zum Beweis hängt an der Wand ein etwa drei Meter hohes Gemälde. Hinzu kommt, dass das neue Atelier über eine kleine Galerie verfügt, einen geschützten Raum, in dem Heide ihre kunsttherapeutischen Kurse anbieten kann, die sie künftig weiter ausbauen möchte. "Atelier Freiraum" nennt Heide ihre Grafinger Praxis.

Was ihre eigene, freie Kunst angeht, hat sich Heide diesmal für einen Querschnitt durch die vergangenen 20 Jahre entschieden, sie zeigt alte wie neue Arbeiten. "Ich habe ohnehin gerade alles von Pullenhofen nach Grafing umgeräumt - da lag das nahe", erklärt sie. Im Zentrum von Heides Malerei steht der Mensch, besonders interessiert sie der Übergang zwischen Innen und Außen, jene durchlässige Membran, die beide Sphären miteinander verbindet. Ausdruck findet diese bei Heide in Porträts, aber auch in abstrahierten Abbildungen von Kleidungsstücken. Das Drei-Meter-Bild etwa zeigt einen buntgemusterten Pullover.

Doch nicht nur schauen kann man in dem neuen Atelier, sondern auch selbst Hand anlegen, Heide plant ein interaktives Gemeinschaftsprojekt: Sie hat einen großen Holzrahmen gebaut, in dem die Besucher einen bunten Teppich weben sollen, allerhand Stoffbahnen stehen dafür zu Verfügung. Für die Künstlerin hat diese Aktion auch ein starke soziale Seite: "Toleranz entsteht aus der Vielfalt und im Anerkennen des Anderen. Darauf beruht unsere gemeinsame Kraft."

Von Woodstock nach Moosach

Wie ein großes Gemeinschaftswerk entsteht, das kann man auch in Moosach beobachten: Die beiden Gäste Andy Webster und Derek Tyman aus England bauen mit Hausherr Hubert Meier derzeit die "Maverick-Fassade", eine riesige Holzkonstruktion. Das Projekt geht zurück auf eine gleichnamige Künstlerkolonie, die 1916 in den Wäldern bei Woodstock nahe New York eine Konzerthalle aus Holz schuf. 1952 feierte John Cages legendäres Werk "4′33" dort seine - unhörbare - Uraufführung. Obwohl grob behauen und gezimmert, bietet die Halle der Musik bis heute ein Refugium. In Moosach entsteht nun ein Nachbau der eindrücklichen Fassade, es sind mehrere Performances geplant, noch aber wird in der Werkstatt Maiers gesägt und gehämmert, was das Zeug hält.

Auch Hausherrin Maja Ott kann man über die Schulter schauen, wobei ihre Malerei allerdings rätselhaft bleibt: Die Moosacherin ist Expertin für Hinterglasbilder, das heißt, sie trägt die Schichten sozusagen von vorne nach hinten auf, wie ihr Werk tatsächlich aussieht, kann man während seiner Entstehung nur erahnen. Gott sei Dank sind aber in dem Atelier genügend fertige Arbeiten zu bestaunen. Das jüngste ist mehr als drei Meter lang: "eine Utopie ohne Artensterben, Klimakrise oder Krieg", sagt Ott fast entschuldigend. Dabei ist klar: Eine kritische Auseinandersetzung mit derlei Unbill würde sich mit ihrer faszinierenden Art zu malen wohl kaum vertragen. Das Panorama jedenfalls zeigt mal wieder allerhand Zauberhaft-Organisches, haufenweise Flora, aber diesmal auch viel Fauna. Korallen treffen hier auf Trauben, Fische auf Fasane, Quallen auf Blüten. Eine in allen Farben strahlende Utopie.

Spannung bieten Cornelia Melián und Andreas Mitterer: Die beiden haben gemeinsam eine Installation samt Performance ersonnen, haben in Moosach einen Raum gestaltet, den sie am Sonntag bespielen wollen. Gewidmet sei die Kooperation René Daumals unvollendetem Roman "Der Berg Analog", erklärt Melián, auf den sie beide unabhängig voneinander kürzlich gestoßen seien. "Das ist ein mystisch-kultisches Buch, das schon wahnsinnig viele Künstler inspiriert hat." Er handelt von der Expedition einer bunt zusammengewürfelten Reisegruppe, die den Sinn des Lebens auf einem bis dato unbekannten Berg zu finden hofft. Was genau nun aber in Moosach passieren wird, bleibt ungewiss. Es gibt Licht, Nebel, weiße Gipfel und Musik - dazu aber weder Gesang, noch Worte. "Wir haben festgestellt: Manchmal ist weniger tatsächlich mehr", sagt Sängerin Melián und lächelt geheimnisvoll.

