Süddeutsche Zeitung

Erinnerung an Max Mannheimer:Auf die Haltung kommt es an

Freunde und Familie erinnern zum 100. Geburtstag von Max Mannheimer an sein Vermächtnis

Natürlich kommt die Rede an diesem Abend rasch auf den Vormarsch der Völkisch-Nationalen im Land - und das wäre auch ganz im Sinne des Geehrten gewesen. Dagegen hat der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer (1920-2016) doch zeitlebens gekämpft, auch dann noch, als ihn seine erkrankten Knie in den Rollstuhl zwangen. Er hätte darunter gelitten, dass der Antisemitismus erstarkt, Hetze und Hass zurückgekehrt sind, und jetzt auch noch im Thüringer Landtag CDU und FDP bei der Wahl des Ministerpräsidenten mit der rechtsextremen AfD paktiert haben. Deshalb sagt Ernst Mannheimer in der KZ-Gedenkstätte Dachau zum 100. Geburtstag seines Vaters am 6. Februar: "Er ist rechtzeitig gestorben." Auch weil ihm seine schlechte körperliche Verfassung nach zwei Operationen das Leben zur Qual gemacht hätte. Und die Enttäuschung: "Das politische Klima in Europa und Deutschland hat sich fundamental geändert. Es ist gut, dass er sich nicht auch noch damit herumschlagen musste." Aber das hilft nicht gegen die eigene Trauer. "Ich vermisse seine Präsenz in meinem Leben."

Ernst Mannheimer, 1966 geboren, spricht in der Reihe "Erinnerung und Familiengedächtnis", etwa 100 Besucher sind gekommen. Er spricht so klar, so einfühlsam und spannend, als hätte er die Redekunst seines Vaters geerbt - vielleicht sind die Mannheimers überhaupt eine Familie geborener Erzähler. Am Vorabend hatte schon die Enkelin Judith Faessler die Zuhörer im Karmel Heilig Blut mit ihren Worten über den Großvater tief berührt. Jetzt erzählt Ernst Mannheimer im Gespräch mit der Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann vom Leben eines Sohnes mit dem Vater, der Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und Dachau überlebte und bis auf einen Bruder seine erste Frau und die ganze Familie verloren hatte.

"Ich erzähle, wie sich die Geschichte meines Vaters in mir abbildet, aber das ist nicht die Geschichte des Holocaust, seine Geschichte." Ein Stoff für einen Roman. Vielleicht macht sich Ernst Mannheimer einmal daran. Seine wohl faszinierendste Begegnung mit Literatur in der Jugend schenkten ihm die Romane und Theaterstücke von Samuel Beckett. Ernst Mannheimer hat Amerikanistik und vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet heute als Anlageberater bei einer Firma in der Schweiz.

Nur eine Sache: In der Familie war die Verfolgungsgeschichte des Vaters vor den Kindern tabu. Max Mannheimer und Freunde sprachen vor ihnen, wenn überhaupt, nur versteckt darüber - Adolf Hitler wurde als "Onkel Adi" bezeichnet. Max Mannheimer wollte seinen Sohn und seine Tochter Eva Faessler (aus zweiter Ehe) schützen. "Ich habe nie ein wirkliches Gespräch darüber mit ihm geführt", sagt Ernst Mannheimer. Selbst dann nicht, als er nach langer Zeit, den ersten autobiografischen Text seines Vaters in den Dachauer Heften gelesen hatte, schwieg er. "Ich vermute, es hat ihn belastet und zugleich erleichtert."

Der Abend verdeutlicht, was bisher vielleicht nur enge Vertraute Max Mannheimers wussten: dass er das Wunder zustande brachte, seinen Sohn unbeschwert von der Geschichte aufwachsen zu lassen. "Ich hatte eine denkbar unbeschwerte Kindheit, eher hat mich die schwermütige Natur meiner Mutter belastet als die Auschwitzgeschichte." Max Mannheimer war eine "Ausnahmeerscheinung, es grenzt an ein absolutes Wunder, dass er so überlebt, so viel Wärme und Lebenskraft bewahrt hatte, die meisten anderen Überlebenden haben das nicht geschafft". Ernst Mannheimer betont, dass man die Überlebenden nicht vergessen dürfe, die zwar anders als die sechs Millionen ihr Leben retten konnten, aber an dem deutschen Terror psychisch zugrunde gegangen sind. Einen Auftrag, antwortet er auf eine Frage aus dem Publikum, aus den Büchern des Vaters zu lesen, an seine Stelle zu treten, verspüre er nicht, heute zumindest nicht, vielleicht in zehn Jahren. "Das gehört in die Hand von Profis", meint er.

Max Mannheimer verkehrte mit vielen Prominenten - "hochkarätigen" Leuten, sagt jemand -, etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Er hatte sie als überhaupt ersten deutschen Regierungschef im Jahr 2013 in die KZ-Gedenkstätte nach Dachau geholt. Seinem Sohn sagte er über Merkel: "Sie ist eine warme, sinnliche Frau." Das meinte er als Kompliment. "Er hatte keinen Respekt vor einem Rang, sondern vor der Haltung eines Menschen", sagt sein Sohn. Auch keine Scheu. Skrupellos habe er seinen Namen und seine Autorität eingesetzt, wenn er die "Großkopferten", wie er sie nannte, für seine Sache, gegen das Vergessen der Nazigräuel einspannen wollte.

