Süddeutsche Zeitung

Asylbewerber in München:Flüchtlinge für eine bessere Stadt

12 000 Flüchtlinge soll bald in München leben - sie unterzubringen, das ist Management des Mangels. Doch in der Stadt wächst die Solidarität und es bilden sich ungewöhnliche Allianzen.

An der Wand über dem Oberbürgermeister erscheint das Wort "Notfallplanung". Kleine blaue Häuschen sind zu sehen und große braune, sie haben rote Dächer und sind durch Pfeile verbunden. Dann noch ein großer Bau und: "Notunterbringung". Stadtrat, Vollversammlung diese Woche, TOP 5: Unterbringung von Flüchtlingen. Als Brigitte Meier, die Sozialreferentin, zu sprechen beginnt, steht über ihr: "Dringender Handlungsbedarf". Sie redet, klickt Zahlen herbei, zum Beispiel die 12 342, dann das Wort "Container". Doch kaum ein Stadtrat hört zu, es gibt Wichtigeres. Zeitung lesen, E-Mails checken, mit dem Nachbarn schwätzen.

Dabei wäre es wert, der Sozialreferentin von der SPD zuzuhören. Es werden die Konturen eines Konzepts erkennbar. Gut 12 000 Flüchtlinge muss München am Ende des Jahres beherbergen, das sagt die aktuelle Prognose; die braunen Häuschen symbolisieren Container, in denen bald bis zu 500 Menschen leben sollen. Es werden in diesem Jahr so viele Flüchtlinge nach München kommen, wie seit 20 Jahren nicht. Doch aller Not-Rhetorik zum Trotz, die Stimmung in der Stadt ist eine ganz andere als in den Neunzigern.

Die vielen Geflohenen verändern Gesicht und Gefühl von München. Bürogebäude verwandeln sich in Heime, auf Kiesbrachen wachsen Containerdörfer. Syrische oder somalische Kinder werden in Schulen so fremd oder vertraut sein wie sonstige Zuagroaste. Viele Betriebe warten sehnlich darauf, dass junge Flüchtlinge einen sicheren Aufenthaltsstatus bekommen. Sie gelten als ehrgeizig, innerhalb weniger Monate sprechen viele von ihnen gut deutsch. München hat die Chance, zur Stadt der Solidarität zu werden, und sich damit selbst etwas Gutes zu tun.

München lernt das Improvisieren

Es bilden sich gerade ganz neue Allianzen: Die CSU-geprägte Handwerkskammer buhlt um mehr öffentliches Geld für die Förderung junger Flüchtlinge. Im Projekt "Bellevue di Monaco" arbeiten Asyl-Kämpfer mit Kulturgrößen und Jugendhilfeexperten an einem Leuchtturm der Integration inmitten der Stadt. Der Gründer der Schlau-Schule für Flüchtlinge, der kreative wie streitbare Michael Stenger, lobt den CSU-Kultusminister Ludwig Spaenle für das Sprachkursangebot.

München lernt auch das Improvisieren. In der Bayernkaserne engagiert sich ein Mitarbeiter des zuletzt so kritisierten Kommunalreferats auch nach Feierabend. Er sollte eigentlich den Abriss managen, stattdessen hat er nach und nach ein Asyldorf mit bemerkenswerter Infrastruktur aufgebaut. Und im Bezirksausschuss Freimann vermittelt ein CSU-Mann zwischen Anwohnern und Flüchtlingen, wenn es mal Ärger gibt.

Promis engagieren sich - das ist löblich und irgendwie typisch

München im Jahr 2015. Durchs Tor der Bayernkaserne pilgern Prominente: Bayern-Spieler bringen Fußbälle, eine Großgastronomin verteilt Winterjacken, eine Kunstsammlerin fördert das "Lighthouse Welcome Center". Münchens Society hat Asyl als Aktionsfeld entdeckt. Das ist löblich und irgendwie typisch, das Entscheidende aber sind die vielen Bürger, die ohne Kamerabegleitung in der Freizeit helfen.

Bestehende Asylgruppen haben enormen Zulauf, viele Kreise gründen sich neu. Der Caritas-Chef drängelt bei der Stadt, dass sie endlich die angekündigten Unterkünfte baut, damit die Helfer auch was zum Helfen haben. Mancher ärgert sich, dass offenbar auf Geheiß von oben Hunderte Betten in der Bayernkaserne leer stehen. Die Staatsregierung will mit dieser Unterkunft, die den Namen des Freistaats trägt, keine Negativ-Nachrichten mehr produzieren.

Wann war das Engagement für Flüchtlinge so groß wie jetzt? Das ist gut für die Behörden, weil ihnen die Ehrenamtlichen viel Arbeit abnehmen. Das ist aber vor allem gut fürs Stadtklima. Die großen Demonstrationen gegen Pegida und für Flüchtlinge in den vergangenen Monaten sind das sichtbarste Zeichen dieser Offenheit. München will bunt sein. Der Oberbürgermeister ist stolz auf seine Stadt.

