Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Tatort Region, Folge 22:Der Coup des Einbrecherkönigs

Zwei bewaffnete Räuber überfallen 1986 eine Sparkassenfiliale in Karlsfeld und erbeuten 880 000 Mark. Die Täter sperren drei Angestellte im Tresorraum ein. Das Geld bleibt bis heute spurlos verschwunden

An jenem Montag, dem 16. Juni 1986, ist Christian Hagitte ein wenig spät dran. Erst kurz nach acht Uhr betritt er durch den Personaleingang die Geschäftsstelle der Kreissparkasse an der Münchner Straße/Ecke Krenmoosstraße in Karlsfeld. Er kennt sich in dieser Filiale des Geldinstituts bestens aus, hier hat er nach dem Abschluss der Realschule seine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und ist nach der Bundeswehrzeit und mehreren Stationen in verschiedenen Geschäftsstellen des Landkreises wieder in Karlsfeld gelandet. Ehe er sich an seinen Schreibtisch setzt, bringt er schnell noch seine mitgebrachte Brotzeit in den Kühlschrank im Aufenthaltsraum für die Beschäftigten. Dieser ist im Keller, wo sich auch - abgetrennt durch eine Mauer entlang des Registratur- und Materialraums und für Hagitte nicht einsehbar - der Gang zum Tresorraum befindet. Auf dem Rückweg, er ist gerade zwei, drei Stufen die Kellertreppe hinaufgestiegen, hört er die Worte: "Überfall, hinlegen!"

Auch 33 Jahre später wird er sich genau an jenen Tag erinnern: "Ich habe sofort gewusst, das ist ernst." Damals läuft er zum stellvertretenden Geschäftsstellenleiter, der den erkrankten eigentlichen Chef der Filiale vertritt. Der Stellvertreter hat kurz vor acht Uhr mit einem Zahlencode die Tür des Tresorraums so weit vorbereitet, dass die beiden Kassierer sie erst danach mit einem Spezialschlüssel ganz aufmachen können - eine Sicherheitsmaßnahme. "Wir werden überfallen", sagt Hagitte aufgeregt zu dem Vorgesetzten, der das zunächst für einen Scherz hält, da er vor kurzem noch selbst im Keller war. Auch die anderen Angestellten schauen zunächst etwas ungläubig. Doch als Hagitte, fast zwei Meter groß und breitschultrig, immer bleicher wird und den Satz zum dritten Mal wiederholt, greift der Chef zum Telefon und alarmiert die Polizei. Nun will er selbst sehen, was im Keller los ist und steigt hinunter. Als er den Gang zum Tresorraum entlanggeht, tritt ihm von dort ein maskierter Mann mit einer abgesägten Schrotflinte in der Hand entgegen. Der fordert ihn grob auf: "Mitkommen, du Schwein!" Er muss sich im Tresorraum neben die beiden Kassierer auf den Boden legen, während die Bankräuber, der zweite trägt einen Revolver, die Geldschränke ausräumen. Sie erbeuten 880 000 Mark, wie sich später bei einem Kassensturz herausstellen wird.

"Die Frauen oben haben mich zweifelnd angeschaut, so als ob ich nicht doch Blödsinn mache", erinnert sich Hagitte, der heute noch bei der Sparkasse arbeitet. Doch es dauert immer länger: Weder der Geschäftsstellenleiter noch die Kassierer kommen zurück, da laufen alle, die sich noch oben befinden, durch den Personaleingang auf die Krenmoosstraße und zwar gleich ein gutes Stück weg vom Sparkassengebäude. "Wir haben ja gedacht, dass die Räuber nur auf diesem Weg flüchten können, und wir hatten Angst, dass sie vielleicht schießen", so Hagitte. Kurz danach kommt ein Lehrling vom etwa 100 Meter entfernten Postamt in der Krenmoosstraße zur Sparkasse zurück. Als er auf die Kollegen trifft, erzählt er, wie ein Auto mit mindestens 80 Stundenkilometer an ihm vorbeigerast sei und der Mann auf dem Beifahrersitz sich eine Sturmhaube vom Kopf gerissen habe. Jetzt wird den Beschäftigten klar, dass die Räuber weg sind, und sie laufen in die Filiale zurück. Einer der Angestellten befreit die drei Männer aus dem Tresorraum, dessen Tür die Gangster hinter sich zugeworfen haben und die sich von innen nicht öffnen lässt. "Der eigentliche Überfall hat nicht mal fünf Minuten gedauert", weiß Hagitte 33 Jahre später zu erzählen.

