Süddeutsche Zeitung

Chemische Drogen auf dem Vormarsch:Halluzinationen, Psychosen, Verfolgungswahn - und alles legal

Sie werden als "Badesalz" und rein zu "Forschungszwecken" verkauft, diskret verpackt und per Post verschickt. Neue chemische Drogen erfreuen sich in der Partyszene steigender Beliebtheit, erworben werden sie meist legal. In München sind sie besonders verbreitet.

Von Florian Fuchs

Die Webseite des Anbieters, der in Kopenhagen angesiedelt ist, sieht professionell aus. Welchen Stoff man auch kaufen will, oben links zeigt ein Schaubild die chemische Struktur, rechts daneben sind das Molekulargewicht angegeben und sonstige Formeln, die allenfalls ein Chemiker zu entschlüsseln wüsste. Man kann auf dieser Webseite Drogen kaufen, aber getarnt ist die Plattform als Forschungsgemeinschaft.

Wer sich etwa für Methoxetamine interessiert, einen Ketamin-Ersatzstoff, der unter anderem optische und akustische Halluzinationen auslöst, der bekommt hier eine Fünf-Gramm-Probepackung genauso wie einen 500-Gramm-Beutel. Diskret verpackt, per Post geliefert. Aber natürlich nicht für den Eigengebrauch, sondern nur zu Forschungszwecken, so steht es im Kleingedruckten. Es soll ja einen legalen Anstrich haben. Vormalige Käufer geben auf der Seite Bewertungen ab. "Die Mäuse zeigen selbst nach mehrmaliger Dosis keine Anzeichen eines Katers", schreibt einer.

Die chemische Verbindung ist oft nicht strafbar

Mäuse haben den Stoff natürlich nie verabreicht bekommen, eine wissenschaftliche Forschungsgemeinschaft gibt es auch nicht. Bei dem dänischen Anbieter kann man genauso wie bei zahlreichen anderen Produzenten, die mit wenigen Klicks leicht über Suchmaschinen zu finden sind, nicht nur Methoxetamine kaufen, sondern zahlreiche andere sogenannte research chemicals, übersetzt: Forschungschemikalien.

Dazu zählen neben Methoxetamine auch Stoffe wie Mephedron oder MDPV (siehe Interview). Seit wenigen Jahren sind diese psychoaktiven Drogen vor allem in der Partyszene verbreitet. Sie werden als Badesalze oder Pflanzendünger verkauft und können von der Polizei teilweise nicht einmal richtig verfolgt werden. Die Pillen oder Pulver sind oft so zusammengesetzt, dass die chemische Verbindung nicht strafbar ist. Reagiert der Gesetzgeber, wird die Zusammensetzung minimal verändert: Schon laufen die Sicherheitsbehörden wieder hinterher.

Während im restlichen Bayern, gerade im Grenzraum zu Tschechien, Crystal Meth der Verkaufsschlager ist, sind in München die Partydrogen ein stetig wachsendes Problem. "Das Crystal von München ist das Badesalz", sagt Klaus Fuhrmann, der beim sozialen Träger Condrobs in der Suchthilfe arbeitet.

Vor etwa drei Jahren waren sich Fuhrmann und sein Kollege Olaf Ostermann nicht sicher, ob es sich bei den research chemicals nur um eine Modeerscheinung handelt. Inzwischen sind sie überzeugt: "Das wird bleiben." In den Münchner Kontaktläden, in denen Drogensüchtige beraten und substituiert werden, versuchen die Mitarbeiter von Condrobs in Gesprächen zu verstehen, warum ihre Klienten die Drogen nehmen. Und natürlich versuchen sie davor zu warnen.

Die Frauen und Männer, die zur Suchthilfe kommen, sind meist von Heroin abhängig. Weil die Substitutionsmittel zwar das Suchtgefühl dämpfen, aber ansonsten stark sedieren, nehmen einige als Beikonsum die sogenannten Badesalze. "Es kommt immer auf den Stoff an, den man nimmt", sagt Ostermann, "aber viele der Zusammensetzungen knallen richtig rein: Sie machen aktiv, gesellig, gesprächig, auch sexuell aktiv".

Während sich die Junkies, die schon eine lange Drogenkarriere hinter sich haben, die chemischen Drogen oft sogar spritzen, sind sie in der Partyszene - vor allem bei elektronischer Musik - als Pillen oder Pulver zum Schnupfen verbreitet. Partygänger greifen gerne zu: Während Kokain in München auch mal bis zu 100 Euro pro Gramm kosten kann, gibt es die chemischen Drogen für etwa 20 Euro.

