Süddeutsche Zeitung

Mali:Eine Armee, die mehr Zivilisten tötet als Dschihadisten

In Mali hat das Militär kein Interesse daran, von einer zivilen Regierung kontrolliert zu werden. Warum sollten noch mehr Bundeswehr-Soldaten vor Ort daran etwas ändern?

Kommentar von Bernd Dörries

Seit etwa acht Jahren werden die Soldaten des westafrikanischen Landes Mali von der EU ausgebildet und geschult. Sie lernen, mit Waffen umzugehen, aber auch mit Werten, Soldaten der Bundeswehr bringen ihnen bei, was die Armee in einer Demokratie tut und was nicht. In den Ausbildungseinheiten scheint es zu Kommunikationsproblemen gekommen zu sein, gerade hat das Militär zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate geputscht. Oberst Assimi Goïta, der sich nun zum Präsidenten erklärt hat, durchlief die Ausbildungsprogramme von Amerikanern, Franzosen und auch Deutschen.

Nach dem Abzug aus Afghanistan wird der Einsatz in Mali der größte der Bundeswehr sein, mit fast 2000 Soldaten. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden der erfolglosere ist. In Mali verschlechtert sich die Sicherheitslage immer mehr. Am Anfang machten die Islamisten vor allem im Norden des Landes Probleme, dann in der Mitte und nun auch im Süden. Die Armee, die von den Deutschen trainiert wird, bringt mehr Zivilisten um als Dschihadisten, ist in massive Korruptionsaffären verstrickt und hat kein Interesse daran, von einer zivilen Regierung kontrolliert zu werden. All das war schon vor dem erneuten Putsch der vergangenen Woche so, dennoch verlängerte der Bundestag Mitte Mai den Einsatz, mit noch mehr Soldaten. Frei nach dem Motto: Viel hilft viel.

Geld kommt ja eben ins Land, wenn man den Europäern verspricht, gegen Terror und Migration zu kämpfen

Etwa 15 000 ausländische Soldaten sind in Mali im Einsatz, mehr als das Land eigene Soldaten hat. Ihre Präsenz soll helfen, den islamistischen Terror zu bekämpfen - sie militarisiert aber eine ganze Gesellschaft, Konflikte werden immer häufiger mit Waffen ausgetragen. Wo immer es Probleme gibt, Streit um Land oder Wasser, gründen sich neue Milizen, weil Gewalt der einzige Weg zu sein scheint, wie man Konflikte löst. Die Armeeführung tut wenig, um das eigene Volk zu beschützen, und umso mehr, um sich die eigenen Taschen zu füllen. Geld kommt ja eben ins Land, wenn man den Europäern verspricht, gegen Terror und Migration zu kämpfen.

So ist es in allen Staaten der Sahel-Zone, deren Armeen von Europa und den USA hochgerüstet werden und zu Garanten der Stabilität ausgebaut werden sollen. Letztlich werden aber genau die Falschen unterstützt, Leute, die schnelle Erfolge im Kampf gegen Migranten und Islamisten versprechen, aber nichts tun, um dem eigenen Volk eine Perspektive zu verschaffen. Es entsteht lediglich eine stabile Hoffnungslosigkeit.

Deutschland sollte sich mal anschauen, welche Art Afrikapolitik es da unterstützt

Einer der Hauptgründe der Bundeswehr für den Einsatz in Mali ist die Solidarität mit Frankreich, das einen Großteil der Kampfeinsätze schultert. Deutschland sollte sich vielleicht mal anschauen, welche Art Afrikapolitik es da unterstützt. Präsident Emmanuel Macron setzte sich zwar gerade kritisch mit vielen Aspekten der Kolonialgeschichte auseinander, vieles bleibt aber beim Alten. Idriss Déby, den gerade verstorbenen Langzeitdiktator des Tschad, nannte Macron fast zärtlich einen "tapferen Freund ..., der Jahrzehnte für die Stabilität der Region gearbeitet hat". Für die Bewohner des Tschad sah diese Stabilität so aus, dass sie die schlechtesten Bildungschancen des Kontinents hatten und nichts abbekamen vom Ölreichtum. Dennoch hielten es Frankreich und die EU für eine gute Idee, den Sohn zum Nachfolger zu machen. Der nächste Putschversuch wird auch hier nicht lange auf sich warten lassen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5309018
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/fzg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.