Dann ist auch schon die Polizei da, zunächst von der Dachauer Inspektion und zusätzlich Spezialisten von der Kriminalpolizei. Die haben nun viel zu tun, denn an dem Tag gibt es fast zeitgleich in Dachau-Süd am Klagenfurter Platz einen weiteren Banküberfall. Dort erbeutet der Täter allerdings (nur) 16 000 Mark. In Karlsfeld stellt sich dagegen heraus, dass dort offenbar Profis am Werk waren. Die beiden Räuber sind irgendwann in der Nacht über ein Kellerfenster in das Gebäude eingestiegen und haben im Registraturraum gewartet, dass morgens die Sparkasse geöffnet wird. "Die waren bestimmt viele Stunden da unten", sagt Hagitte im Rückblick. Tatsächlich wird die Ermittlung ergeben, dass sie in eine verschlossene Tür, die zum Gang vor dem Tresor führt, ein Loch gebohrt haben, um zu beobachten, was draußen passiert. Als die Kassierer die tonnenschwere Tresortür öffnen, starten die Räuber den Überfall. Danach gelingt ihnen die Flucht auf demselben Weg, auf dem sie gekommen sind. Sie rasen in einem VW Golf GTI davon, der am Tag zuvor in München gestohlen wurde.

Zunächst fehlt von den Bankräubern jede Spur. Schnell werden die Ermittler jedoch feststellen, dass offenbar dieselben Täter wenige Wochen zuvor, am 22. April 1986, in Kaufering einen Coup nach dem gleichen Schema landen wollten. Damals haben allerdings Anwohner aus dem Keller des Bankgebäudes Geräusche gehört und die Polizei alarmiert. Die Gangster schafften es jedoch zu flüchten. Das Räuberglück erstaunt insofern wenig, als die Polizei nur einige Wochen nach dem Karlsfelder Überfall den sogenannten Ein- und Ausbrecherkönig Hermann S. als Kopf des Räuberduos verdächtigt. Der damals 42 Jahre alte Berufsverbrecher hat seine kriminelle Karriere, in der er mindestens zehn Tresoraufbrüche beging und mehrmals aus Haftanstalten flüchtete, bereits in den Sechzigerjahren begonnen. Zusammen mit seinem mutmaßlichen und seither verschollenen Mittäter Karl-Heinz E., den er einst im Gefängnis kennengelernt hat, wird er im Juli 1986 bei einer Polizeikontrolle angehalten. Im Auto der beiden werden etwa 70 000 Mark gefunden, von denen E. behauptet, er habe sie in Santo Domingo im Spielcasino gewonnen. Als sich herausstellt, dass sieben Tausend-Mark-Scheine aus der Tat in Karlsfeld stammen, sind die beiden wegen einer Computerpanne aber schon wieder über alle Berge. Mit Hilfe eines dubiosen, mehrfach vorbestraften V-Mannes wird der mutmaßliche Täter Hermann S. schließlich 1989 in Brasilien aufgespürt. Weil S. dort Frau und Kind hat, wird er allerdings nicht nach Deutschland ausgeliefert. Der V-Mann lockt ihn nach Peru, wo S. zwar festgenommen wird, aber aus dem Gefängnis flüchten kann, nachdem er einen Wächter mit umgerechnet 20 000 Dollar bestochen hat.

Er kehrt nach Europa zurück und wird im September 1989 in Nizza verhaftet. Hermann S. verbringt die nächsten Jahre wegen weiterer früherer Straftaten in österreichischer und französischer Haft. Erst 1995 wird er nach Deutschland ausgeliefert. Das Landgericht München II verurteilt den mittlerweile 54-Jährigen, der bis dahin 26 Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht hat, nach einem 19-monatigen Prozess 1998 wegen des Karlsfelder Überfalls zu weiteren sieben Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung. Sein mutmaßlicher Komplize E. soll Gerüchten zufolge von S. in Südamerika "beseitigt" worden sein. Auf jeden Fall ist er seit 33 Jahren genauso verschollen wie 873 000 Mark aus dem Bankraub in Karlsfeld.

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Quelle:
SZ vom 23.08.2019
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