Süddeutsche Zeitung

Starkbierredner Hansi Leber:"Das wird eine Bombe"

Lesezeit: 4 min

Starkbierredner Hansi Leber über 20 Jahre "kleiner Nockherberg" in Markt Indersdorf und seine Paraderolle als braver Soldat Schweijk.

Robert Stocker

Es dauert ein bisschen, bis sich Hansi Leber dazu überreden lässt, ein Interview aus Anlass seines Jubiläums zu geben. Es ist Mittwochabend, und er muss noch am Finale seiner Rede tüfteln. Der Geschäftsinhaber von "Uhren und Schmuck Leber" war seit Wochen im Dauerstress: Er arbeitete fieberhaft an seiner Starkbier-Rede, die er an diesem Samstag im Gasthaus Doll in Ried hält. Als braver Soldat Schweijk derbleckt er jetzt schon seit zwei Jahrzehnten die Politprominenz im Landkreis Dachau. Die Karten für das Starkbierfest des TSV Indersdorf an diesem Samstagabend sind wieder einmal restlos ausverkauft. Ein Gespräch über 20 Jahre "kleiner Nockherberg" in Markt Indersdorf.

Herr Leber, brüten Sie noch über die letzten Pointen für das Finale furioso?

Nein, Gott sei Dank nicht mehr. Ich bin heute (Donnerstag) um exakt 13.29 Uhr fertig geworden. Es kann sein, dass sich die eine oder andere Kleinigkeit noch ändert, ich muss ja auf aktuelle Ereignisse reagieren. Im Finale treten noch einmal alle Figuren der Rede auf. Ich verspreche Ihnen, das wird eine Bombe.

Woher kommen eigentlich die Ideen und Tipps für die Themen der Starkbierrede?

An zwei Stellen im Haus, in der Küche und im Wohnzimmer, liegen lose Blätter herum. Wenn eine Idee kommt, wird sie sofort auf einem Blattl notiert. Es kann sich aber auch um eine Ausdrucksform handeln, die im Böhmischen einfach nett klingt. Ich habe aber auch Informanten im Umfeld von Politikern. Da brauche ich nur anzurufen und zu sagen: Hier ist der Schweijk, dann wissen die schon Bescheid. Die Politiker bekommen natürlich nichts davon mit.

Sie schreiben die Rede ja völlig allein. Wie viel Arbeit steckt da dahinter?

Im Prinzip beschäftigt mich die Rede das ganze Jahr - natürlich mit Unterbrechungen. Wenn mir etwas Interessantes zu Ohren kommt, wird das sofort auf einem der Zettel aufgeschrieben. Drei Wochen vor dem Auftritt geht die Arbeit allerdings durch. Da fragt dann keiner von der Familie: Wann geht der Papa eigentlich ins Bett? Und das gemeinsame Abendessen findet oft ohne mich statt.

Sind Sie vor den Auftritten aufgeregt?

Nein, überhaupt nicht. Ich kenne Kollegen, die vor dem Auftritt aufgeregt herumhampeln. Ich habe ein ganz spezielles Rezept: Ein paar Stunden vor dem Auftritt gehe ich ins Bett. Durch den Schlaf tanke ich Kraft und Konzentration.

Mit Luise Kinseher als "Mutter Bavaria" las heuer erstmals eine Frau den Politikern auf dem Nockherberg die Leviten. Wie kamen Sie eigentlich auf die Figur des braven Soldaten Schweijk?

Das hat mit den Anfängen des Starkbierfestes zu tun. Willi Feist, der damalige Wirt des Sportheims, war mit der Resonanz des Starkbierfests unzufrieden, das er schon zweimal veranstaltet hatte. Am Stammtisch des Sportheims schlug ich ihm vor, einen Starkbierredner zu engagieren. Dann wollte er mich überreden, selbst als Fastenprediger aufzutreten. Nach der dritten Flasche Wein sagte ich: Okay, einmal mach ich's. Warum ich mich für die Figur des Schweijk entschied, hat einen besonderen Grund. Als ich ein Bub war, hatten wir eine Haushälterin aus Böhmen, die Frau Schmirl. Sie war in Indersdorf ziemlich bekannt. Ich war von ihrem Dialekt so fasziniert, dass ich ihn ständig nachahmte. Außerdem kursierte vor 20 Jahren ein Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem Politiker und dem Schweijk? Antwort: Der Schweijk ist schlau und tut so, als wäre er blöd. Dieser Gag war für mich ausschlaggebend. Dieses Dummstellen, um den Brei herumreden, diese Grundhaltung lässt den Schweijk anders Kritik üben. Sie kommt deshalb nicht so bösartig rüber.

Haben die Derbleckten auch schon mal beleidigt oder empört auf eine Fastenpredigt reagiert?

Bei der ersten oder zweiten Rede war einer ein bisschen eingeschnappt. Der hatte sich wohl auf den Fuß getreten gefühlt. Das war aber kein Politiker, sondern eine Privatperson. Sonst ist mir bisher nichts zu Ohren gekommen.

"Das Publikum ist anspruchsvoller geworden"

Manchmal sind Politiker auch beleidigt, wenn sie am Nockherberg keine Rolle spielen. Berücksichtigen Sie das in Ihren Starkbierreden?

Problematisch ist es bei ehemaligen Amtsinhabern, die sich im Publikum befinden. Deren augenblickliche Aktivitäten sind einfach zu wenig bekannt. Am schwierigsten wird es bei den Gemeinderäten, weil es so viele von ihnen gibt. Da helfe ich mir mit einem Trick: Ich bringe nicht nur auf jeden Derbleckten einen Trinkspruch aus, sondern auch auf den Marktgemeinderat. Da wird dann jeder einzelne Name genannt. Den Trinkspruch muss man natürlich nach jeder Wahl ändern.

Was macht in Ihren Augen eine gute Starkbierrede aus?

Scharf zu kritisieren, ohne böse zu sein. Die Rede muss auch so geschrieben sein, dass sie zur Figur des Vortragenden passt. Figur und Rede müssen miteinander verschmelzen. Schlecht wäre es, wenn der Starkbierredner ein politisches Amt bekleidet. So eine Rede fällt zwangsläufig einseitig aus.

Hat sich das Indersdorfer Starkbierfest im Laufe der vergangenen 20 Jahre verändert?

Das Publikum ist anspruchsvoller geworden. Und es hat sich mit dem Wechsel der Veranstaltungslokale (Sportheim, Forche-Saal, Gasthaus Doll) gewandelt. Mit dem Ambiente ändern sich auch die Reaktionen des Publikums. Manches Lokal ist schlechter, andere sind besser für eine Fastenpredigt geeignet.

Sie haben jetzt zum 20. Mal die Starkbierrede geschrieben. Sind Sie nicht ein bisschen ausgebrannt?

Kein bisschen.

Wie lange wird es den braven Soldaten Schweijk beim Indersdorfer Starkbierfest noch geben?

Ich könnte es mir noch einige Jahre vorstellen, allerdings nur ohne Rauchverbot. Als Schweijk durfte ich nur einmal auf der Bühne rauchen, weil es zur Rolle gehörte.

Interview: Robert Stocker

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SZ vom 09.04.2011/vsch
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