Süddeutsche Zeitung

Kulturspaziergang zum Petersberg:Tor zu einer anderen Welt

Der Skulpturenweg am Petersberg bei Erdweg ist mit seinen 500 Metern zweifelsohne einer der kürzesten Kulturspaziergänge im Landkreis - und dennoch schafft er es, Besucher auf eine spirituelle Reise zu schicken

Von Benjamin Emonts, Erdweg

Und plötzlich steht sie da: eine verwunschene, mit Moos bewachsene Mauer inmitten des Petersbergwaldes. Sie hat ein rundes Fenster und an der Unterseite eine schmale Öffnung, durch die sich höchstens ein schlanker Mensch hindurchzwängen kann. Das größte Geheimnis der wie eine Ruine anmutenden Mauer aber ist ihre verschlossene Holztür. Kann man sie öffnen? Und wenn ja, was erwartet einen dahinter?

Der Anblick weckt Erinnerungen an mystische Orte aus Fantasyerzählungen, an Zauber und Verwandlung, an das Tor zu einer anderen Welt. Wird man womöglich in eine andere Zeit katapultiert, sobald man die Türschwelle übertritt? Vielleicht mehr als 900 Jahre zurück, als Benediktinermönche auf dem Petersberg lebten? Gerät man gar in eine kultische Zeremonie? Man kann nicht anders, als es auszuprobieren. Die verwunschene Tür lässt sich tatsächlich öffnen.

Der Skulpturenweg am Petersberg bei Erdweg ist zweifelsohne einer der kürzesten Kulturspaziergänge im Landkreis - und dennoch soll er eine besondere Energie bei Wanderern entfalten. Das vermag allein die Magie dieses Ortes. Aus dem Tal des Petersbergwaldes ragen riesige alte Bäume hervor, welche die Sonne nach Lust und Laune durchschimmern lassen, auf dem Waldboden entdeckt man einen aus Gestrüpp errichteten Sitzkreis. Die spirituelle Kraft des Petersbergs hatten bereits um das Jahr 1100 nach Christus wohl auch die Mönche gespürt. Sie errichteten am Gipfel des Berges die romanische Basilika St. Peter und Paul, die 1107 eingeweiht wurde und sich über die Jahrhunderte zu einem Mittelpunkt des spirituellen Lebens im Landkreis entwickelte. Sie zählt zu den eindrucksvollsten Schöpfungen romanischer Baukunst in Bayern.

Der Trampelpfad hinauf zum Gotteshaus schlängelt sich durch einen Wald. Hier begegnet man nach und nach sonderbaren Skulpturen. Die Themen der neun Stationen sind grob auf kleinen Schildern beschrieben. Sie tragen Namen wie Neubeginn, Verletzung, Heilung oder Abschied. Sie sollen den Betrachter dazu bringen, eine Weile innezuhalten und sein Dasein zu reflektieren.

Die Idee, einen solchen Wanderweg am Petersberg zu erschaffen, entstand vor den großen Feierlichkeiten zum 900. Geburtstag der Basilika im Jahr 2007. Den entscheidenden Impuls gab damals die Bergkirchnerin Irmgard Haas, die als Referentin bei der Caritas arbeitet. "Ich wollte das Schöpferische in mir mit anderen zum Ausdruck bringen", erzählt sie. Haas fand acht Gleichgesinnte, darunter eine Lehrerin, einen Maurer und einen pensionierten Biologen. Die Gruppe erschuf eine Ideenwelt, in der jeder seine Erfahrungen und Fähigkeiten einbrachte. Bis heute geben sie Führungen und treffen sich zwei Mal im Jahr, um den Weg zu pflegen. Sie gaben ihm das Motto: "Mit Leidenschaft Mensch sein."

Haas selbst hat eine Tonskulptur mit einer runden und einer flammenförmigen Glasscheibe erschaffen, sie nennt ihre Skulptur Sehnsucht. "Wenn die Sonne durch das Glas strahlt, ist der Moment der Begegnung zwischen Gott und dem Menschen als ganz besonderes Geschehnis zu erahnen", beschreibt sie. Christliche Motive begegnen einem immer wieder entlang des etwa 500 Meter langen Pfades. So beginnt er mit einem Fischmosaik, dem Zeichen von Petrus. Letztlich aber, das ist den Erschaffern wichtig, soll es jedem selbst überlassen sein, was er in den Skulpturen sieht. Sie sollen Impulse für eigene Denkanstöße geben, sagt Haas.

Die rätselhafte Tür zu öffnen und hindurchzugehen, ist eine Entscheidung, wie man sie so oft im Leben treffen muss - der Künstler und Maurer Paul Böller hat die Station folgerichtig auch "Entscheidung" genannt. Es gehe darum, immer wieder neu und entschieden auf Gott zu vertrauen und durch Türen zu gehen - denn "eine bewusste Entscheidung für ein Leben auf das Göttliche ausgerichtet, bringt ein lebendiges Leben", so schreibt er. Tatsächlich fühlt es sich irgendwie sonderbar an, die Tür zu durchschreiten. Rein weltlich betrachtet, könnte man es auch so interpretieren: Wer sich vor Entscheidungen drückt und nichts wagt, der wird nichts erleben.

Hinter anderen Stationen verbergen sich persönliche Geschichten ihrer Erschaffer. Die bereits verstorbene Waltraud Tabery-Pabst hat einen Kopf aus Ton kreiert und sich dem Thema Abschied gewidmet. Sie fühlte sich dazu berufen, weil sie einst eine Krebserkrankung überstanden hatte, während sie viele andere daran sterben sah. Der Abschied war ihr deshalb ein Herzensthema. Eine Kerze im Hinterkopf der Tonskulptur soll auf die durch Christus zugesagte Hoffnung verweisen. Passanten können das Licht immer wieder entfachen. Ihr Mann Herbert Pabst wählte den "Neubeginn". Er hat aus Ahornholz aus seinem Garten ein absterbendes Samenkorn oder auch die aufbrechende Erde geformt, aus der neues Leben sprießt. Auch für Pabst bot sich das Thema an. Er musste wegen der Flucht der Eltern als Kriegskind auf fremder Erde neu anfangen. Das Gehen aus der Heimat, das Zurücklassen ist für ihn "zur Quelle für etwas ganz Neues, beständiges und damit Unvergängliches geworden".

Auf dem Weg begegnen einem auch zwei verwitterte, metallene Gestalten, die in einigem Abstand zueinander stehen. Die erste trägt einige Furchen, Zeichen einer Verletzung. Nach einigen Schritten gelangt man zu der zweiten Figur, die mit Halbedelsteinen besetzt ist, die Furchen haben sich in einen lebendigen Kreisel verwandelt. Es hat sich ein Heilungsprozess vollzogen. "Aus Wunden werden Perlen", sagen die Erschaffer Rita und Norman Schedl. Die letzte Station hoch zur Basilika ist schließlich eine kurze steile Steintreppe: "Übergänge." Auch sie gehören zum Leben. In diesem Fall führt der Übergang an den Gipfel des Petersbergs und weiter nach rechts zu der erhabenen Basilika. Wenn man so will, ist sie der sakrale Schlusspunkt des Weges - und das beeindruckende Ende einer spirituellen Reise.

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Quelle:
SZ vom 01.08.2020
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