Süddeutsche Zeitung

Magazin "Kicker":Mit Fußball ist nicht zu spaßen

Der "Kicker" setzt seit nun 100 Jahren auf Zahlen, Fakten und feierliche Rhetorik. Online ist er der Konkurrenz längst weit enteilt.

Von Philipp Selldorf

Der Deutsche Fußball-Bund ging damals einen kleinen, aber entscheidenden Schritt zu weit, als er der Reihe nach die Privilegien und Insignien seines vormaligen Präsidenten eliminierte. Gerhard Mayer-Vorfelder, 2006 aus dem Amt geschieden, hat es umständehalber akzeptiert, dass der Verband sein Stuttgarter Büro auflöste und das werthaltige Inventar nach Frankfurt schaffte, dass er die Arbeitsverträge des persönlichen Referenten und der langjährigen Sekretärin kündigte, die E-Mail-Adresse löschte und den Dienstwagen abholen ließ. Aber dass ihm der DFB auch das Kicker-Abonnement strich, das hat nicht nur Mayer-Vorfelder als gezielt ätzende Degradierung gedeutet, sondern auch dessen Frau Margit, die sich am Rande einer Uefa-Generalversammlung weithin vernehmlich über den schäbigen Entzug beschwerte. Womöglich haben nicht alle ausländischen Spitzenfunktionäre verstanden, was daran so schlimm sein sollte - mindestens aber die meisten.

Der Kicker gehört schließlich untrennbar zum Bild des deutschen Fußballs wie dessen Idole Uwe Seeler, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus, wie Tip und Tap sowie Schweini und Poldi, mit dem Unterschied allerdings, dass sich der Kicker nicht zur Ruhe setzen und auch nach seinem am Montag bevorstehenden 100. Geburtstag garantiert nicht aufhören wird, den Fortgang des Spiels in Zahlen, Fakten und meistens nachrichtlich geformten Texten zu dokumentieren. Er hält sich dabei nach dem Grundsatz der reinen Lehre so streng an sein Thema, dass man sich an die goldene Sentenz eines verblichenen englischen Trainers erinnert fühlt: "Mit mir kann man über alles reden - und das ist immer Fußball." Während die Sendung mit der Maus Lach- und Sachgeschichten bietet, ist der Kicker ein Fach- und Sachmagazin, das sich an Kenner wendet und nicht an Dilettanten, denen man erklären muss, wer Ralph Hasenhüttl oder Heribert Bruchhagen sind.

Dass der Kicker sich selbst und vor allem den Fußball überaus ernst nimmt und man ihm gelegentlich wünscht, er möge öfter mal ein Lächeln aufsetzen, das gehört zu seiner überlieferten Kultur. Es entspricht auch der Überzeugung vieler Leser, die meinen, dass mit Fußball nicht zu spaßen ist. Zweifellos ist der Kicker ein Männermagazin. Zwar enthält er keine frivolen Herrenwitze und schon gar nicht Bilder entkleideter Frauen, aber in seiner Fixierung auf das Sujet und der vorsätzlich sparsamen Ästhetik ist er geprägt von männlich engem Denken und Bewusstsein. So arg, wie es früher war, ist es jedoch längst nicht mehr. Die "gusseiserne Sprache" (FAZ) und die berüchtigten Wortspiele mit Eigennamen - "(Georg) Koch verdarb München den Brei" - gehören weitgehend der Vergangenheit an, heutzutage klingen die Seite-eins-Aufmacher öfter wie Titel großer Kinofilme: "Laute Stille" über die Spiele ohne Zuschauer; "Die Sehnsüchtigen" über die sinnsuchenden WM-Helden Mario Götze und André Schürrle.

Früher prüfte der Chefredakteur am Stammsitz des Verlages in Nürnberg die Eignung von Stellenbewerbern, indem er deren Kenntnis von Torschützen und Aufstellungen wichtiger Spiele testete. In vermeintlichen nationalen Schicksalsstunden wurde zudem auch mal ein Ton angeschlagen, der keine angenehmen Assoziationen weckte. Als es für die deutsche Nationalelf Ende 2001 im Duell mit der Ukraine um die Zulassung zur Weltmeisterschaft ging, kommentierte der Kicker-Leitartikler das Hinspiel im Stil eines Frontreports: "Eine Stunde in Kiew hat genügt, um den Glauben an eine gesunde Portion Nationalstolz der Spieler zurückzubringen ... Die Spieler zeigten über weite Strecken alles an Tugenden, was einst unseren vorbildlichen Ruf im Ausland zementierte: Sich in keiner Phase hängen lassen und dem Gegner zeigen, wer Herr im Haus ist." Fazit vor dem Rückspiel: "Dortmund wird (...) beweisen müssen, ob der Geist von Kiew (...) vielleicht doch den Vorläufer einer neuen Sturm-Phase bedeutet."

