Süddeutsche Zeitung

25 Jahre Lichterkette:Die Stadt leuchtet weiter

Vor 25 Jahren protestierte München mit einer Lichterkette gegen Fremdenhass. Harriet Austen und viele ehrenamtliche Helfer haben aus der Aktion ein langfristiges Hilfsprojekt geschaffen.

Sie weiß noch genau, wie sie am Abend des 6. Dezember 1992 auf der Barer Straße in der Maxvorstadt stand, eine Kerze in der Hand, und mit ihr standen da Hunderte, Tausende andere Münchner in einer endlos langen Kette. "Wir hatten bei einer Freundin mit den Kindern Nikolaus gefeiert, und als wir rausgingen, waren wir überwältigt: Teil einer so großen Bewegung zu sein, das war berührend," erzählt Harriet Austen: einer Bewegung für Solidarität, gegen Fremdenhass.

Die Bilder von der Münchner Lichterkette gingen um die Welt - der Filmproduzent und Mitinitiator Gil Bachrach hatte einen Hubschrauber organisiert, um das Ereignis aus der Luft zu dokumentieren: Statt der erwarteten 100 000 waren 400 000 Menschen gekommen und hatten sich mit Kerzen in der ganzen Stadt aufgereiht. "Wäre der öffentliche Nahverkehr nicht zusammengebrochen, dann wären es noch mehr geworden," sagt Harriet Austen. Dabei hatten sie damals kein Facebook oder Whatsapp, nicht mal E-Mails, nur Fax, Telefon und Zeitungen.

München stand still an diesem Nikolausabend vor 25 Jahren, eine halbe Stunde lang, als leuchtendes Zeichen für Menschlichkeit, ganz ohne politische Reden. Viele Münchner Promis hatten sich eingereiht, Politiker, ganze Firmenbelegschaften. Der FC Bayern war in Mannschaftsstärke angetreten.

Vorangegangen waren Ausschreitungen und Mordanschläge auf Flüchtlinge in Hoyerswerda, Mannheim, Solingen, Rostock und Mölln. Es gab Tote, Erwachsene und Kinder, sowie Dutzende Schwerverletzte. Da beschlossen Giovanni di Lorenzo, damals SZ-Redakteur und heute Chefredakteur der Zeit, die Filmproduzenten Gil Bachrach und Christoph Fisser sowie die Werbeagentin Chris Häberlein, nicht länger tatenlos zuzusehen, sondern ein Zeichen zu setzen.

"Die Idee entstand bei einem weinseligen Abend mit hitzigen Diskussionen im Babalu in der Leopoldstraße", erzählt Christoph Fisser, der noch immer im Vorstand der Lichterkette ist. Sie hatten an jenem Abend einen Handzettel entworfen, den jeder an zehn Freunde weiterreichen sollte, eine Art Kettenbrief. Im Kreisverwaltungsreferat wurden sie ausgelacht, als sie ein paar Wochen später eine Demonstration mit 100 000 Teilnehmern anmeldeten.

Zahlreiche Städte in Bayern und Deutschland hatten sich damals angeschlossen, "aber nur in München existiert der Verein bis heute", sagt Harriet Austen. Ein Verein war damals notwendig geworden, weil so viele Spenden eingingen, von einfachen Bürgern bis zu großen Konzernen. Anfangs stemmten die Lichterketten-Freunde alles mit Ehrenamtlichen und unterstützten Flüchtlingsprojekte.

Doch bald war klar: Um langfristig etwas zu bewirken, brauchten sie ein festes Büro und eine hauptamtliche Geschäftsführerin. So kamen sie auf Harriet Austen. "Ich habe es nie bereut", sagt die studierte Volkswirtin und Wirtschaftsjournalistin, "es ist einer der vielseitigsten und sinnvollsten Tätigkeiten, die man haben kann."

Von einem kleinen Büro in der Sonnenstraße aus dirigiert sie ein großes Netzwerk an Unterstützern und Partnern. In Teilzeit, nebenher schreibt sie weiterhin Wirtschaftsporträts, das ist ihr wichtig. Alle anderen Mitglieder arbeiten ehrenamtlich für den Verein. Austen ist ein kontaktfreudiger Mensch, "so kenne ich mittlerweile Hinz und Kunz in München", sagt sie. Die "Lichterkette e. V." ist längst eine Marke für soziales Engagement und Glaubwürdigkeit geworden.

