Süddeutsche Zeitung

"Sportschau Thema"-Moderatorin:"Sich mit Helden gemein machen geht nicht"

Jessy Wellmer spricht über die besondere Verantwortung der Öffentlich-Rechtlichen und die Veränderung ihres Berufs im Jahr 2020 - und erklärt, warum sie nicht das Nummerngirl der Deutschen Fußball Liga ist.

Interview von Anna Dreher

Jessy Wellmer, 40, ist längst eines der bekanntesten ARD-Gesichter. Seit 2014 moderiert sie am Sonntag, seit 2017 am Samstag die Sportschau - eine der wichtigsten Sendungen im Ersten. Im Sommer 2019 kam mit Sportschau Thema ein Talk hinzu, bei dem Wellmer eine Stunde lang mit Gästen über Hintergründe und Sportpolitik diskutiert. Vor allem seit Ausbruch des Coronavirus, sagt sie, sei ein solcher Austausch besonders wichtig.

SZ: Frau Wellmer, am Montag werden Sie die erste Runde des DFB-Pokals zwischen Borussia Dortmund und dem MSV Duisburg moderieren. Das fühlt sich fast schon nach Normalität an, oder?

Jessy Wellmer: Ich glaube, es wird schon schräg, quasi gar keinen Kontakt zu Spielern aufzunehmen und Abstand zu halten. Ich bin auch echt gespannt, welche Atmosphäre die 300 zugelassenen Zuschauer erzeugen werden. Wie wichtig die in den Stadien sind, haben viele erst in den vergangenen Monaten wirklich gemerkt. Ein Champions-League-Finale fesselt vielleicht auch in einem leeren Stadion, allein durch seine Spannung. Aber bei einem Länderspiel, wie zuletzt in der zweiten Halbzeit Deutschland gegen die Schweiz, wenn spielerisch nicht viel passiert und Totenstille herrscht, da fehlt die Emotionalität von den Tribünen gewaltig.

2020 wäre für Sie eigentlich von Olympia und der Fußball-Europameisterschaft geprägt gewesen. Beide Großereignisse wurden verschoben. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Es gab und gibt weniger Sportschau-Ausgaben, weil ja auch der Klub-Fußball auf ganz andere Weise stattgefunden hat. Wir haben aber immerhin noch Sendungen gemacht. Das fand ich extrem wichtig: Auch wenn es keine Berichterstattung zu Spielen gibt, müssen wir da sein und berichten und einordnen und informieren. Vor allem, weil es nicht nur um Fußball geht, sondern auch um Handball, Basketball, Turnen, Leichtathletik. Nur, weil kein quotenstarker Fußball läuft, heißt es ja nicht, dass wir keine Verantwortung mehr tragen - gerade in einer solch ungewöhnlichen Krise, die ja auch den Sport stark betrifft.

Was heißt das für öffentlich-rechtliche Sender?

Das Potenzial, mit unserem enormen Netzwerk aus Reportern, Korrespondenten und Redakteuren möglichst vielfältig zu berichten, ist einfach da. Ohnehin ist es wichtig, dass Hintergrundberichterstattung viel Raum im TV bekommt - ganz unabhängig von Corona.

Die ARD hat im Juni 2019 dafür das Format "Sportschau Thema" eingeführt. Fünf Sendungen pro Jahr, die jeweils eine Stunde dauern, moderiert von Ihnen, mit vier Gästen.

Ich bin froh, dass wir Sportschau Thema schon vergangenes Jahr gestartet haben. Ich finde es wichtig, überhaupt so eine Sendung zu haben - und gerade während der Pandemie hat sich die Qualität dieses Formats gezeigt. Ich arbeite bei einem Sender, der Millionen dafür ausgibt, Rechte zu erwerben, um Live-Sport für alle im Free-TV zeigen zu können. Das wollen ja auch Millionen sehen, Sport ist ein wichtiger Teil des Miteinanders. Aber dann müssen auch die kritischen und gesellschaftspolitisch relevanten Aspekte beleuchtet werden, wir dürfen nicht nur Abspielstation für Großevents sein. Wir sehen Sportschau Thema also nicht als Konkurrenz, sondern Ergänzung. Alles auf einmal geht nicht, da braucht es andere Sendungen.

Ist die Nachfrage dafür überhaupt da?

Im Kampf um Sendeplätze haben es Hintergrundformate nicht immer leicht. Aber das Bewusstsein für ihre Relevanz ist gestiegen - auch beim Zuschauer. Klar ist, diese Erfahrung haben wir nicht exklusiv: Mit unregelmäßigen Sendeplätzen braucht es einfach Zeit, ein Stammpublikum aufzubauen.

Haben Sie eins?

Wir hatten Folgen mit großer thematischer Relevanz, bei denen ich mir mehr Zuschauer gewünscht hätte. Andere Ausgaben wie zum Beispiel über die Macht der Fans nach den Protesten gegen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp hatten sehr gute Quoten, was auch am Sendeplatz lag. Nach einem Live-Spiel schauen natürlich mehr Leute zu als an einem bundesligafreien Samstag um 18 Uhr.

