Süddeutsche Zeitung

"In with the Devil" auf Apple+:Der Wahnsinn wird immer stärker

Lesezeit: 3 min

In Dennis Lehanes Krimiserie "In with the Devil" soll ein Undercover-Ermittler Morde an verschwundenen Mädchen aufklären. Düster, langsam - und grandios inszeniert.

Von Fritz Göttler

Es ist eine fröhliche Runde in dem kleinen Privatflugzeug, die Jungs vom FBI und Jimmy Keene, der Sträfling, den sie ins Gefängnis in Springfield überführen sollen. Sie quatschen darüber, welcher Film besser ist, "Rob Roy" oder "Braveheart", es geht dabei um historische Genauigkeit und um Jessica Lange. Dann aber unterbricht die Kollegin Lauren McCauley und ruft Jimmy zu sich, sie hat letzte Anordnungen, Hinweise, Warnungen für ihn. Denn Jimmy, ein smarter Kerl, aber wegen Drogen- und Waffenbesitzes zu 120 Monaten Haft verurteilt, ohne Chance auf vorzeitige Entlassung, hat in Springfield einen besonderen Auftrag. Er soll einem anderen Häftling - heimlich fürs FBI - Informationen, womöglich ein Geständnis entlocken. Ein gefährlicher Auftrag, denn Spitzel werden unter Häftlingen nicht gern gesehen.

Als man Larry das Foto eines der verschwundenen Mädchen vorlegt, fragt er: Darf ich sie berühren?

Larry Hall wird verdächtigt, einige Mädchen umgebracht zu haben, aber nachweisen konnte man ihm keinen dieser Morde. Und keine der verscharrten Leichen wurde je gefunden. Er sitzt im Hochsicherheitstrakt in Springfield, hat aber ein Berufungsverfahren laufen mit guten Aussichten, bald wieder in Freiheit zu sein. Paul Walter Hauser ist Larry, er hat für Clint Eastwood Richard Jewell gespielt, den Mann, der bei den Olympischen Spielen in Atlanta verdächtigt wurde, einen Bombenanschlag durchgeführt zu haben. Larry ist noch sehr viel unförmiger als Jewell und viel viel schläfriger und langsamer, jedes seiner Worte scheint unter Schmerzen aus seinem Mund gepresst. Alles retardiert, er bringt die Zeit zum Gefrieren. Er hat schon diverse Geständnisse abgelegt und sie dann widerrufen. Er ist neben einem Friedhof aufgewachsen und hat öfter historische Spektakel inszeniert, in der berühmte Momente und Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs nachgespielt wurden. Er leidet an Schlaflosigkeit, und als man ihm das Foto eines der verschwundenen Mädchen vorlegt, fragt er: Darf ich sie berühren?

Der smarte Junge und der einsame Perverse, das ist eine ungewöhnliche Konstellation, die der Krimi-Starautor Dennis Lehane für die sechsteilige Apple-Serie In with the Devil (Originaltitel Black Bird) aufbaut, nach einer wahren Begebenheit, aber er macht daraus eine atemraubende Beziehungsgeschichte, über zwei Männer, die plötzlich mit den eigenen Abgründen konfrontiert werden. Und die besonders düster und beklemmend wird, weil sie ganz einfach und unspektakulär inszeniert ist, sich Zeit für jede einzelne Figur nimmt. Die Momente zwischen Jimmy und Lauren McCauley, die mit ihm den Deal aushandelte (in einem Zahnarztraum!) sind aufregend, ist McCauley ihm doch immer einen Schritt voraus. "Im Gefängnis", erklärt sie, "werde ich eine Art Sicherheitsleine für dich sein, verhalte dich, wenn ich dich besuche, als ob ich dein Mädchen wäre, küss mich, lang mir an den Hintern." Sepideh Moafi und Taron Egerton ("Rocketman") spielen das präzise und sehr sophisticated.

Den Traumata, die Amerikas Familien von innen heraus zersetzen, hat Dennis Lehane in vielen Romanen nachgespürt, sie wurden von Martin Scorsese (Shutter Island) oder Clint Eastwood (Mystic River) verfilmt. Ray Liotta, der vor einigen Wochen gestorben ist, spielt in In with the Devil Jimmys Vater. Er war Cop und es schmerzt ihn, seinen Sohn nicht auf die richtige Bahn gebracht zu haben. Eine ungewöhnliche, sehr intensive Rolle für Liotta, eine seiner letzten. Er sei ein schlechter Vater gewesen, sagt er von sich, "I didn't do my job". Während der Sohn im Gefängnis sitzt, erleidet er einen Schlaganfall.

"Was Sie da machen, ist keine Polizeiarbeit", sagt ein Cop-Kollege von McCauley, "it's fucking desperation", reine Verzweiflung. Und der Wahnsinn wird immer stärker, wie immer bei Dennis Lehane, dessen Bücher oft mit dem Zusammenbruch eines starken Ichs enden. Konfrontiert mit Larrys Einsamkeit, erfährt Jimmy plötzlich seine eigene - und es ist am Ende sein Coming of age, das hier erzählt wird. Auf McCauleys Angebot im Flugzeug mit dem Küssen und so weiter beugt er sich vor und murmelt: "Was dagegen, wenn ich schon mal übe?"

In with the Devil, auf Apple+.

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