Archetypische Geschichten

Überbordende Fülle kann hingegen erleben, wer Stefan Heide in Pullenhofen besucht. Er nämlich hat nun mehr Platz in dem Atelier - und überdies seit Monaten einen "totalen Schub". Er zeichne jeden Tag vier bis acht kleine Papierarbeiten, "ich lasse es einfach laufen", sagt der Künstler. Hinzu kommen haufenweise große Gemälde, neuerdings auch wieder Plastiken und Objekte aus diversen Materialien. Jeder Zentimeter des Ateliers ist gefüllt, suchte man ein Paradebeispiel für kreatives Chaos: Hier würde man fündig. Heides Grundmotiv ist dabei "der Mensch als Gegenüber", zu entdecken gibt es viele Porträts, aber auch traumartige, archetypische Szenen, mit denen der Künstler irrationalen, unbewussten Strukturen nachspürt. Vor allem Spielzeug hat es ihm momentan angetan, das er in Skulpturen verbaut oder auf kleinen Bühnen drapiert und so teils gruselige, teils humorvolle Geschichten vom Leben erzählt.

Bildhauer Johannes Gottwald erwartet die Gäste der Atelierdiagonale wie immer in Herrmannsdorf. Der Meister der Kettensäge präsentiert diesmal keine fein gearbeiteten, mit Kabeln vernähte Holzreliefs, sondern zwei große, beeindruckende Skulpturen. Zum einen hat er einen Stamm ausgehöhlt und daraus ein rundes, geschwungenes Gitternetz geformt. Kunst gewordene Natur. Das andere Werk ist sozusagen eine Gottwald-Jurte, ein Art Zelt aus Holz, absolut licht-, wasser- und luftdurchlässig. Auch dessen wellenförmige Struktur verweist auf die große Könnerschaft dieses Künstlers, der zuletzt durch eine Kooperation mit dem Aktionskreis Energiewende Glonn von sich reden machte: Installationen im öffentlichen Raum sollten die Aufmerksamkeit auf den Klimawandel lenken.

Gleich zwei Künstlerinnen erwarten die Besucher in Zorneding: Die Malerin Ingrid Köhler hat Rosa Pfluger aus Pöring eingeladen, ebenfalls in ihrem Atelier auszustellen. Pfluger war einst Köhlers Schülerin, absolvierte als Abiturientin bei ihr ein Kunst-Additum. Heute studiert die 24-Jährige selbst an der Akademie. Die Einladung zur Diagonale nahm sie dankend an - hat sich allerdings entschieden, nicht das Atelier, sondern andere Räume des ehemaligen Bauernhofs zu nutzen. Pflugers Arbeiten sind nun in einer großen Garage und im Garten zu finden.

Räumlich sind die Werke der beiden Künstlerinnen also getrennt, doch inhaltlich lassen sich durchaus Parallelen finden: Beide beschäftigen sich mit ihrer ländlichen Umgebung. Köhlers Schaffensdrang entspringt der Natur, der Lust an deren Schönheit, sie malt gerne draußen und lässt sich dabei ganz von ihrer flüchtigen Wahrnehmung von Licht, Farben und Linien leiten. "Solche Strohballen zum Beispiel male ich sehr gerne", sagt sie und deutet auf ein Bild mit Zorneding im Hintergrund. "Aber da muss man schnell sein, die werden immer bald weggeräumt." Indes: Gegenständliches löst sich bei ihr meist weitgehend auf, so entstehen Impressionen, die Köhlers persönliches Erleben sichtbar machen.

Rüben im Sonnenlicht

Einst hat Köhler Zuckerrüben gezeichnet, Pfluger ebendiese nun zum Motiv ihrer Cyanotypie erkoren. Für das alte fotografische Verfahren, auch als Eisenblaudruck bekannt, habe sie nämlich eine möglichst dreidimensionale, unfotogene Pflanze gesucht, erzählt die 24-Jährige und lacht, zudem habe sie das Papier gleich vor Ort, auf dem zerfurchten Acker, belichtet. Dementsprechend groß sind die Verfremdungseffekte, die Rüben kaum als solche erkennbar. Eine reizvolle, rätselhafte Serie in Blau. Nicht weniger Raum für Interpretation lässt Pflugers Installation im Garten, gleich neben einer Blühwiese, die sich auch auf einem Gemälde Köhlers wiederfindet, hat sie unbehandelte Schafswolle drapiert. Drumherum steht ein kleiner, selbstgebastelter Drahtzaun, der allerdings nicht geschlossen ist. "Da geht es mir um das Verhältnis Mensch und Tier - aber ich will nichts anprangern, sondern es spielerisch hinterfragen", erklärt die junge Künstlerin.

Übrigens: Auch das Motto, das die Beteiligten dieser Ausgabe der Atelierdiagonale verliehen haben, hat mit großem Vertrauen zu tun. Es stammt von Hilde Domin, einer deutschen Dichterin jüdischen Glaubens, die zeitlebens mit ihren traumatisierenden Verfolgungs- und Exilerfahrungen kämpfte. Der Satz lautet: "Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug." Das ist es, was diese Künstlerinnen und Künstler immer wieder tun. Und wozu sie nun auch ihr Publikum herzlich einladen.

"Atelierdiagonale" in Moosach, Herrmannsdorf, Pullenhofen, Grafing und Zorneding: Samstag, 2. Juli, von 15 bis 20 Uhr und Sonntag, 3. Juli, von 11 bis 20 Uhr.

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