Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Geschichten aus dem Dachauer Land, Teil 3:Bauern, Pilger und Agenten

Das Dörfchen Kreuzholzhausen ist eine Fundgrube kurioser Geschichten. Die Bewohner erzählen von sprechenden Dachrinnen, unorthodoxen Löschmethoden und einer verschwundenen Reliquie.

Hinter der Weide am Zaun steht ein Flurkreuz. Der gekreuzigte Heiland blickt auf den Rasen, dort, wo bei einem richtigen Spielfeld die Seitenlinie wäre. Vor dem Krieg hatte das kleine Kreuzholzhausen einen eigenen Fußballclub; der Versuch, ihn wiederzubeleben, ist gescheitert. Wer fußballerische Ambitionen hat, geht zum TSV Bergkirchen, in Kreuzholzhausen wird heute nur noch zum Spaß gekickt. Nebenan befindet sich der Kinderspielplatz und ein Stockschützenplatz. "Unser Seniorenspielplatz" sagt Hans Reisner und lacht. Er ist hier geboren und aufgewachsen und selbst schon im Ruhestand. Maschinenbauer a.D. sozusagen. Er hat noch erlebt, wie sein Vater, der Reisner Pauli, den Pferden der Bauern die Hufe beschlagen hat. Das ist lange her.

Das väterliche Haus "Zum Schmied" wurde durch einen Neubau ersetzt, Pferde sieht man hier kaum noch. Richard Wagner hat noch welche. Mit seiner Frau Dagmar betreibt er einen Erlebnisbauernhof. Es gibt Ziegen und Schafe und Hasen und ein Pony namens Shetty, die Eselin Momo und die beiden Wollschweine Ham and Bacon. Autos fahren hier nur selten. Es ist still in Kreuzholzhausen. Es sei denn, auf der Autobahn A8 ist wieder mal Stau. "Dann brettern die hier alle durch", sagt Susanne Brandl. Sie ist Reisners Tochter und Nachbarin, sie arbeitet als Fotografin, und hat selbst eine oberbayerische Bilderbuchlandschaft vor der Haustür. Bauernhäuser schmiegen sich in eine schützende Senke zwischen den Hügeln, hinter alten Holzzäunen stehen knorrige Obstbäume, Hühner gackern in Verschlägen. In östlicher Richtung erhebt sich der Wald, eine dunkle Wand aus mächtigen Wipfeln.

In alten Quellen hieß der Ort schlicht Holzhausen, wie 58 andere Orte in Deutschland heute noch, es ist eine gängige Bezeichnung für Siedlungen am Wald. Warum der Ort sich vom 11. Jahrhundert als Kreuzholzhausen aus der Masse der anderen Holzhausen heraushob, erschließt sich leicht: Mitten im Ort, auf einer kleinen Anhöhe, dem Kirchberg, thront die uralte Pfarrkirche Heilig Kreuz mit ihrem spitzen Satteldach. Auch der Bolzplatz mit dem Holz-Christus gehört der Kirche, erzählt Hans Reisner. Die Gemeinde habe das Areal nur gepachtet.

Als der Pfarrer zum Revolver griff

In dem 230-Seelen-Dorf kann man besichtigen, was das Vermögen der katholischen Kirche heute ausmacht: Grund und Boden. Und Immobilien. Beim Gang durch den Ort geht es am Pfarrstadl vorbei, es ist ein großes, heruntergekommenes Haus. Dahinter stößt man auf eine Art Villa mit hübschen Erkern inmitten wuchernder Büsche. Was aussieht wie ein verwunschenes Schloss, ist das Pfarrhaus. Im Mai 1878 war es Schauplatz wüster Attacken, wie der Amperbote berichtete: "In jüngster Zeit wurden in dem zu den Pfarrgebäulichkeiten in Kreuzholzhausen gehörendem Neubaue von bübischen rohen Burschen die Fenster eingeworfen und in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch wurden auch im Pfarrhofe selbst sämmtliche Fenster zertrümmert, so daß der Herr Pfarrer sich genöthigt sah, um die rohe Horte zu verscheuchen, einige Revolverschüsse abzufeuern."

