Süddeutsche Zeitung

Klassik Radio:Mozart in Häppchen

Bei Klassik Radio gibt es selten ganze Konzerte zu hören und schon gar nicht über UKW. Andere Sender fürchten um ihre Reichweite, wenn sie ins Digitale gehen - die Augsburger haben sie noch ausgebaut. Nun möbeln sie ihren Streamingdienst auf.

Viel Glas, viel Fenster gibt es im Büro des Chefs. Klassik Radio sendet aus dem 35. Stock des Augsburger Hotelturms, der Blick über die Stadt ist großartig. Trotzdem bestimmt nicht der Blick über Augsburg das Büro von Ulrich Kubak, es sind die zwei großformatigen Bilder an den Wänden: eine Szene aus dem Film Good Morning Vietnam und dazu John F. Kennedy, wie er während seiner Rede in Berlin 1963 in die Mikros spricht. "Zweimal Radiogeschichte", sagt Kubak. Und das passt ja ganz gut rein bei Klassik Radio: In Deutschland hat der Sender schon lange Radiogeschichte geschrieben. Jetzt schicken sie sich hier an, einen Streamingdienst zu etablieren.

Im Jahr 2004 war Klassik Radio der erste börsennotierte Radiosender Deutschlands. 2015 gab Klassik Radio 22 seiner UKW-Frequenzen zurück, ein bemerkenswerter Schritt im Privatradiosektor. Bei den zuständigen Stellen wussten sie gar nicht so genau, wie sie das abwickeln sollen: UKW-Frequenzen zurücknehmen? Kubak setzt mit seinem Sender voll auf Digitalradio und auch auf Streaming: Seit 2017 hat Klassik Radio einen eigenen Streamingdienst, der nun einen Relaunch bekommt. So etwas wie Spotify und doch wieder ein ganz anderer Ansatz. Bei Klassik Radio haben sie die Dinge schon immer gerne anders angepackt, das zeigt sich auch jetzt in der Corona-Krise. Kurzarbeit gibt es nicht, stattdessen hat der Sender seit dem Lockdown in Deutschland zehn neue Mitarbeiter eingestellt. "So starten wir nach der Krise besser durch", sagt Kubak.

Wer den Radiosender mit Stammsitz in Augsburg verstehen will, kommt an der Biografie seines Chefs nicht vorbei. Der Sender spielt ungern eineinhalbstündige Konzerte, stattdessen, als Beispiel: um 18.56 Uhr die Sinfonie D-Dur "La Veneziana" von Antonio Salieri, um 19.02 Uhr dann das Cellokonzert Nr. 1 a-Moll Op. 33 von Camille Saint-Saëns. Einzelne, kurze Sätze wie bei einem Popformat sind das Erfolgsgeheimnis, und das ist unter anderem in den Anfängen Kubaks als jüngster deutscher Radiomacher begründet. Mit 18 hat er die Schule geschmissen, mit 19 von der Landesmedienanstalt seine erste Frequenz bekommen. Er hat sich für 900 Mark im Monat ein Büro gemietet, auch damals schon hier im Hotelturm, dem markantesten Gebäude in Augsburg, das man von fast jedem Standpunkt der Stadt aus sieht. Und dann hat er gesendet, eine Bürgschaft der Eltern im Rücken: Radio Fantasy, Zielgruppenformat, erster Song 1987 war "Fantasy" von "Earth, Wind & Fire".

Kubak kommt also nicht aus dem Klassikgenre. Radio Fantasy hat er trotzdem nach drei Jahren verkauft. Zu Klassik Radio kam Kubak auf einem Umweg, er gründete zunächst ein Syndikationunternehmen - das erste fürs Radio in Deutschland. "FM Radio Network" produzierte Inhalte für fast jeden deutschen Radiosender. Sogar Franz Beckenbauer stand unter Vertrag in den Neunzigern, für Kommentare zur Bundesliga. "Und dann war da dieser Exotensender in Hamburg", sagt Kubak. "Den haben wir auch beliefert."