Manche Dealer täuschen aber auch vor, dass das weiße Pulver in ihren Tütchen Kokain sei, um es teuer verkaufen zu können. Stattdessen ist es irgendeine chemische Zusammensetzung, teilweise gefährlich verunreinigt oder gestreckt. "Man kann nie sagen, was in dem Pulver oder den Pillen wirklich drin ist", sagt Dirk Grimm von Mindzone. Die Mitarbeiter der Einrichtung, deren Träger die Caritas ist, ziehen von Club zu Club und klären auf Partys über die Gefahren von research chemicals auf.

Im Extremfall, erzählen Fuhrmann und Ostermann, bekommen Konsumenten von den Drogen so starke Psychosen, dass sie in die Klinik müssen und erst nach zwei bis drei Wochen wieder einigermaßen bei Sinnen sind. "Oft wirken die Drogen aber einfach so, wie sich die Leute das wünschen: Sie knallen rein und man fühlt sich gut", sagt Ostermann. "Nur kann man halt irgendwann auch mal Pech haben und in der Pille ist etwas Gefährliches."

Sie hatten schon Fälle, bei denen Konsumenten alle Kabel aus ihrer Wohnung gerissen und sich darin eingewickelt haben, um sich vor Strahlen aus dem All zu schützen. Teilweise bekommen die Leute einen richtigen Verfolgungswahn und sehen überall Polizisten, wo keine sind. Oder sie beschuldigen andere, irgendetwas geklaut zu haben, was es nicht einmal gibt. "Mir wäre es sogar lieber, wenn die Leute Heroin oder Kokain nehmen, mit denen kann man umgehen. Wer Badesalze nimmt, ist oft aggressiv und unberechenbar", sagt Ostermann.

Warum aber sind die Drogen in München dann weiter verbreitet als in anderen deutschen Großstädten? Fuhrmann und Ostermann haben eine Theorie: In München, sagen sie, ist der Verfolgungsdruck durch die Polizei bei herkömmlichen Drogen wie etwa Heroin größer. Was man bei der Polizei als Lob versteht, zieht nach Ansicht der Experten von Condrobs aber das Problem nach sich, dass die Konsumenten auf Drogen ausweichen, die nicht so stark verfolgt werden: wie eben die research chemicals, deren Bestandteile teilweise nicht einmal gesetzlich verboten sind.

Wird eine Droge gesetzlich verboten, ändern die Hersteller einfach die chemische Struktur, schon ist das Verbot umgangen. Nachbarländer wie Österreich verbieten deshalb gleich ganze Stoffgruppen, aber auch das ist nicht effektiv: Die Produzenten erstellen einfach ein Derivat, einen abgeleiteten Stoff mit ähnlicher Struktur und Wirkung - und sind dem Staat auf diese Weise wieder einen Schritt voraus. Für die Polizei ist dies jedoch nicht das einzige Problem. Früher, sagt Hubert Halemba, stellvertretender Leiter des Münchner Drogendezernats, gab es etwa am Orleansplatz oder am Sendlinger Tor eine Szene. Das war für die Ermittler noch besser zu überblicken.

Heute werden die psychoaktiven Substanzen bei Partys und in Clubs verkauft - oder eben auch über den Postweg. Halemba und sein Dezernat haben reagiert, schon länger unterhält das Präsidium eine Gruppe von zehn Beamten, die die Partyszene im Auge behalten. Die Ermittler wissen genau, welche Veranstaltungen anstehen, sie schauen sich auch an, welche Discjockeys auflegen. Danach entscheiden sie dann, in welche Clubs sie gehen - und wo sie Dealer am besten hochgehen lassen können.

Erst kürzlich haben sie wieder ein Pärchen erwischt, das auf einer Party an der Hansastraße Rauschgift verkauft hat. Bei einer Durchsuchung in der Wohnung der Dealer fanden die Ermittler weitere Drogen, unter anderem im Kinderzimmer. Am Wochenende, berichtet Halemba, haben bis zur Hälfte aller von der Polizei bearbeiteten Rauschgiftfälle mit den Partydrogen wie Badesalzen zu tun. Auch der Rauschgiftermittler ist sich sicher: "Jede Zeit hat ihre Drogen. Das Phänomen wird nicht so schnell verschwinden."

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SZ vom 16.07.2014/ahem
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