Süddeutsche Zeitung

Comic:Rollen statt blättern

Zwergenmassaker als Gute-Nacht-Geschichte: Steffen Haas hat einen 13 Meter langen Splatter-Comic gemalt

Von Jürgen Moises

Gold und Gier gehörten immer schon zusammen. Und sobald das eine das andere erweckt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Genau das passiert auch, als Runkel, ein Runkelrübenzwerg, im Wald einen riesigen Goldklumpen findet. Die Folge davon ist der erste laute Schrei, der in dem Moment noch einer der Freude ist. Als Runkel ihn nach Hause schleppen will, merkt er: Der Klumpen ist zu schwer. Deswegen schmiert er ihn zunächst als Tarnung mit Melasse ein und bittet schließlich den Kohlenzwerg Kunkel um Hilfe. Nachdem dieser zusammen mit Runkel den Melasse-Klumpen in dessen Wohnung getragen hat, scheint erst mal alles gut zu sein. Dann aber fängt es an zu regnen und das bringt das Gold wieder zum Vorschein. Es folgt ein Streit, der nächste Schrei, und Kunkel hat Runkel mit der Axt in zwei Hälften gespalten. Das könnte nun das Ende der Geschichte sein. Stattdessen nimmt ein wahres Zwergenmassaker seinen Lauf, mit immer absurderen Wendungen. Wieso? Weil die Geschichte eine improvisierte Gute-Nacht-Geschichte ist, die ein "Oppa" seinen Enkelkindern erzählt. Und diese ist erst dann wirklich zu Ende, wenn die Kinder zufrieden oder eingeschlafen sind.

Nachlesen kann man sie in "Eines Tages hörte man im Walde ein lautes Schreien". Das ist ein Comic des Münchner Autors und Zeichners Steffen Haas, den man vor allem durch seine gemeinsam mit Gunter Hansen gestalte Comic-Serie "Das Küken, die Maus und das Bier" kennt. Seit mehr als 20 Jahren erscheint die Serie im Veranstaltungsmagazin In-München, wobei Haas für die Maus und Hansen für das Küken verantwortlich zeichnet. Die Serie ist auch in Buchform erschienen. Und vor vier Jahren gab es im Valentin-Karlstadt-Musäum eine Ausstellung der beiden.

Ein bisschen ankreiden könnte man der an "Jugendliche und Erwachsene mit Sinn für Absurdes" gerichteten Zwergen-Mär, dass sie gegen Ende so einige Frauenklischees auffährt. Oder darf man diese dem altmodischen Frauenbild des Oppas zuschreiben? Entstanden ist die Geschichte ursprünglich übrigens für die "Schwabinger Schaumschläger"-Lesebühne - und als eine Hommage an Steffen Haas' Vater. Er war es nämlich, der Haas und seine Brüder früher mit Sätzen wie dem Titel-Satz zum ständigen Nachfragen und Fabulieren motivierte. Und der ihnen häufig Zwergengeschichten erzählte, die meistens auch mit Gold zu tun hatten. Man könnte auch sagen: Sein Vater hat die Geschichte damals ins Rollen gebracht.

Und das ist auch das Besondere an Haas' neuem, im Berliner Verlag Round Not Square erschienenen Zwergen-Splatter-Comic: Wie alle Werke des vor fünf Jahren von Antonia Stolz und Ioan C. Brumer gegründeten Verlags ist "Eines Tages hörte man im Walde ein lautes Schreien" nicht als Buch, sondern als Buchrolle erschienen (round-not-square.com). Das heißt: Anstatt zu blättern, rollt man sich als Leser durch diese Geschichte, die sich auf einer einzigen, dreizehn Meter langen Seite abspielt. Hinzu kommen ein Cover beziehungsweise ein festerer Einband sowie drei kleine Magnetenpaare, die das Ganze zusammenhalten. Hergestellt wird jede Buchrolle auf Anfrage, mithilfe neuester Geräte und einer speziell dafür entwickelten Software. Soweit der neue technische Aspekt daran. Lässt man diesen aber mal beiseite, hat man es hier mit einem sehr alten Medium zu tun. Denn es gab Buch- oder eher Schrift- und Bildrollen doch schon im alten Ägypten oder China und weit vor den ersten Büchern.

Antonia Stolz und Ioan C. Brumer haben sie als Medium gewissermaßen nur reaktiviert und bringen in diesem schönen, etwas Übung erfordernden Format Comics, Gedichte, Fotografien und Kindergeschichten heraus. Oder auch eine japanische Fabel, die es aktuell als wunderbare Weihnachtsedition gibt. Eine an sich offene, vor sich hin mäandernde Geschichte wie die von Steffen Haas erscheint dafür natürlich gut geeignet zu sein. Und in Form von mit Wasserfarben kolorierten Zeichnungen, die zum Splatter-Inhalt im Kontrast stehen, hat Haas sie auch treffend und sympathisch illustriert.

Tatsächlich hat Haas auch schon davor eine "Mose-Geschichte" in Rollen- beziehungsweise Streifenform gemacht. Antonia Stolz und Joan Brumer kannten diese Arbeit. Und als sie Steffen Haas im vergangenen Jahr zufällig bei der Literaturmesse "Andere Bücher braucht das Land" im Literaturhaus trafen, fragten sie ihn, ob er sich nicht vorstellen könne, für ihren neuen Buchrollen-Verlag etwas zu erarbeiten.

Was die 13 Meter lange Originalrolle angeht: Diese will Haas übrigens sobald es geht in seinem Atelier in der Münchner Voßstraße 13 ausstellen. Seine Idee dahinter: eine Lesung, bei der er die Geschichte Szene für Szene langsam am Publikum vorbeizieht.

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SZ vom 03.12.2020
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