Süddeutsche Zeitung

Comics über David Bowie:Retter aus dem Weltall

Ein Comic und eine illustrierte Kurzbiografie über David Bowie beleuchten die inner- und außerweltlichen Seiten des britischen Popstars.

Von Martin Pfnür

Der Abschied kommt überraschend. Wie aus heiterem Himmel bricht er über den euphorisierten Zuhörern im Londoner Hammersmith Odeon an diesem 3. Juli 1973 herein, so wie auch dieses leichenblasse, spindeldürre und seltsam androgyne Wesen mit dem feuerroten Haar und den verschiedenfarbigen Augen unterschiedlicher Pupillengröße einst aus heiterem Himmel über sie kam. Da steht es also auf der Bühne des Hammersmith Odeon, erzählt von dem heutigen Konzert, das ihm und seiner Band ganz besonders in Erinnerung bleiben werde, und geht dann direkt zum künstlerischen Selbstmord, zu seinem "Rock'n'Roll Suicide" über, indem es verkündet, dass es sich hier und heute um seine allerletzte Show handle. Ziggy Stardust, der außerirdische Retter des Rock'n'Roll, war Geschichte. Lange durfte er nicht auf dieser Welt verweilen.

Es ist diese ebenso kurze wie pophistorisch bedeutsame Episode, die dem amerikanischen Zeichner Michael Allred als Rahmenhandlung für einen Comic dient, der tief in die künstlerischen Anfänge und die Ziggystardustwerdung David Bowies eintaucht. Im Fokus von "Bowie - Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume", den der mit der schrägen Superheldengeschichte "Madman" bekannt gewordene Allred zusammen mit seiner Frau, der Koloristin Laura Allred, und dem Schriftsteller Steve Horton geschaffen hat, steht dabei weniger der Privatmensch Bowie als vielmehr der Künstler als Suchender.

Bowie, der sich auf dem Weg zu seinem entscheidenden Kniff Richtung Durchbruch - der Verwandlung in die Kunstfigur Ziggy Stardust - mit Vehemenz nach oben reckt, dabei jedoch kommerziell noch nicht durch die Decke zu gehen vermag. Bowie, der mit feinen Sensoren für das Schaffen seiner Weggefährten den rohen Proto-Punk der Stooges um Iggy Pop und den avantgardistischen Impetus der Velvet Underground aus Andy Warhols Factory ebenso in sich aufsaugt wie den schillernden Glam-Rock-Appeal seines Konkurrentenkumpels Marc Bolan oder die theatralischen Schockeffekte des Bühnenprovokateurs Alice Cooper. Und schließlich Bowie, der aus all dem eine modebewusste Vision zu kondensieren beginnt, die ihn mitsamt seiner Band in Windeseile Richtung Erfolg katapultiert, was in dieser Geschwindigkeit natürlich nicht ohne unschöne Nebengeräusche vonstatten gehen kann.

Während Allred sich in seinem kurzweiligen Comic primär auf die Erfolgsgeschichte des David Bowie der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre konzentriert, und sich dabei als sehr faktentreu erweist, ist der Ansatz des spanischen Autors Fran Ruiz und der Illustratorin María Hesse in "Bowie - Ein illustriertes Leben" ein ungleich verspielterer.

Erzählt in der ersten Person von niemand geringerem als einem fiktiven David Bowie selbst, geht es bei den beiden auf gerade mal 162 luftig beschriebenen Seiten von der Geburt im aschgrauen Nachkriegslondon bis zu seinem verfrühten Tod im Januar 2016 durch das ganze Leben des Meisters. Und auch wenn die edel illustrierte Erzählung dieses Erdachten gerne mal charmant ins Fabulierende driftet, meint man dem Menschen durchaus nahe zu kommen, der hier von den Abgründen zwischen koksbefeuertem künstlerischen Überdruck und zunehmender Selbstentfremdung, zwischen unzähligen Tour-Affären und dem Wunsch nach einem geregelten Familienleben berichtet. Die wenig überraschende und doch irgendwie beruhigende Erkenntnis aus alledem: Der Musiker David Bowie mag mitunter nicht von dieser Welt gewesen sein - als Mensch war er indes so fehlbar wie alle anderen von uns auch.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5117430
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.11.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.