Süddeutsche Zeitung

Umweltschutz:Kampf den "Steinwüsten"

Zum Wohle der Umwelt soll Dachau in Zukunft das Anlegen von Schottergärten verbieten. Das fordern nicht etwa die Grünen, sondern die Stadtratsfraktion der Freien Wähler und Bürger für Dachau. Im Lager der Öko-Parteien stößt der Antrag auf Zustimmung

Von Jacqueline Lang, Dachau

Dass Umweltschutz längst kein Thema mehr ist, das nur sogenannten ÖkoParteien wie den Grünen ein Anliegen ist, zeigt ein gemeinsamer Antrag von Freien Wählern Dachau (FWD) und Bürger für Dachau (BfD), die im Stadtrat eine Fraktionsgemeinschaft bilden: Sie fordern ein Verbot sogenannter Schottergärten im Dachauer Stadtgebiet. "Insbesondere bei Neubauten beziehungsweise Neuanlagen von Gärten soll unserer Ansicht nach das Schottergärten-Verbot per Verordnung oder Satzung umgesetzt werden", so die Forderung.

In Neubaugebieten sei zunehmend zu beobachten, dass immer mehr sogenannte

Schottergärten angelegt werden. "Viele Eigentümer glauben, damit eine pflegeleichte Gartenanlage zu schaffen. Es entsteht dadurch aber eine für Pflanzen und Insekten lebensfeindliche Steinwüste", begründen die Stadträte Markus Erhorn, Robert Gasteiger (beide FWD) und Horst Ullmann (BfD) ihr Anliegen. Um "die Artenvielfalt zu erhalten und eine Verbesserung des kleinräumigen Klimas zu erreichen", seien Blühgärten wesentlich besser geeignet. Ein intaktes Kleinklima sei, heißt es in dem Papier, ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz und gegen die Klimaerwärmung. Einige Kommunen hätten aus diesem Grund bereits Verbote von Schottergärten erlassen, in Bayern etwa die Städte Erlangen und Würzburg. In Erlangen hatten ebenfalls die Freien Wähler das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Die Stadtratsfraktion bittet die Dachauer Verwaltung daher, "Möglichkeiten zur Durchsetzung eines solchen Verbotes zu prüfen" und dem Stadtrat zur Abstimmung zu stellen.

Peter Heller, Vorsitzender des Dachauer Ortsverbands des Bund Naturschutz (BN) und Mitglied des Bündnisses für Dachau, überrascht der Antrag nicht - auch nicht, welche Parteien ihn gestellt haben. "Ich sehe das als Zeichen dafür, dass das Volksbegehren nachhaltig ein Bewusstsein für Umweltthemen geschaffen hat", so Heller. Bereits vor zwei Jahren hatte der BN eine Fotoausstellung zum Thema Schottergärten mit dem bezeichnenden Titel "Tatort Garten" organisiert. Sie war eine Zeitlang auch in Dachau zu sehen.

"Leider werden diese Gärten immer noch als Designergärten verkauft, sind aber letztlich nichts anders als Steinwüsten", kritisiert Heller. Durch die fehlenden Grünflächen heize sich zum einen das Klima immer weiter auf, zum anderen gehe die Artenvielfalt verloren. Seit dem Volksbegehren, das unter dem Namen "Rettet die Bienen" bekannt geworden ist, spüre er aber ein zunehmendes Bewusstsein für das Problem. Er hofft, dass noch weitere Themen, etwa die Regenwassernutzung, in Zukunft schon in den Bebauungsplänen geregelt werden. Zudem könnte er sich vorstellen, über Förderungen Anreize für Bürger zu schaffen, ihre Gärten insektenfreundlich zu bepflanzen und keine "Ungärten" zu errichten. Einen Rückbau bereits errichteter Schottergärten hält Heller indes rein rechtlich für kaum durchsetzbar.

Davon geht auch Freie-Wähler-Politiker Markus Erhorn aus - schließlich gelte der Bestandsschutz. Denn auch wenn er sich überzeugt davon gibt, dass der Dachauer Stadtrat sich für eine Prüfung der Möglichkeit, solche Gärten zukünftig zu verbieten, aussprechen werde, so sei ihm klar, dass die Umsetzung eines solchen Verbots zunächst baurechtlich genauestens untersucht werden müsse. "Wir hoffen auf eine kreative Lösung", so Erhorn. Wie aber kommt es überhaupt, dass die Freien Wähler sich plötzlich für das Thema Umweltschutz stark machen? "Wir sind zwar keine Öko-Partei, aber das Thema Umweltschutz ist uns schon immer wichtig", sagt Erhorn. Auf kommunaler Ebene könne man zwar keine großen Veränderungen bewirken, aber schon kleine Maßnahmen, die sinnvoll seien, könnten einen positiven Einfluss haben. Vor allem im Hinblick auf die entstehende Neubausiedlung auf dem MD-Gelände mitten in der Stadt sei es wichtig, so Erhorn, ein solches Verbot zu erwirken.

Mit ihrem Vorstoß sind die FWD und die BfD sogar den Dachauer Grünen zuvorgekommen. Einen ähnlichen Antrag habe man tatsächlich auch in der "Pipeline" gehabt, sagt Luise Krispenz. Die stellvertretende Fraktionssprecherin und Dritte Bürgermeisterin begrüßt es dennoch, dass nun auch andere Gruppierungen das Thema Ökologie für sich erkannt haben. "Wir hätten nicht mit der Unterstützung der Freien Wähler gerechnet", so Krispenz. Und selbst wenn diese das Thema nur aufgreifen, weil sie erkannt hätten, dass man damit in der Bevölkerung punkten kann, könne "man ihnen das nicht übel nehmen". Letztlich gelte es nun sehr genau zu schauen, wie nachhaltig das Engagement sein werde - vor allem bei Themen, wo es "schmerzlicher ist".

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SZ vom 31.08.2020
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