Und, ja, auch die Behörden helfen mit. Stadt und Land versuchen, aus dem Desaster des vergangenen Herbstes zu lernen, als Flüchtlinge in der überfüllten Bayernkaserne im Freien schliefen. Das Sozialministerium nimmt den Winter-Notfallplan als Grundlage für ein dauerhaftes Konzept: In Stadt und Land soll genügend Puffer an verfügbaren Betten da sein. Im Herbst gab sich die Staatsregierung noch ganz überrascht, nun scheint sie verstanden zu haben: Kriege produzieren Flüchtlinge. Und Kriege gibt es viele.

In welchen Vierteln werden die Unterkünfte entstehen?

"Wir müssen uns wappnen für alle Fälle", sagt Rudolf Stummvoll, als Chef des Amtes für Wohnen und Migration der Manager des Mangels. Die vorgesehenen Gemeinschaftsunterkünfte in solider Bauweise werden nicht reichen, also will die Stadt weitere 2000 Plätze schaffen, in Containerdörfern für jeweils bis zu 500 Asylsuchende. Mal im Gewerbegebiet, mal auf einer Wiese, um Konflikte mit der Nachbarschaft möglichst zu vermeiden. 500 Menschen? In Containern? "Das ist nicht toll, das weiß jeder von uns", sagt Stummvoll. "Das ist nur der Not geschuldet." Und wenn auch die Container nicht reichen, wird die Stadt Notunterkünfte eröffnen, im alten Siemens-Bürokomplex in Bogenhausen für 400 oder noch mehr, oder in einer Sporthalle am Rande von Trudering. Das ist Mangelverwaltung, aber immerhin geplant. Stummvoll hat die Schlüssel für die Notlager in der Schublade liegen.

Mitte April, wenn wieder Zahlen und Häuschen an der Wand des Rathaussaales erscheinen, wird die Plenums-Geschwätzigkeit der Aufregung weichen. Dann will Brigitte Meier die Containerstandorte benennen, sechs bis acht sollen es sein. Und dann wird so mancher Stadtrat wieder sagen: Klar brauchen wir menschenwürdige Unterkünfte, aber doch nicht in meinem Viertel, was sagen denn die Nachbarn? Sankt Florian als Prinzip?

600 Betten

oder mehr soll es im neuen Ankunftszentrum (AZ) für Asylsuchende geben, das in der Lotte-Branz-Straße im Euro-Industriepark entsteht, unweit der Bayernkaserne. Dort sollen Neuankommende registriert und in eine Erstaufnahmeeinrichtung geschickt werden. Im AZ sollen die Flüchtlinge zwar maximal 24 Stunden bleiben, das bedeutet für viele aber: einmal übernachten. Im Mai soll das neue AZ das bisherige in der Baierbrunner Straße ersetzen.

Die Erfahrung lehrt: Sobald ein Heim öffnet, legt sich die Aufregung. Das gilt für München, das berichtet aber auch Thomas Karmasin (CSU), Landrat von Fürstenfeldbruck: Alles ruhig. Auf 3000 Flüchtlinge stellt sich sein Landkreis ein, und die Kommunen haben sich freiwillig auf eine Quote geeinigt: Jeder Ort nimmt gemäß vieler Parameter Flüchtlinge auf, ohne Murren. Der Münchner Landrat Christoph Göbel (CSU) sagt: "Wir müssen diese Herausforderung einfach annehmen, das ist eine menschliche Verpflichtung." Und anders als vor Jahren seien nun auch die Kommunen sehr kooperativ.

Verändert hat sich auch die Polit-Rhetorik seit den Neunzigern, Ausreißer nach unten nicht ausgeschlossen. Das Wort von der "Welle" erinnert an Tsunami und signalisiert: Achtung, Flüchtlinge! Selbst Martin Neumeyer, der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, hat kürzlich von "Flut" geschrieben und deren "Eindämmung" gefordert. Immerhin, kürzlich in der Bayernkaserne darauf angesprochen, erschrickt er über seine Worte und gelobt mehr Sensibilität. Der CSUler tourt gerade durchs Land, spricht mit Bürgern und Flüchtlingen und holt nach, was Politik und Behörden lange vernachlässigt haben. "Integrations-Gummibärchen" verteilt er dabei: "Vielfalt in einem Beutel. Von Apfel bis Pfirsich". Ein Gimmick, aber vielleicht auch mehr. Das Rezept, wie eine verantwortungsvolle Asylpolitik zu vermitteln ist, findet sich im Kleingedruckten auf der Tüte: "Mischung bunt, ohne künstliche Farbstoffe".

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Quelle:
SZ vom 28.03.2015
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