"Hochkarätig" seien für ihn nur die Schüler und Schülerinnen gewesen. Abertausende hat er an Schulen seine Geschichte erzählt und über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufgeklärt. Max Mannheimers große Hoffnung war, dass er diese jungen Leute, viele sind heute schon in den Vierzigern, positiv geprägt habe. "Ihr tragt keine Schuld an dem, was geschehen ist, aber eine Verantwortung dafür, dass es nicht wieder geschieht." Das ist auch die Hoffnung seines Sohnes. Zum Ende seines Lebens hin quälten Max Mannheimer Zweifel, ob nicht alles umsonst gewesen sein könnte, weil Rechtspopulismus und rechtsextremes Gedankengut schon zunehmend Verbreitung fanden.

In einer Zeit, da die Überlebenden bald nicht mehr sein werden, müsse noch verantwortlicher mit der Geschichte umgegangen werden. Es hätte seinen Vater, der die historischen Fakten als Grundlage jeder Aufklärung sah, sehr geschmerzt, erleben zu müssen, wie heute die geschichtliche Wahrheit verbogen wird. "Er hatte großen Respekt vor der Wissenschaft, sagte aber auch, ohne Leute wie mich könnten die Historiker ihre Arbeit nicht leisten." Gabriele Hammermann sagt am Ende, Ernst Mannheimer habe es geschafft, dass sein Vater an diesem Abend augenzwinkernd dabeigesessen sei. Die Schlussworte von Ernst hätte auch von Max Mannheimer kommen können: "Sollte jemand geglaubt haben, die Geschichte betrifft uns nicht mehr, dann gab er sich einer Illusion hin." Man werde jetzt doch gewahr, dass die Fragen nicht gelöst sind, wenn etwa die Vergangenheit massiv als "Vogelschiss"manipuliert werde. "Wenn wir uns nicht einmal über die Vergangenheit einigen können, trotz der Fakten, dann auch nicht über das Jetzt und die Zukunft."

Auf die Veranstaltung am Vorabend von Max Mannheimers 100. Geburtstag im Kloster Karmel Heilig Blut an der Gedenkstätte werfen die Ereignisse im Thüringer Landtag einen Schatten. Eine Reihe von Kommunalpolitikern ist gekommen. Landrat Stefan Löwl (CSU) zeigt sich fassungslos und sagt: "Max, wir würden dich weiter brauchen." Wenn man Mannheimers Erbe ernst nehme, dann dürfe Thüringen kein "Dammbruch" sein, vielmehr müsse es "Verpflichtung und Ansporn für uns alle sein".

Mannheimers Enkelin Judith Faessler mahnt, dass man derzeit häufig genau das Gegenteil von dem beobachten könne, für was ihr Großvater sich jahrelang eingesetzt habe. "Wir können noch viel von ihm lernen." Über viele Jahre hinweg habe Mannheimer die Lern- und Erinnerungskultur geprägt und sei in Dachau ein wertvoller Berater gewesen, sagt Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD). Mannheimer habe stets über neue Formen des Gedenkens nachgedacht, sich als Maler künstlerisch mit seinen traumatischen Erfahrungen auseinandergesetzt und die zweite und dritte Generation der Überlebenden mit eingebunden. Besonders wichtig sei es ihm aber gewesen, junge Menschen zu sensibilisieren - und wie Stefanie Thurnhuber zeige, war er dabei erfolgreich. Die Schülerin des Max-Mannheimer-Gymnasiums in Grafing war wenige Monate vor Mannheimers Tod am 23. September 2016 eine der letzten Schüler, die den Zeitzeugen persönlich erleben durften. Deshalb beschloss sie mit ihrer Klasse, eine Ausstellung zu seinem Leben zu gestalten. Diese ist nun bis zum 20. Februar auch im Kloster Karmel sehen.

Doch Mannheimer war nicht nur Zeitzeuge, sondern ein Mensch mit einem großem Herz. Das sagen viele Besucher, die ihn persönlich kannten, und Geschichten von seiner "liebenswerten aber hartnäckigen Art" erzählen, wie es Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann formuliert. Sie vermisse Mannheimers beinahe tägliche Anrufe in der Gedenkstätte, in denen er sich nach dem Rechten erkundigte. Für Noah, Judith Faesslers Sohn, war der Uropa lange Zeit vor allem ein alter Mann gewesen, der zwar lustig gewesen sei, mit dem man auch gut reden, aber nicht spielen konnte, wie der Junge erzählt. Bis zu dem Tag, an dem die ganze Familie gemeinsam spazieren ging, Uropa Mannheimer, damals 91 Jahre alt, war im Rollstuhl dabei. Noah spielte mit einem Fußball, als Max Mannheimer rief: "Kick mal rüber!" Als der Uropa dann aus dem Rollstuhl aufsprang, einen "perfekten Rainbow Trick" - der Ball wird dabei von hinten mit dem Fuß über den Kopf manövriert - vollführte, blieb Noah die Luft weg, die Oma schrie vor Schreck kurz auf, und Max Mannheimer grinste nur verschmitzt.

In der guten Atmosphäre des Versammlungsraumes im Kloster haben viele ihr Bild von Max Mannheimer vor Augen. "Heute Abend kann ich ihn hier förmlich sehen, wie er zwischen uns sitzt", sagt Judith Faessler und schließt die Augen. Denn das Schönste an Geburtstagen sei für ihren Großvater stets gewesen, gemeinsam zu feiern. Schwester Elija Boßler zaubert an diesem Abend durch Anekdoten aus seinem Leben ein Lachen auf die Gesichter. Sie war, wie Judith Faessler sagt, eine "Vertraute und Schwester zugleich". Der Karmel ist darum und aus einem noch anderen Grund der perfekte Ort für die Feier. Seine Enkelin sagt: "Hier war er zuhause, hier konnte er den öffentlichen Max ablegen, hier war er einfach nur Max."

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SZ vom 08.02.2020
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