Diese Gefahr besteht heute nicht mehr. Das Gebäude steht leer und ist dem Verfall preisgegeben, einen eigenen Pfarrer hat Kreuzholzhausen schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Alle zwei Wochen kommt ein Geistlicher aus Bergkirchen und hält hier den Gottesdienst ab. Die mit kunstvollen Gemälden und viel Goldstuck verzierte Pfarrkirche bietet Platz für 250 Menschen - mehr als in Kreuzholzhausen wohnen. Leer bleiben die Bänke trotzdem nicht. "Die Kirche ist hier immer überdurchschnittlich gut besucht", sagt der Mesner. Aber früher waren es schon mal mehr.

Im 17. Jahrhundert verzeichnete die Kirche 400 bis 500 Seelen in dem kleinen Ort. Zu dieser Zeit war Heilig Kreuz Ziel vieler Wallfahrer. Angeblich wurde im Altar ein Splitter des Kreuzes Jesu aufbewahrt: eine Art Super-Reliquie, die von den Gläubigen verehrt wurde. Der Reformator Johannes Calvin spottete, all die angeblichen Kreuzsplitter, ergäben zusammen eine ganze "Schiffsladung" voll. Tatsächlich gab es über Jahrhunderte einen schwungvollen Handel mit echten oder vermeintlichen Reliquien. Ob der Kreuzholzhausener Splitter echt war, wird sich wohl nie mehr klären lassen: Im Dreißigjährigen Krieg ging er verloren. Der Einmarsch der Schweden hatte aber weitaus schlimmere Folgen als den Verlust einer religiösen Attraktion. Mord und Totschlag, Hunger und nicht zuletzt die Pest dezimierten die Einwohner auf etwa 50 Personen. Unter der Dorflinde steht heute noch eine steinerne Stele, die Pestsäule, die an diese Zeit erinnert.

Geheimnisvolle Funksignale

Unterhalb der Kirche erinnert ein Kriegerdenkmal an die Gefallenen der beiden Weltkriege. Als die Amerikaner 1945 mit Panzern einrückten, wurde das beschauliche Dorf sogar selbst zum Kriegsschauplatz. Auf einer Kuppe oberhalb von Kreuzholzhausen, hatte die Wehrmacht 1936 eine Funkstation mit vier Meter hohen Stahltürmen errichtet. Von dort eröffneten deutsche Soldaten das Feuer. Die damals neunjährige Maria Dreiucker entkam dem Kugelhagel mit knapper Not. Im April 1944 hatte ein Fliegergeschwader bereits mehrere Bomben über den Wiesen zwischen Kreuzholzhausen und Machtenstein abgeworfen. Ob es sich um einen gezielten Angriff handelt, ist bis heute unklar: Militärisch ergab die Aktion keinen Sinn. In einem Stadel, der von einer Bombe getroffen wurde, starben dennoch fünf Menschen.

Nach dem Krieg wurde aus der Anlage offiziell eine Fernmeldestation. Dass hier oben die Bundespost zu Gange war, haben sie im Ort von Anfang an nicht geglaubt. Das Areal war mit meterhohen Stacheldrahtzäunen gesichert, zusätzlich wurde es von vier scharfen Hunden bewacht. Die vom Berg gesendeten Signale sollen so stark gewesen sein, dass minutenlang der Fernseher flimmerte. Sogar die Dachrinnen sollen die seltsamen Botschaften wiedergegeben haben: endlose Zahlenkolonnen. Es war die Zeit des Kalten Krieges, und es galt schon damals als offenes Geheimnis, dass hier der Bundesnachrichtendienst BND tätig war. Heute hat hier oben eine Aufzugsfirma ihren Sitz. Sie ist, wie man hört, sehr erfolgreich. An die dunkle Vergangenheit des Ortes erinnert nur noch das martialische Relief eines Reichsadlers an der Fassade eines Gebäudes. Heute ist Kreuzholzhausen ein friedlicher Ort.

