Süddeutsche Zeitung

WDR-Politmagazin:Opposition ist kein Mist

"Monitor" schreckt auch vor Kritik am eigenen Haus nicht zurück. Unter Redaktionsleiter Georg Restle hat das Format in jüngster Zeit sein Profil geschärft.

Von Hans Hoff

Im Januar passierte etwas sehr Besonderes im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Da gab es ausnahmsweise mal keine Kritik von außen, vielmehr mussten sich ARD- und ZDF-Verantwortliche mit öffentlichen Vorwürfen aus dem eigenen Lager auseinandersetzen. Die hauseigenen Talkshows, in denen es 2016 vor allem um die Themen Islam, Flüchtlinge und Terror ging, wurden da angegangen, und gestellt wurde die Frage, ob diese Sendungen nicht möglicherweise genau die Angst schüren, über die sie zu berichten vorgeben. Das kam von unerwarteter Seite.

Denn formuliert wurde die Kritik beim WDR-Politmagazin Monitor, das es seit beinahe 52 Jahren gibt und das in jüngster Zeit ganz erstaunlich sein Profil geschärft hat. Monitor berichtet bevorzugt über Dinge, über die sonst kaum einer berichtet - sogar, wenn es das eigene Haus betrifft wie bei den Talkshow-Themen. Der WDR bringt unter anderem Hart aber fair und Maischberger ins ARD-Programm ein.

Kritik aus dem eigenen Haus

"Sie können sich vorstellen, dass es nicht nur Jubelstürme im Haus gab", sagt Georg Restle über die Reaktionen auf den Bericht. Restle ist seit 2012 Chef und damit traditionsgemäß auch Moderator des Magazins. Geboren wurde er passenderweise in dem Jahr, in dem auch Monitor das Licht der Welt erblickte, 1965 war das.

"Wir werden nicht immer nur geliebt", sagt er, und man spürt, dass ihm der Satz auch mit Stolz über die Lippen kommt. Wer notorisch anecken will, der wird zu viel Beifall immer verdächtig finden. Einem wie Restle gibt Gegenwind Nahrung. Im Falle der Talkshows blies der Wind ziemlich heftig durchs Haus, denn schließlich sind die Plauderrunden so etwas wie die Aushängeschilder im System. Wer daran rüttelt, muss aushalten, dass es auch mal rummst.

Obwohl es das angeblich ja gar nicht getan hat. Fragt man Sonia Seymour Mikich, die Chefredakteurin des WDR, wie sehr der Talkshow-Bericht geschmerzt habe, setzt sie den Aufregungstopf auf eine ganz kleinere Herdplatte. "Natürlich haben wir intern diskutiert und argumentiert. Nicht aufgeregt. Talkshows und Politmagazine sind halt unterschiedliche Genres mit unterschiedlichen Aufgaben", sie müssten nicht im Gleichklang sein, antwortet sie. Man kann ihr dabei getrost unterstellen, dass sie ein wenig parteiisch ist. Schließlich war sie selbst zehn Jahre lang Monitor-Chefin. Sie habe damals Monitor für geopolitische, für "große" Themen geöffnet, merkt sie an. In Zeiten der Globalisierung reiche es nicht mehr, nur die Dinge im eigenen Land erklären zu wollen - obwohl früher Bonn die meisten Themen lieferte für die ARD-Politmagazine und heute eben Berlin. Man muss raus in die Welt, um die Wirkung deutscher und internationaler Politik beschreiben zu können. "Wir waren in Libyen, in Afghanistan und in der Türkei. Wir haben uns die Flüchtlings-Deals mit Eritrea, Südsudan und Somalia angeschaut. Das hat bis dahin außer uns niemand gemacht", sagt Restle, wenn man ihn fragt, warum er gerade jetzt so stolz auf sein Magazin ist. Mit "niemand" ist die Konkurrenz im Fernsehen gemeint. "Wir haben die Marke Monitor neu gefüllt", findet er.

Entgegen der Wellenreiter

Einen wie Restle stört, was jene tun, die er Wellenreiter nennt, die sich bequem auf ein gegebenes Thema setzen. "Die Wellenreiter recherchieren oft nicht mehr eigenständig, sondern machen sich regelmäßig zum Werkzeug politisch gesteuerter Kampagnen", sagt er. Wenn das passiert, teilt Restle gern seine Meinung mit. Er ist sehr aktiv bei Twitter und nimmt in seinen Tagesthemen-Kommentaren oft eine unerwartete Position ein.

Wenn man Restle eine Weile zuhört, wie er die Dinge beschreibt, wie er das Feuer seiner sechsköpfigen Redaktion beschreibt, wie er die Widerständigkeit seiner Mannschaft skizziert, dann kommt man auf das Bild vom kleinen gallischen Dorf, das sich in seiner Sendung ganz allein alle drei Wochen eine halbe Stunde lang gegen die Römer wehrt. Aber das will er natürlich nicht hören. Man sei ja nicht allein. Er verweist auf die Kollegen vom Rechercheverbund, die auch mit dem NDR und der SZ zusammenarbeiten. Die sitzen auf derselben Etage. Restles Euphorie kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Monitor-Berichte nicht immer die erwünschte Wirkungsmacht entfalten. "Wir warnen manchmal so früh, dass die Gesellschaft noch nicht bereit zu sein scheint, das aufzunehmen", sagt Restle.

"Wir merken schon, dass wir Leute auf Gedanken bringen"

Man habe die Finanzkrise sehr früh beschrieben, habe über die nukleare Gefahr in Europa berichtet und schon 2013 getitelt: "Wie Europas Politik syrische Flüchtlinge ins Meer treibt". Ohne merklichen Widerhall. Inzwischen sei zu spüren, meint Restle, dass Monitor-Berichte wieder mehr wahrgenommen würden, auch in Berlin. "Wir merken schon, dass wir Leute auf Gedanken bringen", sagt er und spult eine lange Liste herunter von Sendungen, die aus seiner Sicht etwas bewirkt haben. Die reicht von Themen wie dem angeblich sicheren Afghanistan über Opels Abgasprobleme bis hin zu TTIP. "Wir konnten mehr beeinflussen als in den Jahren zuvor", findet Restle. Deutlich distanziert er sich dagegen von um sich greifendem Betroffenheitsjournalismus: "Wir machen keine Balla-Balla-Themen, also kleine Einzelfälle mit hohem Unrechtsgehalt, die aber politisch für nichts stehen."

Natürlich muss auch Monitor sparen. Zehn Prozent Kürzung hat WDR-Intendant Tom Buhrow seinen Redaktionen verordnet. Man mache mehr mit weniger Mitteln, sagt Restle und verweist auf das ausgeweitete Onlineangebot. So etwas nimmt er in Kauf, weil er sich gut aufgehoben fühlt. Trotz aller Kritik an öffentlich-rechtlichen Missständen, weiß er um die Vorteile des Systems, und gegen Ende des Gesprächs kommt ihm noch ein Satz über die Lippen, der wie eine Liebeserklärung klingt. "Uns redet hier niemand rein. Dass wir diese Freiheiten haben, dafür steht dieses Haus, der WDR."

Monitor, ARD, 21.45 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 09.03.2017/smb
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