Süddeutsche Zeitung

Reisen:Bauchlandung mit Ansage

Lesezeit: 2 min

Das Chaos an Deutschlands Flughäfen war vorhersehbar. Das hat mehrere Gründe, vor allem aber liegt es an einer verfehlten Personalpolitik

Kommentar von Johanna Pfund

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben, besagt ein Sprichwort. Klingt banal, hoffnungslos altmodisch und doch aktueller denn je, wenn man derzeit einen Blick auf die Warteschlangen in den Abfertigungshallen deutscher Flughäfen wirft. Die Koffer stauen sich an der Gepäckausgabe, Menschen halten ein Nickerchen auf Gepäckbändern, Polizisten achten darauf, dass die Wartenden sich ordentlich benehmen, Flugpassagiere, oder solche, die es in absehbarer Zeit, sprich in wenigen Stunden, gerne werden wollen, muntern sich mit Zurufen auf, wenn die Schlange vor der Sicherheitskontrolle sich um eine Fußlänge nach vorne bewegt. Es ist ein Chaos mit Ansage, und das verwundert aus mehreren Gründen.

Allein deshalb, weil die Fluggesellschaften schon vor Wochen bemerkt haben, dass sich da irgendwie Unheil zusammenbraut. In ganz Deutschland fehlen laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) 7200 Arbeitskräfte an den Flughäfen, die Betriebsräte dort haben die Zahl 5500 genannt. Wie auch immer, es fehlen viel zu viele. Die Lufthansa kündigte Anfang Juni an, dass man wegen Personalmangels Hunderte Flüge in Deutschland und Europa streichen werde. Und das ausgerechnet im Ferienmonat Juli. Undenkbar vor Corona, undenkbar noch im Winter, als Fluggesellschaften wie potenzielle Passagiere darauf hofften, dass all die leidigen pandemiebedingten Reisebeschränkungen mit Beginn der Sommersaison endlich fallen würden. Irgendwie scheint die Flugwirtschaft selbst nicht an den von ihr ersehnten Reiseboom geglaubt zu haben.

Vielen wollen offenbar schnell weg, bevor Corona das Leben wieder einschränkt

Vielleicht hatten die einen oder anderen Verantwortlichen noch damit gerechnet, dass sich das Reiseverhalten der Deutschen in gut zwei Jahren Pandemie geändert hätte. Immerhin verringerte sich der durch Flugreisen verursachte weltweite Kohlendioxid-Ausstoß wegen all der Reisebeschränkungen deutlich. Gerade bei den doch klimabewegten Deutschen hätte man daraus schließen können, dass viele künftig auf Flugreisen verzichten und stattdessen quer durch Deutschland wandern oder radeln würden.

Aber es wirkt eher so, als hätte nur eine Art schwerer Corona-Deckel die Reisenden am Boden gehalten. Und nun nutzen offensichtlich viele die Chance für eine Flugreise, bevor möglicherweise im Herbst erneut Corona-Beschränkungen ins Haus stehen. Weg in die Sonne oder endlich mal wieder Verwandte in anderen Ecken Europas sehen.

Schon klar, wer die Leidtragenden dieser Personalpolitik sind

Jenseits dieser eher emotionalen Faktoren hätte die Flugwirtschaft durchaus rechnen können, und zwar auf Basis der vorliegenden Buchungen. Eine Studie des Flughafen-Dienstleisters Sita kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass das Interesse an Geschäfts- und Urlaubsreisen wieder deutlich steigt. Deshalb erstaunt es um so mehr, dass die Fluggesellschaften nicht rechtzeitig reagierten und Personal aufstockten. Wie aber Lufthansa-Chef Carsten Spohr einräumte, war man da wohl etwas zu restriktiv in den beiden vergangenen Pandemiejahren. Möglicherweise waren die Bedingungen für Boden- und Sicherheitspersonal auch nicht die rosigsten. Und wer dann die Chance hatte, eine sichere und im Idealfall besser bezahlte Stelle zu finden, der wird nicht zurückkehren an den Flughafen. Die Leidtragenden dieser kreativen Personalpolitik sind die verbliebenen Angestellten - und all die Reisenden. Aber sie haben in jedem Fall etwas erlebt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5613255
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/jkä
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.