Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Passau:Der fragile Mensch

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Helmut Klewan, ehemals Galerist in Wien und München, ist der Eigentümer der größten Alberto-Giacometti-Sammlung Deutschlands. Mehr als 100 Exponate daraus zeigt er derzeit im Museum Moderner Kunst Wörlen in Passau.

Von Sabine Reithmaier, Passau

Manchmal dauert es lange, bis sich ein Traum erfüllt, manch einer erlebt die Erfüllung auch nicht mehr. Hanns Egon Wörlen (1915-2014), Stifter des Museums Moderner Kunst (MMK) in Passau, hatte sich schon in den ersten Jahren nach der Museumsgründung bemüht, die unverwechselbaren Arbeiten Alberto Giacomettis in sein Haus zu holen. Helmut Klewan, Eigentümer des größten Giacometti-Konvoluts in Deutschland, erinnert sich noch gut an Wörlens Anrufe in den frühen Neunzigerjahren. Aus verschiedenen Gründen klappte es nicht. Als aber vor einiger Zeit MMK-Direktorin Marion Bornscheuer den ehemaligen Galeristen in München besuchte - eigentlich einer Maria-Lassnig-Ausstellung wegen - und die vielen Arbeiten Giacomettis entdeckte, erwischte sie genau den richtigen Moment, um doch noch den Wunsch des Stifters zu erfüllen.

Klewan hat dem Museum mehr als 100 Exponate geliehen: Sechs fantastische Ölgemälde, einige Plastiken, darunter die berühmte Bronze "La Cage" von 1950 oder ein winziger Kopf von Simone de Beauvoir, viele Zeichnungen und noch mehr Druckgrafik. Sie erlauben es mitzuverfolgen, wie sehr sich Giacometti lebenslang mit Fragen der Wahrnehmung auseinandergesetzt hat. "Wir schaffen Raum, um das Objekt zu erschaffen, und das Objekt erzeugt seinerseits einen Raum", notierte der Schweizer Bildhauer einmal und hörte zeitlebens nicht auf, das Verhältnis zwischen Figur und Raum zu erforschen. Dass er damit schon früh begann, belegt eine gern zitierte Geschichte aus der Kindheit des 1901 im Schweizer Bergell geborenen Sohn eines Malers. Als er im Atelier des Vaters ein Früchtestillleben zu zeichnen versuchte, radierte er die skizzierten Birnen so lange wieder aus, bis diese auf eine winzige Größe geschrumpft waren. Die Dinge in der "richtigen" Größe abzubilden, interessiere ihn nicht, antwortete er auf die Frage des Vaters. Er wolle sie so abbilden, wie er sie sehe.

Aufs Knochengerüst reduzierte Gestalten

Die Ausstellung beginnt im privaten Umfeld des Künstlers. Immer wieder zeichnet er sich selbst, seine Frau Annette, den jüngeren Bruder Diego, der als Kunsthandwerker und Designer arbeitete und in Paris mit Alberto Tür an Tür lebte, immer bereit, dem Bruder zu helfen. Oft hält Giacometti mit wenigen Strichen winzige Köpfe fest, das fast erloschene Gesicht seiner Mutter etwa (1963). Ein anderer Saal widmet sich den "Stehenden Akten", einem Hauptmotiv des Künstlers. Beharrlich vermisst er die Proportionen des menschlichen Körpers, reduziert die Gestalten fast aufs Knochengerüst, markiert mit dicken Bleistiftstrichen Kreuzungspunkte der Muskeln und Knochen. Hoch aufgerichtete und in die Länge gezogene Akte, in unbewegter Haltung, die Arme eng an den Körper angelegt, die beiden Beine manchmal zu einem einzigen verschmolzen. Und später, vor den grauen Ölgemälden, in denen Menschen nur mehr als geisterhafte Schemen auftauchen, versteht man gut, warum Giacometti so sauer war, als er 1962 auf der Biennale in Venedig "nur" den Preis für Skulptur erhielt. Und nicht auch noch den für Malerei.

Giacometti, der 1922 das Schweizer Hochgebirgstal verließ und nach Paris zog, skizzierte seine Figuren auch auf Zeitungen, Programmheften, Servietten oder Bücher. Um seine Kritzeleien zu verhindern, habe seine Schwägerin, Frau des jüngsten Bruders Bruno, immer alle Kunstbücher weggeräumt, wenn Alberto zum Urlaub ins Bergell kam, erzählt Klewan. "Später wären sie froh gewesen, wenn er noch mehr vollgekritzelt hätte."

Den Architekten Bruno Giacometti hat Klewan oft besucht. Ihm verdankt er Geschichten aus der Kindheit des Künstlers, der 1966 starb. "Alberto war Kettenraucher, arbeitete meist nachts, oft bis zur völligen Erschöpfung, und hat sich meist nur von harten Eiern ernährt", sagt Klewan. Er begann bereits in seinen Anfangsjahren als Galerist, Giacomettis Werk zu sammeln. Und auch zu verkaufen, die erste Zeichnung erwarb Arnulf Rainer. "Im Jahr 1972 um 50 000 Schilling."

Arnulf Rainer beeinflusste den Galeristen

Der Name des österreichischen Malers fällt im Gespräch mit Klewan häufig. "Der setzte mich auf die richtige Schiene", sagt der 79-Jährige, der den Maler in den Sechzigerjahren kennenlernte, als er noch im Wiener Geschäft seiner mit Salonkunst handelnden Eltern arbeitete. Die richtige Schiene - das waren die Wiener Aktionisten. Auch wenn der junge Kunsthändler nicht aktiv an den wilden Performances von Günter Brus, Otto Muehl, Peter Weibel und Oswald Wiener teilnahm, anwesend war er jedes Mal, auch bei "Kunst und Revolution" im Jahr 1968, dank der Boulevardmedien bekannt geworden als "Uni-Ferkelei". 1970 eröffnete Klewan seine erste Galerie in der Dorotheergasse und rebellierte gegen die damaligen Sehgewohnheiten, als er Muehl und Brus ausstellte. Rainer natürlich auch und viele andere Zeitgenossen. Maria Lassnig gewann er erst, als er ihr 1981 eine Ausstellung in seiner Filiale in der Münchner Maximilianstraße anbieten konnte, "Wien interessierte sie nicht". Damals verkaufte er nur eine einzige ihrer Arbeiten, aber jetzt hat er das Gefühl, "vieles von ihr immer viel zu billig verkauft" zu haben.

Auch für Giacometti gab es in den Sechziger- und Siebzigerjahren kaum einen Markt. "Der war ein Exot", sagt Klewan. "Im Handel zählten bloß Blauer Reiter und Brücke." Doch er war von dessen Werk so gefesselt, dass er sogar seine Kurt-Schwitters- und Arnulf-Rainer-Blöcke verkaufte, um sich mehr Giacometti leisten zu können. Was für ein Glück für Passau.

Highlights aus der Sammlung Klewan, bis 31. Juli, Di. bis So, 10-18 Uhr, Museum Moderner Kunst Wörlen, Bräugasse 17, Passau

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