Der Verein erlebte eine wahre Renaissance

Viele Projekte sind entstanden, seit Harriet Austen die Fäden in der Hand hält. "Sie ist Seele, Herz und Motor des Vereins, ohne sie wäre alles nichts", sagt ein langjähriges Mitglied. Mit einem Münchner Konzern hat sie ein Volunteer-Programm entwickelt: Nachwuchsführungskräfte hospitieren bei einem sozialen Projekt, halten zum Beispiel Bewerbungstrainings für Flüchtlinge, bieten Coaching für Mittelschüler an oder Berufstipps für Schüler mit geistigen Handicaps. "Das ist für beide Seiten sehr bereichernd", sagt Austen. Ein anderes Unternehmen schickt seine Top-Führungskräfte zum Austausch mit Leitern von sozialen Einrichtungen. "Das erste Mal Armut zu sehen, macht viele sehr nachdenklich."

Ob es die "Deutschstunde" ist, eine Benefizveranstaltung, bei der Schriftsteller, Politiker und Künstler ohne Gage auftreten, zugunsten von Sprachkursen für Migranten; ob es der jährlich vergebene Förderpreis "Münchner Lichtblicke" ist, der soziale Projekte ins Rampenlicht rückt; ob es die Ausbildungsförderung für Flüchtlinge ist oder die Reihe "Vorbilder", bei der Migranten in Schulen gehen und von ihren Karrieren erzählen - viele Projekte laufen seit Jahren erfolgreich.

Mit den Flüchtlingen, die im Jahr 2015 nach München kamen, erlebte der Verein eine wahre Renaissance, sagt Austen. "Ich hatte plötzlich so viele Anfragen von Institutionen, dass ich gar nicht wusste, wie mir geschieht." Längst ist sie als Expertin und Netzwerkerin stadtbekannt. Dass es wieder eine Welle der Hilfsbereitschaft gab, macht sie glücklich - trotz der wieder aufflammenden rechten Hetze.

Seit bald 20 Jahren befasst sich Austen nun beruflich mit Flucht und Migration - und es gibt dabei auch eine Verbindung zu ihrer Biografie. "Mein Mann war ein Besatzungskind", sagt sie. Seine Mutter war Deutsche, sein Vater amerikanischer Soldat mit dunkler Hautfarbe. Der Sohn wuchs in einem fränkischen Dorf auf, "er hat mir oft von dem Alltagsrassismus erzählt, den er dort zu spüren bekam", sagt Austen. Aber es habe auch hilfsbereite Menschen gegeben, betont sie. "Es gibt eben immer beides."

Was Flucht bedeutet, hat ihr auch ihre Mutter erzählt. Von den Nazis wurde sie als Kind aus Reval, dem heutigen Tallinn in Estland, nach Polen verpflanzt, "heim ins Reich". Mehr als einer Million "Volksdeutschen" ging das so, sie sollten vorher enteignete Ländereien bewirtschaften. Nach dem Krieg wurden sie von dort vertrieben und landeten unter Lebensgefahr in Bayern. "Diese Geschichte war mir immer präsent", sagt Austen. "Deswegen bin ich bei der Lichterkette schon ganz richtig."

Wer sich für Flüchtlinge engagiert, der kriegt nicht nur Zustimmung. Als Dominik Brunner 2009 ermordet wurde, der Münchner, der sich schützend vor ein paar Jugendliche am Sollner S-Bahnhof gestellt hatte, drehte Marcus H. Rosenmüller einen Kurzfilm über Zivilcourage für die Lichterkette. Der Clip lief im Stadion des FC Bayern, "danach brach ein Shitstorm über uns herein", erzählt Austen.

Doch von so was lässt sie sich nicht irritieren. Und wenn ihr jemand sagt: "Die Flüchtlinge kriegen alles, und wir kriegen nichts", dann antwortet sie ganz ruhig, dass noch keine Sozialleistung gekürzt wurde, dass Deutschlands Steuereinnahmen sprudeln, dass München hervorragende Angebote für Obdachlose hat.

Vor allem aber will Harriet Austen Menschen zusammenbringen, solche, die etwas zu geben haben, und jene, die mit der Hilfe vorwärtskommen. Am meisten freut es sie, zu sehen, wenn ein junger Mensch seine Ausbildung geschafft hat und Fuß fasst in der neuen Umgebung. "Deshalb mache ich halt weiter, solange ich kann", sagt die 67-Jährige und lacht.

Die Jubiläumsfeier findet am 22. Januar im Literaturhaus mit Konstantin Wecker, Brigitte Hobmeier, Giovanni di Lorenzo, Julian Nida-Rümelin, Heribert Prantl und vielen Förderern statt.

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Quelle:
SZ vom 06.12.2017/amm
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