Aus diesen Sätzen geht weniger eine bedenkliche Gesinnung hervor als die spezifische Betrachtungsweise einer sonderbaren Person, die im Kicker eine Heimat findet: des sogenannten Fußball-Patrioten. Außerdem eine Neigung zur feierlichen Rhetorik, die früher das Kennzeichen einiger Kolumnen war. Darin äußerte sich auch das Selbstverständnis, als führendes Fachblatt des Landes im Rang einer Instanz zu stehen, die über den Fußballbetrieb zu wachen und zu richten hat. "Jahr für Jahr erschrecken Meldungen über das Lotterleben mancher Profis", heißt es dann zum Beispiel, aber es geht nicht um Sexorgien, sondern um vernachlässigte Trainingspläne in der Winterpause. Das promiskuitive Treiben mancher Fußballer wurde und wird im Kicker im Übrigen nicht verurteilt - es wird erst gar nicht thematisiert, solange es Privatsache bleibt. Auch um den persönlichen Lebensstil der Spieler kümmert sich die Zeitschrift nicht, aufgeblasene Boulevard-Debatten um Lifestyle-Fragen und nervtötende Social-Media-Aktivitäten der Profis werden auf erfreuliche Weise souverän ignoriert. Das gesellschaftspolitische Geschehen findet, anders als früher, nun öfter seinen Raum. An der Bereitschaft zum erweiterten Diskurs könnte die Redaktion allerdings noch arbeiten.

Als digitales Medium ist der Kicker der Konkurrenz enteilt

Während es in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal mindestens eine tägliche Sportzeitung gibt, ist der Markt in Deutschland im Wochenrhythmus quasi bipolar aufgeteilt. Abgesehen vom monatlich erscheinenden Sonderfall 11 Freunde gibt es am Montag und Donnerstag den grundseriösen Kicker und am Mittwoch die Sportbild, die mit ihren krawalligen Storys zwar eine wesentlich höhere Druckauflage erzielt, aber in ihrer Reichweite deutlich zurückliegt. Als digitales Medium ist der Kicker der Konkurrenz enteilt, mit schnellen, präzisen Informationen auf Abruf verdient er im Netz mehr Geld als in Handel und Vertrieb.

Indem er den nie versiegenden Nachrichten- und Ergebnisdienst der Online-Redaktion mit den Inhalten verbindet, die von den Korrespondenten in den Regionalbüros geliefert werden, hat der Kicker nicht nur sein Überleben gesichert, sondern auch den Rang als nationales Zentralorgan bewahrt. Millionen Menschen frequentieren täglich mehrmals die Seite und manchmal auch im Minutentakt, wenn sie sich im Live-Ticker über die Spiele ihres Teams unterrichten. Sie vertrauen darauf, dass die Schilderungen aus dem Stadion dem Geschehen gerecht werden, weil der Kicker eine unbestechliche Quelle bleibt.

Ihre Autorität als kritische Institution verwirklicht die Zeitschrift unter anderem durch die penible Bewertung der Spielerleistungen, wo hart darum gerungen wird, ob der Verteidiger mit 3,5 oder doch nur mit 4 bewertet wird, weil er ab und zu, wenn auch folgenlos, falsch im Raum gestanden hat. Das kann man als Pedanterie belächeln, gehört aber zum Arbeitsethos und irgendwie auch zu den liebenswerten Eigenschaften. Wie beim WM-Finale 1998 in Paris der Wortführer der vierköpfigen Kicker-Delegation im letzten Moment entschied, den brasilianischen Weltstar Ronaldo herabzustufen ("Manni, Ronaldo doch nur 5,5"), daraus hat der Autor Christoph Biermann eine literarische Erzählung gemacht.

Infolge der Professionalisierung des Fußballgeschäfts mag den Kicker-Leuten die ehedem übliche persönliche und private Duz-Nähe zu den Spielern verloren gegangen sein. Die Nähe zum Spiel haben sie sich nicht nehmen lassen. "Obwohl er gar nicht so nah dran ist, wie er tut, hat man das Gefühl, dass er ganz nah dran ist", staunt der Gladbacher Profi Christoph Kramer. Ein Kompliment ist das, sogar ein besonders wertvolles, aber, wie der Kicker schreiben würde: auch in dieser Höhe verdient.

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