Wallfahrer gibt es immer noch, aber ihr Ziel ist die im Schatten hoher Bäume versteckte Mariengrotte, auch Lourdesgrotte genannt. Josef Feller, der Pfarrer mit dem Revolver, ließ sie 1888 errichten. Bis heute kommen die Leute mit Fürbitten hierher, und wenn sie erhört wurden, hängen sie Tafeln auf aus Dankbarkeit. Das hat Susanne Brandner 2003 auch getan. Sie war schwer krank. Leukämie. "Das ganze Dorf hat für mich gebetet", erzählt sie. Jetzt ist sie wieder gesund. Es gibt hier immer noch eine tief verwurzelte Volksfrömmigkeit. Es gibt aber auch eine sagenhafte Bauernschläue.

Wichtigster Treffpunkt ist heute das "Gmoahaisl"

Johann Haas junior, 84, letzter Bürgermeister von Kreuzholzhausen, kommt mit seinem Elektromobil des Wegs. Hans Reisner winkt ihm, er solle doch mal herkommen und die Geschichte von der Straße erzählen. Das tut Johann Haas gerne. Also, das war so: 1960 wurde die Straße von Kreuzholzhausen und Machtenstein neu geteert. Nach der Einweihung saß man gemütlich mit Vertretern der Baufirma aus Obermenzing im Bichler zusammen. Bei einigen Gläsern Bier ließen sie sich überreden, die Straße weiter zu asphaltieren, bis rauf zur Kirche. Die Gegenleistung: eine Sau, ein Kalb und ein Ochse. Um sieben Uhr morgens wurden die Arbeiten tatsächlich fortgesetzt und eine Sau fürs gemeinsame Kesselfleischessen geschlachtet. Ochs und Kalb blieben im Stall. Was hätte die Baufirma mit den Viechern auch anfangen sollen? "Auf Beschluss der Gemeinde wurde der Firma dann der Verkehrswert der Tiere ausbezahlt", erzählt Johann Haas. Er muss selber darüber schmunzeln.

Mit der Gebietsreform 1978 verlor Kreuzholzhausen seine Eigenständigkeit und wurde Bergkirchen zugeschlagen. Zum Nachbarort Machtenstein, der jetzt zur Gemeinde Schwabhausen gehört, unterhalten die Kreuzholzhausener nach wie vor engste Beziehungen. Das Vereinsleben, die Feiern, selbst die Einsätze der Feuerwehr bestreiten sie gemeinsam, und wenn man einen Unterschied sucht, findet man höchstens den, dass es in Kreuzholzhausen einen Fanklub des FC Bayern gibt, während die Machtensteiner eher dem TSV 1860 München anhängen. "Es ist eigentlich alles wie früher", sagt Johann Haas, dessen Vater, Johann Haas senior, hier nach 1945 auch schon Bürgermeister war. "Ja", sagt er. "Es ist schon lebenswert."

Ein paar Nachteile hat das Leben hier schon. Einkaufen kann man in Kreuzholzhausen schon seit Jahren nicht mehr, die Kinder müssen mit dem Bus zur Schule. Fahrradfreundlich ist die Gegend nicht. Es gibt keine Radwege, dafür jede Menge Berge. "Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen", sagt Susanne Brandner. Auch der Bichler, bei dem es so gute Pfannkuchen gab, dass die Gäste bis aus München kamen, hat zu; vor drei Jahren ist der Wirt gestorben. Doch das Dorfleben erlebt eine Renaissance. Im vergangenen Oktober haben die Kreuzholzhausener in gemeinsamer Arbeit das neue "Gmoahaisl" errichtet, das Gemeindehaus. Hier treffen sich die Vereine, die Kartler, die Stammtischbrüder und die Feuerwehrler von Kreuzholzhausen-Machtenstein. Dank moderner Wasserversorgung müssen sie jetzt die Brände auch nicht mehr wie 1949 löschen - mit Odel.

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Quelle:
SZ vom 26.08.2017/gsl
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