Süddeutsche Zeitung

Krone-Herausgeber Dichand:"Ibiza lebt"

Warum Christoph Dichand, der Herausgeber der österreichischen Tageszeitung "Krone", seine Redaktion vor einem "rücksichtslosen Versuch der Machtergreifung" warnt. Und was Ibiza damit zu tun hat.

Von Leila Al-Serori

"Ibiza lebt!", soll Christoph Dichand, Herausgeber der Krone , seine Belegschaft in einer Mail gewarnt haben. Wie österreichische Medien berichten, schwört er seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Widerstand gegen einen "rücksichtslosen Versuch der Machtergreifung" ein. Ibiza lebt?

"Wenn sie die Krone kauft, hat sie ein Imperium", sagte Heinz-Christian Strache im Sommer 2017 in der Villa auf Ibiza. "Wenn sie ein Grundstück will, das die Stadt Wien hat, sagt der Bürgermeister: okay, bam bam bam. So rennt das." Wie man die Kronen Zeitung, die größte und wichtigste Zeitung Österreichs, zum Machtinstrument der FPÖ machen könnte, ist eines der zentralen Themen des mehr als sechsstündigen und heimlich gefilmten Gesprächs, das Strache auf Ibiza mit einer angeblichen russischen Investorin führt. Nicht nur einmal macht der damalige FPÖ-Chef und spätere Vizekanzler klar, warum das Boulevardblatt eine Investition lohnt - und was der FPÖ nicht alles möglich wäre, wenn eine Vertraute neue Besitzerin würde. Aus diesen Plänen ist nichts geworden, Strache ist längst nicht mehr Parteichef. Seine Aussagen wurden auf Video festgehalten und im Mai 2019 von Spiegel und Süddeutscher Zeitung veröffentlicht, die ÖVP beendete die Koalition mit der FPÖ, Strache zog sich von allen Ämtern zurück. So viel ist sicher: Ihn meint Dichand nicht, wenn er vor einer Übernahme warnt. Sondern René Benko.

Der Tiroler Immobilienmilliardär, dem sowohl Karstadt als auch das New Yorker Chrysler Building gehören, mischt seit Ende 2018 bei der Krone mit. Damals erwarb Benko 49 Prozent an der Funke-Holding, diese wiederum hält 50 Prozent an der Krone. Unterm Strich besitzt René Benko also 24,5 Prozent der einflussreichen Zeitung - nach einer damaligen Vereinbarung könnte er darüber hinaus die Anteile der Essener Funke-Gruppe komplett übernehmen.

In diesem Fall will Benko, dass die Vorrechte der Familie Dichand fallen, die 1987 beim Einstieg der Funke-Gruppe vereinbart worden waren: Die Dichands haben aufgrund dieser Vereinbarungen das alleinige Sagen in der Redaktion, was die Inhalte, aber auch die Vergabe von Posten betrifft. Außerdem wird der Familie ein jährlicher Millionenbetrag vom Gewinn zugesprochen - selbst wenn die Zeitung ihn nicht abwirft. In dem Fall müssen die Mitgesellschafter dafür aufkommen.

Mehrfach versuchten der Funke-Verlag und Investor Benko deshalb bereits Christoph Dichand als Krone-Chef abzusetzen, der Streit wird längst vor mehreren Gerichten ausgetragen. Verhandlungen darüber, wie man nun miteinander auskommt und inwiefern sich die Vorrechte der Dichands ändern könnten, scheiterten Ende 2019.

Anfang des Jahres nun meldete Funke bei der österreichischen Wettbewerbsbehörde an, die alleinige Kontrolle über die Krone zu übernehmen. Argumentiert wird, dass durch die Aufteilung der 50 Prozent von Gründer Hans Dichand auf seine vier Erben die Familie mit jeweils 12,5 Prozent insgesamt nur mehr 48 Prozent halte, da halbe Prozentpunkte nicht zählen würden.

Die Dichands und ihre Anwältin bestreiten diese Rechtssicht. Christoph Dichand wandte sich daraufhin laut Medienberichten mit seiner Rundmail an die Mitarbeiter: "Natürlich, wie so oft bei solchen Winkelzügen, wird juristisches Neuland beschritten und ist eine solche kaltblütige Enteignung wohl nicht durchsetzen", führt Dichand da aus. "Ich und meine Familie sind jedenfalls vorbereitet und werden sämtliche Abwehrmaßnahmen ergreifen."

Dass der Kampf um die Krone so erbittert geführt wird, liegt an ihrer besonderen Stellung in der österreichischen Medienlandschaft. Die Zeitung erreicht zwei Millionen Leser unter der Woche, am Sonntag gar 2,5 Millionen. Bei 8,7 Millionen Einwohnern ist das eine Reichweite von etwa 30 Prozent. Mit etwa 700 000 Exemplaren verkauft die Krone mehr als die nächsten fünf österreichischen Tageszeitungstitel zusammen. Kein Wunder also, dass Strache auf Ibiza von der Wirkkraft der Zeitung schwärmt - und kein Wunder, dass René Benko und die Dichands seit seinem Einstieg um die Machtverhältnisse streiten. Eine weitere Parallele zu Ibiza bekommt der Machtkampf auch durch die Nähe René Benkos zum Kanzler: der Milliardär gehört dem engsten Zirkel rund um Sebastian Kurz an. Benko beteuert, dass es nicht um Politik, sondern nur ums Geschäft gehe.

Mit der Krone will es sich jedenfalls kein Politiker verscherzen, gegen die Krone, so heißt es in Österreich, kann niemand regieren. Das hat auch Strache nach Bekanntwerden des Ibiza-Videos erfahren müssen. Das Blatt änderte seine sonst eher FPÖ-freundliche Linie radikal - Strache fiel am Ende wohl auch deshalb umso tiefer.

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SZ vom 09.01.2020
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