Süddeutsche Zeitung

Wahl im ORF:Konstruktiver Argwohn

Wer führt künftig den ORF? Die Wahl des Generaldirektors des österreichischen Rundfunks beschäftigt die Nation wie sonst allenfalls die Bildung einer Regierung - aber sie ist längst entschieden.

Das viel zitierte Wort von Papst Paul VI., Österreich sei eine "Insel der Seligen", könnte man noch heute für gültig befinden. Etwa in der Tatsache, dass dort in Sachen Information das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem eine herausragende Rolle spielt. Im Auftrag der Unabhängigkeit ein möglichst ausgewogenes Abbild der Wirklichkeit zeichnen, jenseits von kommerziellen und weltanschaulichen Interessen deuten und zuordnen: So lautet der idealistische Auftrag des Österreichischen Rundfunks (ORF).

Diese dominante TV- und Radio-Anstalt hat nicht zuletzt aus Qualitätsgründen seine weit führende nationale Rolle wahren können. Grund dafür ist allerdings auch die Schwäche der Konkurrenten. Innerhalb Österreichs gibt es zum vorzüglichen Rundfunk nur qualitativ bescheidenste Mitbewerber, wobei freie, unkommerzielle Sender die Nase vorne haben.

Beim Fernsehen kommt die Hauptkonkurrenz aus dem Ausland in Gestalt des deutschsprachigen Sendergetümmels, das zwar in der Unterhaltung punktet, aber angesichts mangelnden Ortsbezugs im Informationskonzert kaum mitspielt.

An diesem Dienstag wird der Generaldirektor des ORF neu gewählt, ein Ereignis, das die Nation beschäftigt wie sonst allenfalls die Bildung der Regierung. Idealzustände, wie eingangs ausgemalt, finden in den Vorwahlrankünen rasch ihre Grenzen - zumal in Zeiten, in denen Parteien und Politiker fast hysterisch Erfolg und Scheitern nicht zuletzt dem eigenen Erscheinungsbild in Funk und Fernsehen zuschreiben.

Wie wenig selig die alpenländische Insel ist, fasste die Wiener Tageszeitung Kurier am Montag in der Kommentarüberschrift zusammen: "Der ORF gehört den Parteien. Sie sollen bitte so ehrlich sein und dazu stehen."

Die geheimen Absprachen der Parteien

Tatsächlich beeinflussen Sozialdemokraten und Christsoziale über sogenannte Freundeskreise im Stiftungsrat, der das Direktorium wählt, entscheidend den Charakter des ORF-Führungspersonals. Nun steht so gut wie fest, dass der bisherige, der SPÖ nahestehende, Generaldirektor Alexander Wrabetz sein Amt wird halten können. Unter sechs Mitbewerbern wird nur einer, ORF-Balkankorrespondent Christian Wehrschütz, wirklich ernst genommen. Allerdings hält man auch ihn eher für einen Zählkandidaten.

EU-Kommissar im Tausch gegen Runkfunkdirektor

Der einstige Protegé des toten Rechtspopulisten Jörg Haider (Wehrschütz' weithin untadeliger Balkanberichterstattung merkt man diese politisch-ideologische Genealogie nicht an) passt einfach nicht in die Rechts-links-Abzählreime der Österreicher und ihrer trotz beträchtlichen Schwundes noch immer maßgeblichen "Groß"-Parteien ÖVP und SPÖ. Die ÖVP hat keinen eigenen ORF-Kandidaten benannt. Spekulationen, man habe sich intern nicht einigen können, gehen in die Irre.

Tatsächlich steht ein altes politisches Geschäft dahinter: Nach der letzten Europawahl überließ der sozialdemokratische Bundeskanzler Werner Faymann dem christsozialen Koalitionspartner das Amt des Österreich zustehenden EU-Kommissars ohne jeden Gegenvorschlag. Ohne dass es öffentlich je ausgesprochen wurde, aber für jeden aufmerksamen Beobachter erkenntlich, stand die Zusicherung der ÖVP dagegen, der SPÖ bei der Benennung des nächsten ORF-Generaldirektors nicht dazwischenzureden. (Dass EU-Kommissar Johannes Hahn sich nun nach dem Guttenberg-Modell einer Plagiatsprüfung seiner Doktorarbeit unterziehen muss, ist eine andere Geschichte.)

An dem alten und gewiss neuen "General" Wrabetz scheiden sich viele Geister. Er war von einer Bürgerbewegung an die ORF-Spitze katapultiert worden, weil seine Vorgängerin, Monika Lindner, als ÖVP-hörig untragbar geworden war. Er selbst hielt mühselig zu allen Seiten Abstand, geriet aber just am Wochenende noch in den - wohl konstruierten - Verdacht, mit einem SPÖ-Stiftungsrat Absprachen über die Teilnehmer von Diskussionssendungen getroffen zu haben.

Unter seiner Ägide missrieten wichtige TV-Unterhaltungsstrecken, konnte aber das Radio seine qualitativen Höhenflüge fortsetzen. Er sanierte den ORF finanziell, auch, weil nun die Republik für den Gebührenausfall aufkommt, der durch die gesetzliche Befreiung von Bedürftigen entstand. Gleichwohl ist die überwältigende Mehrheit der Österreicher überzeugt, die Parteien übten viel zu viel Einfluss auf den ORF aus - ein konstruktiver Argwohn, der nötig ist, um die schwierige politische Balance einigermaßen zu halten.

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SZ vom 09.08.2011/caja
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