Süddeutsche Zeitung

Nachruf:Trauer um Victor Bolarinwa

Lesezeit: 2 min

Der Dirigent und Gründer der "Sinfonietta Dachau" ist im Alter von 83 Jahren gestorben.

Gewiss warten schon viele Freunde der klassischen Musik auf die Ankündigung des traditionellen Herbstkonzerts der "Sinfonietta Dachau" unter der Leitung von Victor Bolarinwa. Aber Victor Bolarinwa, Gründer, Chefdirigent und künstlerische Leiter der "Sinfonietta Dachau", ist nicht mehr. Bereits Mitte Juli ist Victor Bolarinwa gestorben. Damit geht in Dachau eine musikalische Ära zu Ende. Bolarinwa ist es nämlich gelungen - was vor ihm schon einige Musiker ohne dauerhaften Erfolg versucht hatten - in Dachau ein klassisches Sinfonieorchester zu gründen, das sich halten konnte. Bolarinwa hatte erkannt, dass in Stadt und Landkreis Dachau genügend begabte Laienmusiker und auch professionelle Musiker wohnen, die bereit sein könnten, neben ihrer beruflichen Tätigkeit in einem Dachauer Orchester zu proben und zu musizieren.

Der Anfang war schwer, aber die Rechnung ging auf; denn auch das Dachauer Konzertpublikum gewann Geschmack am Musizieren der Sinfonietta, und der Festsaal des Dachauer Schlosses füllte sich von Konzert zu Konzert allmählich immer mehr. Bald war man gewohnt, dass nicht etwa ein Dachauer oder Münchner Musiker sondern ein stets sehr eleganter Dirigent aus Nigeria vor das Orchester trat und den Konzertabend gestaltete. Im Orchester erkannte man viele Gesichter, etwa am ersten Pult der Ersten Geigen den bekannten Dachauer Geiger Anton Schiela, der hauptamtlich im Orchester des Bayerischen Staatstheaters am Gärtnerplatz in München spielte.

Victor Bolarinwas Eltern und Schule erkannten seine außergewöhnliche musikalische Begabung und schickten ihn zur Ausbildung nach London, die er mit dem Dirigenten-Diplom abschloss. Ein Stipendium ermöglichte ihm ein weiterführendes Post-Graduate-Studium für Komposition an der Universität Boston/USA, wo er auch seine Qualifikation als Dirigent weiter ausbaute und den Titel "Master of Music" erwarb. In Meisterkursen bei den bedeutenden Dirigenten seiner Zeit Franco Ferrara, Jean Fournet, Rudolf Kempe, Wolfgang Sawallisch, Sergiu Celibidache und Karl Münchinger vervollständigte er seine Studien. So brachte er es bis zum Preisträger beim Internationalen Dimitri-Mitropoulos-Dirigenten-Wettbewerb in New York. Aber wie kam er nach München und Dachau?

Es war in London, wo er seine spätere Frau Gisela kennenlernte, der er schließlich auch in ihren Heimatort Hebertshausen folgte. Dort fasste er als Musiker schnell Fuß, leitete den Kirchenchor, dort bildete sich auch die Gemeinde, die treu zu ihm stand, alle mit Orchester und Konzertbetrieb zusammenhängenden organisatorischen Arbeiten übernahm und ihm so den Rücken freihielt, dass er sich ganz der Musik widmen konnte. Der Kirchenchor von Hebertshausen brachte unter seiner Leitung Aufführungen von klassischen Orchestermessen wie der Krönungsmesse von Mozart zustande, und die Sinfonietta Dachau wurde zu einem anerkannten Klangkörper für klassische Musik. Im Mittelpunkt seiner Programme stand die Musik der Wiener Klassiker Haydn, Mozart, Beethoven mit Franz Schubert, gefolgt von Kompositionen der musikalischen Romantik bis Brahms und Dvořák. Für die Aufführung von Instrumentalkonzerten mit Orchester engagierte Bolarinwa stets junge Solistinnen und Solisten, die gerade am Abschluss ihrer Ausbildung standen. So förderte er entschieden junge Talente bis hin zur Konzertreife.

Victor Bolarinwa wurde 83 Jahre alt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5639435
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/gsl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.