Süddeutsche Zeitung

Weltliteratur:Zwischen Laster und Tugend

Italien feiert Dante: Am 700. Todestag wird der Dichter der "Göttlichen Komödie" zur Symbolfigur der gesellschaftlichen Einheit.

Kommentar von Thomas Steinfeld

Vor siebenhundert Jahren, am 14. September 1321, starb Dante Alighieri im Exil in Ravenna. Mit diesem Gedenktag geht in Italien eine lange Kette von Veranstaltungen zu Ende: von der großen Ausstellung der zur "Göttlichen Komödie" gehörigen Bilderwelten in Forlì bis zur Aufführung einer dramatisierten Fassung im Theater von Pompeji. Als wäre das alles nicht genug, gibt es seit dem vergangenen Jahr den "Dantedì", einen Feiertag zu Ehren Dantes. Er wird am 25. März begangen, dem Tag, an dem der Dichter seine imaginäre Reise in die Unterwelt begann.

Die Veranstaltungen galten einem Mann, dem Italien vermeintlich seine Sprache verdankt. Sie galten auch einem Werk, das sich als eine der beständigsten und fruchtbarsten Schöpfungen der Weltliteratur erweist. Zugleich bedeutet Dante für die italienische Nation viel mehr: Über alle Differenzen zwischen den Regionen, der Klassen und der politischen Lager hinweg ist er die Symbolfigur einer gesellschaftlichen Einheit, zwischen Glück und Unglück, Laster und Tugend, Befreiung und Katastrophe schwankend. Der Wanderer durch Hölle, Fegefeuer und Paradies ist der Mittler, unter dessen Anleitung sich das italienische Leben, wie es ist, in die höheren Sphären der Metaphysik übertragen lässt.

Selbst der Korruption kann man einen künstlerischen Mehrwert abgewinnen

Die Hoffnung auf die Einheit wird beflügelt von einer Einbildungskraft, die auch der Habgier, der Korruption und der Heuchelei einen künstlerischen Mehrwert abgewinnen kann: Nicht nur die große Umarmung, über alle Gegensätze hinweg, und das große Imaginäre gehören zusammen, sondern auch die Kunst und das Strafgericht. Dass man so schlecht und zugleich so gut sein kann, darauf beruht die nationale Geltung der "Göttlichen Komödie". Am Ende kommt dann doch eine Erlösung.

Kein anderes europäisches Land hat einen Dichter wie Dante und mit ihm eine Werk- und Wirkungsgeschichte, die ohne Unterbrechung zurückreicht bis ins Mittelalter. Goethe-Philologen sind heute oft Kritiker ihres Gegenstands. Dante-Philologen sind Wahrer einer Kontinuität. Zugleich steht die "Göttliche Komödie" für eine ebenso katholische wie weltliche Kosmologie, diesseits der Bibel und auf wunderbare Weise verbunden mit der Geschichte der italienischen Gesellschaft. Die Beschwörung einer solchen Verschmelzung von Nationalkultur und überirdischem Geschick bildet den tieferen Sinn der Feiern, mit denen des "italienischsten Italieners aller Zeiten" (Graf Cesare Balbo) in seiner Heimat gedacht wird.

Die Dante-Feiern sollen zeigen, "dass wir uns wieder umarmen werden"

Es wirkt wie eine schicksalhafte Bestätigung dieses Verlangens nach Einheit, wenn die runden Jubiläen mit politischen und kulturellen Umbrüchen zusammenfallen. Als im Jahr 1865 der 600. Geburtstag Dantes gefeiert wurde, beging man das erste Nationalfest nach der vier Jahre zuvor vollzogenen Einigung und Staatsgründung. Das Jubiläum 1921 markierte die Rückkehr Italiens aus dem "Großen Krieg". Das Fest von 1965 bestätigte, obwohl es eher philologisch ausfiel, den Aufstieg des Landes in den Kreis der großen Nationen der Welt. Stets scheint der Jahrestag mit einem "risorgimento", einer "Wiedererstehung", zusammenzufallen.

So war es auch in diesem Jahr, nach der schweren ökonomischen Krise des Landes, zu einer Zeit, als mit dem Beginn der Impfungen ein Ende der Pandemie zum ersten Mal möglich erschien: Als der Schauspieler und Regisseur Roberto Benigni im März im Quirinal, dem Präsidentenpalast in Rom, vor die Kameras trat, um die Feierlichkeiten einzuleiten, verkündete er, Dante sage den Italienern, "che ci riabbracceremo" - "dass wir uns wieder umarmen werden". Und wer weiß, vielleicht ist es tatsächlich so.

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