Süddeutsche Zeitung

Aubing:Parforce-Ritt im Ortskern

Nächstes Jahr wird sich wohl entscheiden, ob das Viertel an der Ubostraße eine neue Dorfmitte erhält - und wie diese aussehen kann

Von Ellen Draxel, Aubing

Das mehr als 1000 Jahre alte Aubing braucht einen Dorfplatz mit Aufenthaltsqualität - in diesem Punkt sind sich Aubings Bürger, Politiker und die Stadtverwaltung einig. Dissens herrscht aber bei der Neugestaltung der Flächen hinter dem Platz. Daran konnte auch ein kürzlich vom Bezirksausschuss Aubing-Lochhausen-Langwied veranstaltetes, virtuelles Info-Meeting mit dem Ziel, alle Beteiligten auf denselben Wissensstand zu bringen, nur bedingt etwas ändern.

Der Grund sind Interessenskonflikte. Das Areal an der Ubostraße 7-9, um dessen Neuordnung seit Monaten gerungen wird, zeichnet sich durch einen einzigartigen Mix verschiedener Nutzungen aus. Das Technische Hilfswerk (THW), dort seit 33 Jahren beheimatet, braucht dringend mehr Platz. Ein Vorbescheidsantrag sieht deshalb vor, mit Neubauten die Kapazitäten für das THW zu erhöhen. Doch der zur Verfügung stehende Raum ist begrenzt, weshalb ein Reitstall, den es fast ebenso lange wie das THW gibt, nun um seine Existenz bangt. Eine Petition zum Erhalt des Reitstalls zählt inzwischen mehr als 3000 Unterschriften. Vor Ort ansässig sind außerdem der Kinder- und Jugendtreff Aubinger Tenne sowie das Kulturzentrum Ubo 9. Und ein Seniorenzentrum soll, so der Wunsch von Bürgern und Politikern, im Bereich zwischen Georg-Böhmer-Straße, Belandwiese und Germeringer Weg zusätzlich neu errichtet werden.

"Dass der Reitstall wegkommt, stand nie zur Debatte", beschwichtigte Andreas Kacinari, bei der Stadtsanierung zuständig für den Münchner Westen, im Infogespräch. Den Ort präge ein "Zusammenspiel von Technik und Tieren, Kultur und Festen" - und das solle auch in Zukunft so bleiben. Alle derzeitigen Nutzungen blieben erhalten. Das sehe schon ein Stadtratsbeschluss von 2014 vor.

Die Zeit drängt, die Frist für Sanierungsmaßnahmen endet mit Ablauf des Jahres 2022. Bereits vor einigen Jahren, erklärte Kacinari, habe man daher ein "Basiskonzept" für die Neugestaltung des Areals entwerfen lassen. Dieses Konzept implizierte neben Neubauten für das THW auch ein neues Gebäude für ein Café oder Restaurant am Dorfplatz und einen Neubau für die Feuerwehr auf dem Gelände. Doch die Ideen damals seien "freier gedacht gewesen als zulässig" - weshalb nun ein Vorbescheidsantrag eingereicht worden sei, "um zu sehen, was geht".

Dieser Antrag, dessen Prüfungsergebnis noch aussteht, besteht aus zwei Varianten. In der ersten entstünde entlang der Georg-Böhmer-Straße ein zweigeschossiger Neubau samt Tiefgarage für das THW und seine Fahrzeuge. Das Gebäude des Reitstalls bliebe bei dieser Lösung erhalten, es entfiele aber etwa die Hälfte der Koppeln. Variante Nummer zwei hingegen würde den THW-Neubau parallel zum jetzigen Langgebäude des THW platzieren, dann allerdings müsste der Pferdestall weichen. Dieser sei ohnehin "baufällig und sehr ungünstig geschnitten", sagt Stallbetreiberin Andrea Dirndorfer. Trotzdem brauche sie einen Bau für die Tiere und als Lager. Ein solcher ist bei dieser Variante als Neubau weiter westlich Richtung eingezeichnet.

