Süddeutsche Zeitung

Neues Angebot der Caritas in Dachau:Starthilfe ins neue Leben

Die Caritas hat mit der Interkulturellen Familienberatung (IFB) ein neues Angebot entwickelt. Psychologin Florentina Ciolacu und Sozialpädagogin Theresa Wirthmüller helfen ausländischen Familien anzukommen

Für Familien, die aus dem Ausland in den Landkreis kommen, ist vieles fremd. Nicht nur Sprache, Kultur, Arbeitswelt, Gesetze und gesellschaftliches Umfeld gilt es sukzessive zu erlernen und zu erkunden. Wer Kinder hat, benötigt auch konkrete Informationen zur Betreuung und zum Schulsystem. Wo die fehlen, kommt es recht schnell zu Missverständnissen - auf beiden Seiten. Gerade weil der Bedarf an Beratung bei Geflüchteten wie Arbeitsmigranten hoch ist, hat die Caritas jetzt mit der Interkulturellen Familienberatung (IFB) ein ganz spezielles, innovatives Angebot entwickelt. Psychologin Florentina Ciolacu und Sozialpädagogin Theresa Wirthmüller, die beide über Wissen aus der Jugend- und Elternberatung wie auch der Migrationsberatung verfügen, kümmern sich seit vergangenem Herbst gezielt um Familien, die aus anderen Kulturkreisen im Landkreis Dachau ankommen. "Oft sind es nur Kleinigkeiten, die den großen Unterschied machen", sagt Ciolacu, die sich als "Vermittlerin" zwischen den Kulturen sieht. "Denn für Familien ist es wichtig zu wissen, wie unser System funktioniert." Die Unterstützung und Beratung hat zum Ziel, dass Familien sich rasch integrieren können, Kinder und Jugendliche sich unterstützt fühlen und gut entwickeln.

Auslöser für die Gründung des neuartigen Angebots sei gewesen, dass die Beratungskapazitäten der Flüchtlings- und Integrationsberatung, die von der Caritas seit langem im Landkreis geleistet wird, 2018 mit der Bayerischen Beratungs- und Integrationsrichtlinie stark gekürzt wurde, erklärt bei einem Pressegespräch Christine Stegmayer vom Caritas-Fachdienst Asyl und Migration. Andererseits habe sich gezeigt, dass die klassische Jugend- und Elternberatung der Caritas nicht das richtige Angebot ist für Familien aus dem Ausland - nicht nur wegen sprachlicher Hürden. Sondern auch, weil es für Menschen aus anderen Kulturkreisen weniger selbstverständlich ist, sich aktiv an eine Beratungsstelle zu wenden. Das neue Konzept, das mit finanzieller Unterstützung von Aktion Mensch und Erzbischöflichem Ordinariat starten kann, setzt nun auf eine Kombination aus beiden Systemen, leistet aufsuchende Arbeit in den Gemeinschaftsunterkünften oder Wohnungen der Ratsuchenden. Dabei erhalten die Familien, die noch nicht lange hier leben, passgenaue Unterstützung, je nach ihren Bedürfnissen. Das geht von der Vermittlung einer Hausaufgabenbetreuung, der praktischen Hilfe bei der Kita-Anmeldung über Informationen zum deutschen Schulsystem. So wird auch das Wissen vermittelt, dass Schulen hier auf die Kooperation und Mitarbeit der Eltern zählen.

Mache Missverständnisse lassen sich rasch aufklären: Die Eltern erfahren, dass ein Schokoriegel nicht als geeignete Schulbrotzeit durchgeht. Und die Zettel, die von den Kindern im Schulranzen nach Hause gebracht werden, oft wichtige Nachrichten aus der Schule übermitteln. "Wir begleiten auch zu Elterngesprächen, telefonieren mit der Lehrerin", erklärt Theresa Wirthmüller. "Die Hilfe ist individuell und ganz nach Bedarf." Die Beratung erfolgt auch auf Englisch, Französisch, Rumänisch und mit Unterstützung von Kulturdolmetscherinnen auch in weiteren Sprachen. "Wichtig ist, dass wir die Herkunftskultur kennen", betont Ciacolu. So lasse sich über Unterschiede sprechen, die neue Kultur als Bereicherung und Chance, nicht als Verlust vermitteln. Dennoch bleibt für Neuankömmlinge zunächst die Schwierigkeit, dass mit der Migration das ehemalige soziale Umfeld, vielleicht die Großfamilie wegfällt, nun Vater und Mutter allein für Erziehung und Betreuung verantwortlich sind. Und das bei all den übrigen Herausforderungen, die mit dem Leben in einem neuen Kulturkreis verbunden sind. "Die Familien haben hier zunächst kein soziales Netzwerk", sagt Sozialpädagogin Theresa Wirthmüller. Umso wichtiger, dass die Interkulturelle Familienberatung anfangs als Stütze bereitsteht.

Dabei hängt die Intensität der Begleitung ganz vom Einzelfall ab. Manche Eltern benötigen nur einmalig Unterstützung; in Familien, wo ein Elternteil erkrankt ist, erfolgt eine längere Begleitung. Aktuell begleiten die beiden Fachkräfte zwölf Familien, noch sind die Wartezeiten kurz. Dabei komme die Expertise der IFB durchaus an, erklärt Sabine Frölian, die als Leiterin der Caritas Jugend- und Elternberatung den neuartigen Dienst mit ins Leben gerufen hat. "Denn alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind." Genau dabei unterstützen die IFB-Mitarbeiterinnen als "Brücke zwischen den Kulturen". Ihr Ziel ist, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und den Familien zu vermitteln, so Psychologin Ciolacu, "dass sie mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft schauen können".

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SZ vom 13.02.2020
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