Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik: Goldene Kamera:Monica Lierhaus ist wieder da

Fast wäre die Goldene Kamera eine Preisverleihung wie viele geworden - bis plötzlich Monica Lierhaus auf der Bühne steht. Zwei Jahre lang war die Sportjournalistin vom Bildschirm verschwunden, mit ihrer Rückkehr rührt sie zu Tränen.

Und am Ende war es dann doch nicht der Abend von John Travolta, Renée Zellweger, Danny DeVito oder Michael J. Fox, auch nicht der Abend von Lena Meyer-Landrut, Gloria Gaynor oder Eros Ramazzotti. Es war auch nicht der Abend von Bernd Eichinger, dem die Jury der Goldenen Kamera - der Film- und Fernsehpreis von Axel Springers Programmzeitschrift Hörzu - knapp zwei Wochen nach seinem Tod eine Auszeichnung widmete.

Am Ende war es der Abend von Monica Lierhaus.

Günter Netzer beginnt zu erzählen

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass die ARD-Sportjournalistin wegen einer schweren Erkrankung vom Bildschirm verschwand. Zeitweise, so viel gab ihr Arbeitgeber 2009 bekannt, lag sie im künstlichen Koma. Seitdem versuchten Anwälte die Moderatorin vor der Berichterstattung der Medien zu schützen - über Monica Lierhaus' Gesundheitszustand wurde seither hauptsächlich spekuliert.

Am späten Samstagabend also, eigentlich ist schon alles vorbei, bittet der Goldene-Kamera-Moderator Hape Kerkeling den Fußballexperten Günter Netzer für die Verleihung eines Ehrenpreises auf die Bühne - und der beginnt auf einmal von seiner jungen Kollegin zu erzählen. Dass Monica Lierhaus aber auch tatsächlich nach Berlin und auf die Bühne gekommen sein könnte, das glaubt man erst, als sich tatsächlich die Schiebetür zur Bühne öffnet.

Monica Lierhaus trägt ein hellblaues Kleid, sie wird begleitet von ihrem Lebensgefährten, dem Produzenten Rolf Hellgardt. Sie hat sichtlich Schwierigkeiten beim Gehen, ihre Stimme klingt monoton - aber sie spricht und rührt das Publikum innerhalb von Sekunden zu Tränen. Sie möchte sich bedanken, sagt sie, bei allen, die ihr geholfen haben, ins Leben zurückzufinden. Sie kämpfe jeden Tag darum, ihre Eigenständigkeit zurückzugewinnen und wolle irgendwann auch wieder vor die Kamera.

Im Saal hält es niemanden mehr auf dem Platz

In der Ullstein-Halle im Verlagshaus der Axel Springer AG sitzt schon lange niemand mehr auf seinem Platz, als Monica Lierhaus ihrem Lebensgefährten am Ende noch einen Heiratsantrag macht. Den 4,35 Millionen Zuschauern daheim an den Bildschirmen wird es wohl ähnlich gehen wie den meisten Gästen im Saal: Man ist nicht ganz sicher, ob man mehr erschrocken oder nur berührt sein soll.

Nur wenige Minuten später übrigens findet sich bei bild.de ein ausführlicher Bericht über Monica Lierhaus' Rückkehr ins Leben, für den "es im Vorfeld dieses Auftritts zu gemeinsamen Treffen kam, zu Gesprächen". Man kann also getrost sagen, dass Springer - einem der Verlage, der mit seinem großen Interesse an Monica Lierhaus' Gesundheitszustand immer wieder aufgefallen war - mit der Hilfe des übertragenden Senders ZDF ein ziemlicher Coup gelungen ist.

Ein bisschen Hollywood, ein paar echte Weltstars

Was soll man sonst erzählen über einen Abend, der als der Abend der Rückkehr von Monica Lierhaus in die Fernsehgeschichte eingehen wird?

Von Preisen für Lena Meyer-Landrut und Günther Jauch, von Auftritten von Eros Ramazzotti und Gloria Gaynor? Von Christine Neubauers gewaltigem Dekolleté und den Blicken der Frauen im Publikum, als sie damit auf die Bühne kommt? Davon, dass Jan-Josef Liefers und Axel Prahl, die Münsteraner Tatort-Ermittler, wenig überraschend von den Hörzu-Lesern zum beliebtesten deutschen Ermittlerteam gewählt werden und sich daraufhin küssen?

Glamour, wo bist du geblieben?

Wahrscheinlich bliebt nur noch eines zu erzählen: Dass es Thomas Kretschmanns schöne Würdigung des Produzenten Bernd Eichinger gar nicht gebraucht hätte, um an diesem Abend zu verstehen, was dem heimischen Kino an diesem Mann verloren gegangen ist. "Nur die Goldene Kamera fehlt noch", soll Eichinger zwei, drei Wochen vor seinem Tod und mit Blick auf seine zahlreichen Preise gesagt haben, weiß Kretschmann zu berichten. Ohne Bernd Eichinger wird dem deutschen Film mehr denn je der internationale Glamour abgehen.

Auch für eine Veranstaltung wie die Goldene Kamera scheint es nicht genug zu sein, die deutschen Schauspieler Anna Loos und Ulrich Tukur als beste nationale Darsteller auszuzeichnen. Stattdessen werden Stars wie Renée Zellweger, Michael J. Fox und John Travolta eingeladen und mit Auszeichnungen versehen, von denen man so gerne wüsste, ob sich die Hollywoodgrößen für diese Preise auch nur irgendwie interessieren.

Ein bisschen Hollywood, ein paar echte Weltstars im ZDF. Von großen Inszenierungen versteht man bei Springer nunmal etwas.

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