Süddeutsche Zeitung

Medienkolumne: "Unser Beitrag":Wo die Zitronen blühn

Was die Öffentlich-Rechtlichen senden. Folge 9: Die Doku-Reihe "Zu Tisch" auf Arte.

Von Kathleen Hildebrand

Wenn nichts mehr geht, dann ist es Zeit für eine Folge Zu Tisch. Wenn am Abend jeder Film zu laut und zu lang erscheint, sind die halbstündigen Dokus auf Arte über kulinarische Traditionen eines europäischen Landstrichs genau das Richtige. Das liegt vor allem daran, dass das Konzept der Reihe so schlicht ist. Man besucht eine normale Familie in pittoresker Landschaft, oft arbeiten die Leute in der Landwirtschaft. Dann lässt man sich von ihnen zeigen, was man bei ihnen eben so kocht. Nichts ist hier überinszeniert, die Kommentare sind sachlich, die Musik zurückhaltend und immer: heiter.

Natürlich bedient Zu Tisch die Landlust- und Aussteigerträume des durchschnittlichen mitteleuropäischen Büromenschen. Die Frau des uralten Zitronenbauers von der Amalfiküste macht eine einfache Zitronenpasta, ein provenzalisches Kräuterbauernpaar destilliert Rosmarinwasser. Können die davon leben? Egal. Nach einem unsinnlichen Arbeitstag im Bildschirmlicht will man alles hinschmeißen und beim Pflücken und Kredenzen in der Sonne helfen, gerne auch für immer. Ein bisschen Cucina povera wird schon drin sein.

Unser Beitrag

Was die Öffentlich-Rechtlichen senden - eine Sammlung an persönlichen Eindrücken. Alle Folgen finden Sie hier.

Manche Folgen schöpfen ihren Reiz aus der Fremdartigkeit der Gebräuche, etwa wenn in Lyon ein kulinarischer Klub vorgestellt wird, in dem Kinder mit glücklichen Gesichtern Innereiengerichte verschlingen. Das Beste ist aber, dass sie bei Arte offenbar einen subtilen, fiesen Humor haben, was die kulinarische Hierarchie in Europa angeht. Während in den Tonangeber-Ländern Frankreich und Italien immer irgendwer den Hof der Eltern übernimmt und Rezepte der Großmutter vorstellt, will die Spargelbauerntochter in Sachsen-Anhalt bloß weg vom Land. Und in Nordengland sagt die Nebenerwerbsbäuerin beim Schichten ihres "Shepherd's Pie" einen Satz, der die Südländer erbleichen ließe: "Ich finde, man braucht gar keine Gewürze." Derart vorgeführt klickt man da als teutonischer Barbare in der Mediathek lieber schnell die nächste Folge der mittlerweile mehr als 200 Tischbesuche an.

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