Oder es liegt eben auch am Format.

Ich glaube, so eine Sendung muss so klar und beständig im Programm verankert werden, dass die Leute eine Chance haben, mitzubekommen, wann sie läuft. Das war bisher schwierig. Unsere Mischung aus Talk und Reportagen hat nicht die Tradition der gesellschaftspolitischen Talkshows. Dabei geht es im Prinzip um das Gleiche: Wir sprechen über Themen mit hoher Brisanz und hoher Relevanz aus verschiedenen Perspektiven. Die Leute dürfen ausreden. Es geht nicht darum, es knallen zu lassen, sondern um einen konstruktiven Austausch. Zum Beispiel zwischen einem Sprecher der Ultras und dem Geschäftsführer von Hoffenheim. Wir wollen Menschen unterschiedlicher Positionen zusammenbringen und damit dazu beitragen, in Debatten weiterzukommen. Es geht um den Erkenntnisgewinn. Das ist natürlich ein bisschen idealistisch.

Sehen Sie es als Teil Ihrer Verantwortung, den Zuschauern die Hintergründe und auch Schattenseiten der Sportwelt zu zeigen?

Ja. Ich glaube, deswegen bin ich Journalistin geworden. Weil ich es als meinen Auftrag sehe, Dinge einzuordnen und nicht nur ein schönes Produkt zu verkaufen. Damit wir uns nicht missverstehen: Internationaler Spitzensport ist etwas Großartiges. Aber ich ordne das Geschehen auch in der Sportschau ein. Ich bin nicht das Nummerngirl der Deutschen Fußball Liga. Und wirklich gerecht werden kann ich der Verantwortung nur mit einer entsprechenden Vertiefung, dafür braucht es Zeit. Dass wir bei Sportschau Thema 60 Minuten im Ersten haben, statt versteckt bei einem Digitalsender zu laufen, ist echt premium.

Ist es einfacher oder schwieriger, Gäste für so eine Sendung zu gewinnen?

Das ist tatsächlich bis kurz vor der Sendung eine relativ aufwendige Tüftelei. Es gehört ja durchaus Mut dazu, sich so lange in eine Runde zu setzen und womöglich in ein Streitgespräch involviert zu werden. Zu uns kommen nicht nur TV-erfahrene Menschen, sondern auch Fansprecher, die dann einem DFB-Präsidenten Kontra geben müssen. Was ich merke: Vor allem durch die Schwierigkeiten der Pandemie und die für viele Sportler ungewisse Zukunft besteht echter Redebedarf.

Was hat sich grundsätzlich verändert im Sportjournalismus?

Ich habe das Gefühl, die Empathie ist bei allen gewachsen.

Wie viel Nähe darf denn zwischen Journalisten und Athleten oder Funktionären überhaupt sein?

Das ist ein ganz schmaler Grat. Sich in Zeiten einer Pandemie sensibel Sportlern als Menschen mit Sorgen zu nähern, sollte da aber ausgenommen werden. Und grundsätzlich muss beides gehen: Ich muss eine Leistung würdigen und beeindruckend finden können, aber gleichzeitig Distanz wahren. Sich mit Helden gemein machen geht nicht. Für mich ist Sport im Übrigen fast immer eine hochpolitische Angelegenheit.

Und ist die Akzeptanz der Zuschauer gewachsen gegenüber einer Frau, die eine Sportsendung moderiert oder Interviews führt?

Der Sport ist immer noch stark von Männern dominiert, sodass bei vielen wohl der Gedanke da ist: Der Typ hat schon recht, bei der Frau gucken wir lieber noch mal nach, was die eben erzählt hat. Frauen werden strenger hinterfragt, müssen sich mehr anstrengen und mehr Wissen anschaffen, und sei es nur als Sicherheitsnetz. Zumindest fühlt es sich so an. Um die Akzeptanz zu verändern, bräuchte es mehr Frauen in Sportredaktionen - die dann aber bei den wirklichen Highlights nicht nur in Nebenrollen auftreten.

Wie hat sich Ihre Rolle verändert, seit Sie 2014 als Moderatorin in der Sonntags-"Sportschau" angefangen haben?

Ich bin mittlerweile reingewachsen, obwohl die Sportschau für mich immer noch etwas Großes ist. Aber das ist auch eine Typfrage. Ich finde mich nie gut genug nach Interviews oder Sendungen.

Sind Sie zumindest gerade zufrieden?

Nee, ich weiß schon, dass ich bestimmt wieder denken werde: Mensch, Jessy, du hast ja die richtig wichtigen Sachen überhaupt nicht erzählt! Ich reflektiere viel. Aber das ist ja auch immer ein ganz guter Antrieb. Wobei ich manchmal gerne das Selbstverständnis hätte, das einige Kerle haben.

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