Beide Versionen sehen die Zufahrt zum THW und zu Parkplätzen von der Georg-Böhmer-Straße her vor und spielen damit, die Belandwiese, die dem Freiflächenverein gehört, als Kompensationsfläche für den Reitstall zu nutzen. Sie höre davon "zum ersten Mal", meinte Dirndorfer beim Infoabend. Auch Lokalpolitikerin Karin Binsteiner (Grüne), die zugleich der Bürgervereinigung Aubing-Neuaubing vorsteht, zeigte sich "sehr überrascht, dass jetzt die Hälfte des Reitstalls auf Fremdgrund kommen soll". Kacinaris Chefin Kerstin Oertel von der Stadtsanierung gab zu, dass dieser Teil der Planung "noch mit der Lokalbaukommission abgeklärt" werden müsse. Der Freiflächenverein habe aber bereits Entgegenkommen signalisiert.

Die Tenne und das Ubo 9 verbleiben bei den vorgelegten Plänen und sollen jeweils Gartenflächen dazu bekommen. "Nie zur Disposition" stand laut Kacinari der wertvolle Baumbestand am Giglweg - die Allee soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Und auch um die Optik der Neubauten muss sich nach Aussage der Planer niemand Sorgen machen. "Wir wollen keine Garagenbauwerke und keine Wellblechfassade mit industriellem Charme, sondern eine tolle Architektur in hoher Qualität", betonte Kacinari. Der Stadtsanierung, ergänzte Oertel, sei es "ein ganz großes Anliegen, Aubing ein sehr schönes Gesicht zu geben und das Heimatgefühl zu stärken".

Zu der von den Grünen im Bezirksausschuss, von der Bürgervereinigung Aubing-Neuaubing und vom Vorsitzenden des Fördervereins 1000 Jahre Urkunde Aubing, Klaus Bichlmayer, geäußerten Kritik, die Fahrzeuge des THW kosteten zu viel Platz im Ensemblebereich und könnten doch auch anderweitig geparkt werden, sagte Oertel: "Wenn der Erhalt der Nutzungen bedeutet, dass expandiert werden muss, ist das Teil des Stadtratsbeschlusses." Im Übrigen habe "das THW dieses Raumprogramm nicht, weil sie es wollen, sondern weil es der Bund für seine Standorte so vorgibt". Dementsprechend gering seien die Spielräume. Zuvor hatte THW-Dienststellenleiter Andreas Bieleck wiederholt erklärt, eine Trennung von Theorie und Praxis an den Fahrzeugen sei "nicht sinnvoll".

"Der Antrag auf Vorbescheid", betonte Andreas Kacinari in diesem Zusammenhang, sei auch "noch kein Bauantrag". Er diene lediglich dazu, "das Vorhaben planungs- und investitionssicher zu ermöglichen". Sprich, zu klären, wo Bauten zulässig sind und Bäume gefällt werden dürfen. Nur mit den Ergebnissen aus dieser Anfrage und der Quintessenz aus den Gesprächen mit Nutzern, Bürgern und Lokalpolitikern könne auf Basis eines Stadtratsbeschlusses ein städtebaulicher Wettbewerb für das Areal ausgelobt werden. Dieser sei wiederum die Voraussetzung für Gelder aus der Städtebauförderung. "Dieser städtebauliche Wettbewerb", so Kacinari, "soll dann zwei Teile haben: den Dorfplatz und den Übertritt von der S-Bahn zum Ortskern".

Die Grünen-Fraktion aber "ist mit dem jetzigen Verfahren der Stadt München überhaupt nicht einverstanden", wie sie nun verkündet hat. Der Bestand des Reitstalls sei bei dieser Planung im Gegensatz zum THW "überhaupt nicht abgesichert". Die Stadt müsse "gleiches Recht für alle schaffen".

Nicht im Sanierungsumgriff enthalten ist zudem die Neugestaltung des Aubinger Bahnhofs. Und ob das Seniorenwohnen auf dem Areal möglich ist, wird auch noch geprüft. Letzteres ginge aber "vermutlich zu Lasten einer Bestandsnutzung", meinte Kacinari. Wie der Dorfplatz selbst gestaltet werden soll und welche Wegebeziehungen beachtet werden müssen, darüber will Stadtteilmanager Daniel Genée im kommenden Jahr zunächst mit Vertretern der Tenne, des Alten- und Service-Zentrums, des Seniorenbeirats und des Spielhauses am Westkreuz sprechen. Später ist dann ein öffentlicher Bürgerdialog vorgesehen, eine "Mischung aus digitalen und analogen Formaten". Inklusive eines Tags der offenen Tür, um die Nutzer der Ubostraße 7-9 kennenzulernen.

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Quelle:
SZ vom 31.12.2020
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