Süddeutsche Zeitung

Podcasts:"Hassparolen rauszuhauen, dauert fünf Sekunden"

Eine humanistische Grundhaltung gegen den Hass zu formulieren, dauert viel länger. Ulf Buermeyer, Produzent der "Lage der Nation", im Interview über die Podcast-Kultur.

Zum ersten Mal verleihen führende Akteure aus der Audiobranche den Deutschen Podcastpreis - in der Corona-Krise allerdings nur virtuell. Zeit, mit dem Macher eines der erfolgreichsten Podcasts über das Genre zu sprechen. Ulf Buermeyer, Jahrgang 1976, ehemaliger Richter am Landgericht Berlin und seit 2016 Vorsitzender der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Zusammen mit dem Journalisten Philip Banse produziert er seit vier Jahren den politischen Podcast Lage der Nation, den wöchentlich etwa 250 000 Hörer herunterladen. Für den Deutschen Podcastpreis ist das Format nicht nominiert, weil Philip Banse Mitglied der Jury war.

Herr Buermeyer, hat sich Ihre Arbeit an der "Lage der Nation" durch das Coronavirus verändert?

Ulf Buermeyer: Tatsächlich relativ wenig, da Philip Banse und ich ja auch vor Corona nicht immer direkt beieinander saßen, um unseren Podcast aufzunehmen. Nun schalten wir uns systematisch von Home-Office zu Home-Office zu.

Inzwischen gibt es - auch schon vor Corona - für gefühlt jedes Thema einen eigenen Podcast, manche sprechen bereits von einer "Podcast-Blase". Hat der Markt seinen Höhepunkt erreicht?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Podcast-Markt ist immer noch sehr jung und entwickelt sich dynamisch. Auch wenn seit den vergangenen Jahren immer mehr Menschen zuhören, ist die Zahl an Hörerinnen und Hörern doch noch relativ klein. Wenn jetzt mehr Menschen kreativ werden, ist das gar nicht schlecht. Vielmehr steigert es das generelle Interesse an Podcasts. Auch die Nachfrage an der "Lage" steigt in diesen Tagen immer mehr.

Wo stehen deutsche Podcasts im internationalen Vergleich?

Im Vergleich zum Markt in den USA ist der deutsche vergleichsweise jung. Aber es wird immer professioneller. Seit zwei, drei Jahren etablieren sich eigene Podcast-Labels wie Viertausendhertz oder Audible, die mit ausreichend finanziellen Mitteln eigene Formate entwickeln und produzieren. Außerdem steigen auch immer mehr Medienhäuser ein. Die entscheidende Frage ist nur, ob die eigene Podcasts entwickeln oder lineare Programminhalte zweitverwerten.

Sie und Ihr Kollege Philip Banse haben die "Lage der Nation" als eine Art Anti-Talkshow konzipiert. Ist das immer noch Ihr Credo?

Von Talkshows unterscheidet uns die Motivation. Wir dachten uns damals: Es muss doch möglich sein, mit etwas mehr Tiefe über Politik zu reden und einen Gedanken zu Ende zu entwickeln. Unser Hauptantrieb ist jedoch die Sorge um die Demokratie und das Bedürfnis zu erklären, dass unser Justizwesen oder das politische System doch ganz gut laufen.

Und das können Sie besser als die traditionellen Medien?

Ich möchte gar nicht so sehr in einen Gegensatz treten. Wir leben bei der Recherche für die "Lage" auch von der Arbeit anderer Journalistinnen und Journalisten. Aber wir haben den Vorteil, dass wir ein Gesprächsformat sind. In der "Lage" können wir uns gegenseitig Sachverhalte erklären und direkt Nachfragen stellen. Das ist dialogischer als ein geschriebener Text.

Ihre eigene Meinung wird auch sehr deutlich. Im Rahmen der "Umweltsau"-Debatte haben Sie als Schuldigen ganz klar den WDR-Intendanten Buhrow ausgemacht. In einer Zeitung müsste man so etwas als Kommentar kennzeichnen.

Das ist wahr. Wir haben keine strikte Trennung zwischen dem Berichts- und dem Kommentarteil. Man könnte natürlich an passender Stelle einen trennenden Jingle spielen. Aber das wäre sehr unbeholfen. Wir haben schon öfter die Diskussion bei unseren Hörern angestoßen, ob wir uns mit der eigenen Meinung zurückhalten sollen. Aber das haben die meisten verneint. Und zwar nicht nur die, die unserer Meinung sind. Wir haben auch sehr viele eher konservative Hörerinnen und Hörer, die sagen, wir hören das bewusst, um uns an euch zu reiben. Häufig steht auch in Kommentaren zur Sendung, dass Leute ihre Meinung geändert haben, nachdem sie eine Folge gehört haben.

Warum hören so viele Menschen die "Lage der Nation" an?

Nach dem Feedback der Hörer lassen sich vor allem drei Gründe nennen: Man hat nach eineinhalb Stunden "Lage" das Gefühl, über die wichtigen politischen Themen der Woche Bescheid zu wissen. Da wir diskutieren und Sachverhalte von verschiedenen Seiten beleuchten, wirken sie verständlicher. Und drittens gefällt den Hörerinnen und Hörern die juristische Einordnung.

Würden Sie in Ihrer Sendung auch mit einem Populisten oder jemandem von der Neuen Rechten sprechen?

Das ist gefährlich. Weil Populisten scheinbar einfache Lösungen verbreiten und es sehr schwierig ist, dagegen vorzugehen. Denn irgendwelche Hassparolen rauszuhauen, dauert fünf Sekunden, jedoch auf einer humanistischen Grundlage zu erklären, warum Hass keine Lösung ist, dauert unter Umständen 30 Sekunden - und schon hat man verloren. Das ist in Talkshows durch die Bildsprache noch gefährlicher als in einem Podcast. Aber das Risiko bleibt, dass am Ende bei einigen Hörern nur die populistischen Parolen hängen bleiben und dem wollen wir in der "Lage" kein Forum bieten. Aber wir denken schon darüber nach, das eine oder andere Argumentationsmuster der Rechten vorzustellen, um es dann zu dekonstruieren.

Meinen Sie, das reicht?

Wir müssen in unseren Reaktionen auf Populismus komplexer werden und tiefer gehen, als wir das bisher gemacht haben. Abgrenzung ist wichtig, aber Schlagworte wie "Das ist halt ein Neonazi" reichen für den Diskurs nicht. Wir müssen uns Mühe geben, da argumentativ dagegenzuhalten. Um diejenigen zu überzeugen, die noch nicht in die rechte Ecke abgedriftet sind, aber mit populistischen Ansichten sympathisieren.

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SZ vom 26.03.2020/khil
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