Süddeutsche Zeitung

Publizist Manfred Bissinger zum 80. Geburtstag:Vorbild für die Zukunftsfrage

Manfred Bissinger hat große Skandale aufgedeckt, Verleger von Sockeln gestoßen und vor allem Maßstäbe für guten Journalismus gesetzt. Eine Würdigung zum 80. Geburtstag.

Gastbeitrag von Gerhard Schröder

Im Sommer 1998 saßen wir zusammen mit Künstlern und Kulturschaffenden auf der Terrasse von Manfred Bissingers Haus in der Nähe von Hamburg. In wenigen Wochen stand die Bundestagswahl an, Helmut Kohl sollte abgelöst werden, was auch gelang. Ein wichtiges Versprechen im Wahlkampf war, der Kunst und Kultur auf Bundesebene eine institutionelle Verankerung und eine Stimme durch ein neues Amt des Staatsministers für Kultur und Medien zu geben. Es war Bissinger, der den Kreis zusammenrief. Dem Ganzen gaben wir einen pseudoformales Antlitz und nannten es, nicht ganz ernsthaft, "KMFK", was für Kulturministerfindungskommission stand. Günter Grass, Erich Loest, Marius Müller-Westernhagen, Jürgen Flimm und andere waren dabei. Und es war kein Zufall, dass wir uns bei Bissingers trafen. Er ist ein Freund der Künste und der Kunstschaffenden, pflegt die Beziehungen, sucht das Gespräch und unterstützt die, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Seine Freundschaften zu Horst Janssen, Peter Rühmkorf und Grass sind Legende. Und er teilt mit mir die Leidenschaft, Skulpturen, Bilder und Zeichnungen zu sammeln.

Manfred Bissinger hat große Skandale aufgedeckt, Verleger von Sockeln gestoßen, gesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst und vor allem Maßstäbe für guten Journalismus gesetzt. Er eckt an und scheut keine Konflikte. Gerne erzählt er die Geschichte, wie morgens um sechs Uhr ein Sondereinsatzkommando mit Maschinenpistolen vor seiner Haustür stand, um nach einem kritischen Artikel über Kanzler Kohl eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Der Einschüchterungsversuch misslang, das Verfahren "wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen" wurde später mangels Beweisen eingestellt. Seine Karriere führte ihn zum ARD-Magazin Panorama, zum Magazin Stern, zur Zeitschrift konkret und zu seinem eigenen Mediengeschöpf Die Woche. Bissinger versteht sich aber nicht nur als ein Meinungsmacher, sondern ein Stück weit auch als politischer Gestalter, der sich zu seiner Verantwortung für das demokratische Gemeinwesen bekennt, der sich für andere Sichtweisen begeistern lässt, der den Diskurs ohne Dogmen oder Scheuklappen führt. Unsere Gespräche sind eine stete Herausforderung für mich, und das schätze ich an ihm. Aber vor allem war und ist er mir ein wichtiger Freund und Ratgeber, auch und gerade in schwierigen Zeiten.

Bissinger hat meinen Weg zur Kanzlerschaft und diese selbst begleitet, wohlwollend, aber zugleich auch kritisch. Diese Begleitung steht in Zusammenhang mit der Krönung seiner journalistischen Laufbahn, der Gründung der mit dem Verleger Thomas Ganske in einer weinseligen Nacht konzipierten Zeitung Die Woche. Sie startete 1993 als Stimme der modernen politischen Linken, zu der ich mich damals zählte - und weiterhin zähle. Ich gebe gerne zu, dass Die Woche für mich auch ein Medium war, wenn ich wichtige Botschaften setzen wollte. Was mir aber besonders gefiel: Die Woche versuchte, den gesellschaftlichen Debatten immer ein Stück voraus zu sein, etwa wenn es um eine moderne Einwanderungs- und Integrationspolitik ging. Und dies ging zurück auf die Impulse, die Manfred Bissinger der Zeitung gab. Aber, das gehört zur Wahrheit dazu, es ist dem Blatt nicht gelungen, auf Dauer rentabel zu sein. Der Anzeigeneinbruch nach dem Platzen der New-Economy-Blase war nicht zu verkraften. Im März 2002 beendete der Verleger das Projekt. Damit ging ein Stück Zeitungsgeschichte zu Ende. Jedoch ist Bissinger, der in der Verlagsbranche aktiv blieb, bis heute ein wichtiger Publizist.

Manfred Bissinger hat die deutsche Medienlandschaft geprägt. Dabei war ihm dieser Lebensweg nicht an der Wiege gesungen. Bissinger, der über jedes philosophische, politische oder kulturelle Thema mühelos auf höchstem intellektuellen Niveau diskutieren kann, ist ein Mann ohne Abitur und Studium, ein Autodidakt. Die Nachkriegszeit bot denen, die weiterwollten, eine Durchlässigkeit von unten nach oben, wie wir sie heute leider nicht mehr kennen. Über Lokalzeitungen und dpa führte ihn sein Weg zum NDR. Es ist eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, einer breiten Jugendbewegung, die sich gegen autoritäre Strukturen auflehnt. Und die Panorama-Redaktion jener Tage war das Aushängeschild dieser Bewegung, angefeindet von konservativen und reaktionären Kräften.

Diesen Kampf hat Bissinger beim Stern fortgeführt, wo er von 1967 bis 1978 an der Seite des großen Henri Nannen wirkte. Das Magazin entwickelte sich zu einem führenden Meinungsträger der Republik. Inhaltlich, textlich, fotografisch bot es ein unverwechselbares Bild. Nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg im Jahr 1967 veröffentlichte Bissinger dort die "Axel-Springer-Story", die eine Mitschuld des Springer-Verlags an der aufgeheizten todbringenden Stimmung in West-Berlin belegte. Die Geschichte trug zur Demontage des Verlegers Springer wohl mehr bei, wie Willi Winkler zu Recht schrieb, als das ganze studentische Tribunalisieren der 68er.

1975 wird Bissinger der Stellvertreter von Nannen, und damit der geborene Nachfolger, der er dann aber nicht wird. Er stolpert über einen Artikel über Steuerflüchtlinge. Genannt wurden in dem Text die Namen des früheren Verlagsteilhabers Richard Gruner und des Bertelsmanns-Chefs Reinhard Mohn. Bissinger hatte keine Scheu, dies öffentlich zu machen. Auch das gehört zu gutem Journalismus: Unbestechlichkeit. Bissinger hat jedoch einen hohen Preis bezahlt: Er musste trotz zahlreicher Proteste von Schriftstellern und Autoren das Magazin verlassen. Für das Magazin war der Weggang von Bissinger übrigens gravierender als für ihn selbst. Denn, um den Stern-Journalisten Heiko Gebhardt zu zitieren: "Mit Manfred wäre uns das mit den Hitler-Tagebüchern nicht passiert."

Zum 80. Geburtstag von Manfred Bissinger darf festgestellt werden, dass dieser große deutsche Intellektuelle ein Vorbild für die nachfolgenden Journalisten-Generationen ist. Er hat Maßstäbe gesetzt, die wichtig sind, denn der Kampf um Seriosität und Qualität in den Medien, gerade in den sozialen Medien, ist eine Zukunftsfrage für unsere Demokratie.

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