Der Exotensender hieß Klassik Radio und hatte illustre Inhaber: Thomas Gottschalk, Sony, Universal, Bertelsmann, die Burda-Gruppe, den Spiegel. "Das hat mich interessiert", sagt Kubak. "Aber die haben nur höflich gelächelt, als ich ihnen mein Konzept vorgestellt habe." Doch am Ende war der Sender so defizitär, dass sie ihn ihm doch verkauft haben. Die Redaktion hat dann einiges auf den Kopf gestellt. Mozart und Bach schneiden, das hatte sich noch niemand getraut. Filmmusik erweiterte das Repertoire. Heute machen es andere Sender genauso wie Klassik Radio, das inzwischen sechs Millionen Hörer hat. Trotz der Fokussierung auf Digitalradio. Mit der Filmmusik und New Classics hat der Sender neben älteren Stammhörern ein jüngeres Publikum erschlossen, das zahlungskräftig und technikaffin ist. Solche Hörer kaufen auch Digitalradios, um Klassik Radio empfangen zu können. Der Sender ist ein Zugpferd in Deutschland, was die Digitalisierung des Radiomarkts anbelangt, nur in den großen Städten setzt Kubak weiter auf UKW-Frequenzen.

Diese Innovationskraft erkennt auch die Bayerische Landeszentrale für neue Medien an, die die privaten Fernseh- und Hörfunkangebote im Freistaat beaufsichtigt. Präsident Siegfried Schneider stellt gleich einmal klar, dass er auch privat Fan des Senders ist. "Es macht einfach Spaß zuzuhören." Dass Klassik Radio so strikt auf den Digitalstandard DAB+ setze, liege auch daran, dass die guten UKW-Frequenzen besetzt gewesen seien, als der Sender auf den Markt drängte. Trotzdem lobt Schneider die Innovationskraft: "Ulrich Kubak ist mutig, er traut sich vieles auf eigenes Risiko, wie wir uns das von anderen Radiomachern auch wünschen würden."

Dabei geht auch mal etwas daneben, wie vor einigen Jahren, als Kubak meinte, das Format "radikal verändern" zu müssen, wie er sagt. Plötzlich waren Balladen von Robbie Williams im Programm. "Ich habe mich gefreut, ich fand das super." Die Hörer waren weniger begeistert, die Idee hat Reichweite gekostet, die der Sender erst mühsam wieder erkämpfen musste. Neue Ideen entwickeln sie trotzdem weiter in Augsburg, gerade drängt der Sender auf den internationalen Markt. In Österreich läuft es bereits ganz gut, die Schweiz soll bald dazukommen. "Die Leute sollen uns als Global Player wahrnehmen." Ein internationales Programm wird anvisiert.

Bei seinem Streamingdienst hält Klassik Radio am Radioansatz fest, im Gegensatz zu bekannten Branchengrößen wie Spotify oder Apple Music. Musikexperten wählen die Titel aus, unter anderem Tenor Rolando Villazón oder Geiger Andre Rieu - und kein Algorithmus. Die Hörer können aus mehr als 100 Klangwelten mit klassischer Musik wählen. "Da ist für jede Gelegenheit etwas dabei, auch zum Kochen oder als Hintergrundmusik fürs Home-Office", sagt Kubak. Einen mittleren vierstelligen Abonnentenkreis hat der "Klassik Radio Select" genannte Dienst seit 2017 aufgebaut. "Wenn wir fünfstellig sind, sind wir profitabel", sagt Kubak. Er hat wenig Zweifel, dass es bald so weit sein wird. Und deshalb brauchen sie nun mehr Platz fürs Unternehmen. Auch wenn das bedeutet, einen Superlativ weniger im Portfolio zu haben: Der 35. Stock im Augsburger Hotelturm ist - so heißt es -, der höchste Radiosendeplatz in Deutschland. Nächstes Jahr ist trotzdem ein Umzug anvisiert, in die Innenstadt. "Da können wir uns besser entfalten", sagt Kubak.

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