Süddeutsche Zeitung

"Game of Thrones":Es ist völlig egal, ob Jon Snow tot ist

Fans weltweit streiten über das Schicksal des populären "Game of Thrones"-Charakters. Das Publikum aber hat seine Rolle nicht verstanden: Es soll konsumieren, nicht stänkern.

Von Robert Hofmann

Seitdem die haselnussbraunen Augen Jon Snows gen Himmel starrend immer leerer wurden, streitet das Internet. Auch beim obligatorischen Game of Thrones-Smalltalk während des Mittagessens kommt man mittlerweile nicht mehr um die Frage herum: Lebt Jon Snow?

Die Lager spalten sich in zwei etwa gleich große Teile. Beide haben vermeintlich harte Fakten auf ihrer Seite, die sie aus ominösen Theorien ableiten. Die Vertreter der "Jon ist tot"-Fraktion haben einen entscheidenden Vorteil: Alle haben Jon sterben sehen. Blutüberströmt lag er im Schnee, die Kamera fuhr in die Höhe und ließ ihn immer kleiner werden. Das ist die klassischste aller Klischeedarstellungen eines On-Screen-Todes.

Jon Snow lebt - oder?

Diejenigen, die meinen, er müsse noch leben, haben nicht so handfeste Argumente. Sie müssen sich aus Hoffnungen und Indizien eine Geschichte spinnen, die Jon weiterleben oder zumindest wieder auferstehen lässt: die Anwesenheit der roten Priesterin Melisandre zum Beispiel. Andere Vertreter ihrer Religion wurden schon dabei gezeigt, wie sie sehr viel irrelevantere Charaktere wieder auferstehen ließen. Und huschte da nicht ein Schatten durchs Bild, als Jon Snow sterbend am Boden lag? Oder dieses eine kurze Standbild im neuesten Trailer, als in der Ferne jemand sehr verschwommen ins Gefecht reitet, der stark an Jon Snow erinnert.

Wieso sollte man einen Charakter über fünf Staffeln aufbauen, nur um ihn dann überraschend sterben zu lassen? Sind nicht zu viele Handlungsstränge und Mysterien rund um die Person Jon Snows ungeklärt?

Das Publikum ist faul und überfordert

Anfangs waren die Fans ungläubig, später wütend, dann wieder ungläubig. Wie konnte man den allseits beliebten Charakter sterben lassen? Wird Game of Thrones jemals wieder das Gleiche sein? War die Entscheidung, ihn sterben zu lassen, nicht nur ein Instrument, um den Hype anzuheizen, den Schock zu zelebrieren, und überhaupt: eine grausam kurzsichtige und faule Entscheidung der Schreiber?

Um es kurz zu machen: nein. Jon Snow war nicht unentbehrlich, es ist nicht zu viel ungeklärt und mit Faulheit der Autoren hat der Tod auch nichts zu tun. Faul sind ausschließlich diejenigen, die diese Fragen stellen - faul und uninspiriert und von der modernen Serie überfordert.

Nicht, dass es irrelevant wäre, dass (oder ob?) Jon Snow tot ist. Nur ist es eben nicht die Aufgabe der Zuschauer, zu entscheiden, in welche Richtung sich die Story bewegt. Wenn ihnen ein Charakter ans Herz wächst, dann haben die Autoren ihren Job gut gemacht. Wenn die Fans traurig über seinen Tod sind: umso besser. Aber darüber zu entscheiden, welcher Charakter stirbt, liegt nicht im Kompetenzbereich des Publikums, egal wie groß seine Sympathie ist.

Der Aufschrei, der durch die Welt ging, nachdem die letzte Folge der fünften Staffel gestreamt worden war, war ein äußerst vermessener. Es ist dreist, eine kreative Entscheidung der Macher von fiktiven Produktionen zu kritisieren. Es ist eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren, die sich über Monate und Jahre eine Story überlegen, die in sich schlüssig, aufregend und unterhaltsam ist.

Jeder Serienkonsument hat das Recht, kreative Entscheidungen infrage zu stellen. Es ist nur furchtbar lächerlich. Das ist so, als würde man dem Rettungsschwimmer vorwerfen, er schwimme zu wenig im Delphin-Stil. Oder dem Bäcker, seinem Streuselkuchen fehlten Streusel. Und überhaupt: Wurde Hemingway je vorgeworfen, dass er alle seine Protagonisten sterben ließ, deren Frauen oder Kinder?

Die Serie soll unterhalten, der Zuschauer zuschauen

Abgesehen von der Anmaßung, die in der Kritik künstlerischer Entscheidungen steckt, ist sie auch schon aus eigenem Interesse Unsinn. Was wäre denn, wenn sich Macher nun entschieden, jedem Shitstorm, den das Internet heute heraufbeschwört, nachzugeben? Protagonisten würden überleben, Jon Snow säße auf dem Thron, wäre mit Daenarys verheiratet und würde mit seiner Drachen-, Dothraki-, Unsullied-Armee die White Walker aus der Welt pusten, bevor sie Winterfell erreichen können.

Und nicht nur das. Wenn es nur darum ginge, die harmoniesüchtigen Instinkte eines überforderten Publikums zu befriedigen, wäre Frank Underwood seit der ersten Staffel House of Cards unangefochtener Präsident, Walter White wäre in der ersten Staffel Breaking Bad erst super reich geworden und dann in der zweiten aus dem Drogengeschäft ausgestiegen, als er vom Sieg der modernen Medizin über seinen Krebs erfahren hätte. Californications Hank Moody hätte ein bisschen rumgehurt, bevor er sich glücklich mit seiner Familie wiedervereint hätte.

Das wäre kein gutes Fernsehen, das wäre affirmativer Quatsch, der nicht nur die Geschichten um ihr Potential betrügen, sondern auch das Publikum unterfordern würde. Wer aber unterfordert werden möchte, ist bei Game of Thrones ebenso fehl am Platz wie überhaupt in der Welt moderner Serien.

Deshalb, liebe Fans, ist es egal, ob Jon Snow noch lebt. Klappt den Laptop zu, legt das Smartphone weg und schluckt eure Wut herunter. Wartet einfach ab, was die Macher der Serie mit ihrem Kunstwerk vorhaben, ohne dass ihr die Foren wegen ungeliebter Entscheidungen stürmt. Lehnt euch zurück und lasst euch unterhalten. Dafür sind Serien auch heute noch da.

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