Süddeutsche Zeitung

Letztes "Wetten, dass..?" aus Nürnberg:Der Hund ist tot, es lebe Helene

Lesezeit: 4 min

In Nürnberg versammelt sich klein Fernseh-Deutschland, um "Wetten, dass..?" Lebewohl zu sagen. Die Trauer des Publikums hält sich in Grenzen. Das liegt nicht nur an Moderator Markus Lanz - auch wenn der im entscheidenden Moment versagt.

Eine Reportage von Carolin Gasteiger, Nürnberg

Kurz vor Mitternacht ist Wetten, dass..? Geschichte, nach fast 34 Jahren. Die Cheerleader scharen sich für Erinnerungsfotos um Til Schweiger und Wotan Wilke Möhring und Markus Lanz diskutiert auf der Bühne eifrig mit Kati Witt. Vielleicht erzählt er ihr, wie froh er ist, dass es vorbei ist. Man könnte es verstehen.

Vor der Nürnberger Messehalle stauen sich an diesem Samstagabend Autos, sie kommen aus München, aber auch aus Rheinland-Pfalz. Im Publikum sagt später jemand, er sei aus Kanada angereist. Es sind junge und ältere Leute gleichermaßen, Pärchen, Familien mit Kindern. Einige haben sich sogar richtig schick gemacht: mit aufgedrehten Locken, silbernen Pumps oder Paillettenfummel. Als würde sich klein Fernseh-Deutschland zur Sonntagsmesse treffen und sei sich in Sachen Garderobe einig: Muss schon was hermachen, ist schließlich Wetten, dass..?. In der Luft liegt so etwas wie wehmütige Freude. Oder ist es freudige Wehmut?

Allein die Gästeauswahl ließ schon darauf schließen, dass das ZDF kein großes Brimborium auffahren wollte zum Abschied, sondern eher ein bescheidenes Requiem im kleinen Kreis. Und: im vorwiegend deutschen. Madonna, Rihanna oder Robbie (Williams)? Die zieren an diesem Abend nur das Presseheft; man wollte Hollywood wohl nicht noch mehr Lästerstoff bieten. Immerhin ist Helene Fischer da, die den Saal innerhalb weniger Sekunden aus den Sitzen holt. Früher stand Tina Turner auf der Bühne, heute eben Helene Fischer. Auf dem Sofa Kati Witt und Otto. Standing Ovations für die neue deutsche Heimeligkeit.

"Achs" und "Ohs" bei Einspielern aus der Vergangenheit

Auf große Stars kann das Nürnberger Publikum gut verzichten, es amüsiert sich auch so, meistens im Stillen. Außer, wenn Einspieler aus vergangenen Zeiten gezeigt werden. Und es sind viele - über berühmte Gäste, über skurrile Wetten, über witzige Momente. Immer wieder gehen dann "Achs" und "Ohs" durch die Reihen. Weißt Du noch?

Tatsächlich sind diese Rückblicke berührend. Und sie wären noch berührender, könnte das Publikum sie mit jenen teilen, die die Samstagabendshow mindestens so geprägt haben wie Gäste und Spiele. "Die alten Moderatoren haben gefehlt", bedauert eine Dame nach der Sendung. Besonders auf Gottschalk haben viele gehofft - und so mischt sich in die Rührung darüber, was war, die Enttäuschung darüber, was nicht ist. "Im Moment fehlt die Vision", singen die Fantastischen Vier auf der Bühne. Der Satz trifft auf so vieles zu, auch auf das Konzept der Abschiedssendung, die mit Rückblicken, Gästen und Wetten überfrachtet ist.

Nur Markus Lanz merkt man an, dass er ein klares Ziel vor Augen hat: eine letzte Sendung gut über die Bühne bringen. Geradezu hochmotiviert wirkt er am Anfang; bei der Leberwurst-Hunde-Wette mit dem kleinen Paul (der Junge erkennt verschiedene Hunde, die ihm Leberwurst von der Hand lecken, am Zungenschlag) beweist er bemerkenswerte Ernsthaftigkeit: Wo sich Thomas Gottschalk wahrscheinlich zu einem Kalauer nach dem anderen hätte hinreißen lassen, bleibt Lanz in der Spur und ganz bei seinem kleinen Wettkandidaten. Da können Otto, Michael "Bully" Herbig und Elton Zoten reißen, wie sie wollen. Wie wäre es mit einem Kinderformat, Herr Lanz?

Samuel Koch bringt Lanz zum Scheitern

Aber dann kommt einer, an dem Markus Lanz scheitert. Samuel Koch, der seit seinem Wettunfall vor vier Jahren vom Hals abwärts gelähmt ist. Auch das Publikum ist unsicher, wie es auf den 27-Jährigen reagieren soll, der mit Til Schweiger auf die Bühne kommt. Vereinzelt stehen die Leute auf, viele zögern zunächst, dann stehen doch alle.

Ihn einzuladen, war gewagt und öffnete Raum für Ausrutscher. Und Lanz tappt leider hinein. Ungelenk interviewt er Samuel Koch, als wolle er mit aller Kraft bewegende Worte aus ihm rausholen, legt ihm mitfühlend die Hand auf die Schulter. Koch lässt sich nichts anmerken, kontert den Mitleidstenor des Moderators mit Humor. Als Lanz seinen Gast tatsächlich fragt, ob er in seinem Unfall "etwas Sinnhaftes" sehe, schlägt die Kollegin im Sitz nebenan die Hände über dem Kopf zusammen, ein paar Plätze weiter ist tiefes Seufzen zu hören.

Von da an entgleitet Lanz die Show. Seine Witze werden platt (als Wotan Wilke Möhring Jan Josef Liefers bei seiner Wette vorhält, zu nuscheln, entgegnet Lanz mit Blick auf das Sofa: "Aber Til ist doch gar nicht da.") und er scheint nur noch einen Gedanken im Kopf zu haben: die Sendung möglichst schnell zum Ende bringen. Gut, dass wenigstens Elton, Liefers, Möhring und Schweiger noch ein bisschen zu Scherzen aufgelegt sind. Trotzdem fangen im Publikum die ersten an, auf ihren Sitzen rumzurutschen. Nicht nur, weil es da schon nach 23 Uhr ist. Wie schlimm soll das noch werden?

Es wird zum Glück nicht schlimmer, sondern endet ziemlich abrupt. Mit "Das Leben geht weiter" verabschiedet sich Lanz von seinen Zuschauern. Deren Trauer hält sich in Grenzen.

Richtig traurig scheint niemand über das Ende

Dabei trifft die Kritik nicht ausschließlich Lanz. "Wir hatten den Eindruck, das Format wurde totgeritten", sagen zwei Männer in Karohemden, denen die letzte Sendung gut gefallen hat. Andere wiederum sehen die Schuld vor allem beim Moderator: "Es gab Größere vor ihm". Geteilte Meinungen also, wenn man sich bei den Zuschauern in Nürnberg umhört. "Irgendwie ist die Zeit gekommen", sagt eine Dame. Und ein männlicher Saalbesucher, passend zur neuen Heimeligkeit: "Es ist, als würde der Hund sterben. Der hat auch lange zum Leben gehört, jetzt gehört er aber der Vergangenheit an."

Ersatz? Braucht es nicht. Wobei: "Irgendwas findet sich schon", singen die Fantas. Und wenn es die Helene-Fischer-Show ist. Die läuft am ersten Weihnachtsfeiertag.

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