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Dokudrama in der ARD:George spielt George

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Im Dokudrama "George" ist Sohn Götz in der Rolle seines widersprüchlichen Vaters zu sehen. Kritiker werfen ihm vor, den Vater nicht nur zu spielen, sondern ihn auch nachträglich von jedem Nazi-Verdacht freisprechen zu wollen. Aber der Film erzählt mehr als nur die Familiengeschichte der Georges und ist deshalb sehenswert.

Von Holger Gertz

Die Debatten über dass Dokudrama George werden gerade hitzig geführt, dem Sohn Götz George wird vorgeworfen, er spiele nicht nur seinen Vater Heinrich George, er spreche ihn auch nachträglich frei.

Aber dass der große deutsche Schauspieler Heinrich George im Dritten Reich Schuld auf sich geladen hat durch sein Mitwirken in Propaganda- und Durchhaltefilmen, ist eine historische Wahrheit, die das Dokudrama gar nicht revidieren könnte.

Heinrich George war Mitläufer, sicher auch Profiteur - er hat andererseits verfolgten Freunden geholfen und Kollegen Jobs verschafft. Der Film von Joachim Lang - eine Montage aus Spielszenen, Interviews, Archivaufnahmen - beleuchtet beide Seiten im Leben dieses widersprüchlichen Mannes, der in sowjetischer Lagergefangenschaft gestorben ist. Ein abschließendes Urteil erlaubt er sich nicht. Das überlässt er denen, die aus der bequemen Sicht der Gegenwart immer mit großer Bestimmtheit sagen können, wie in anderer Zeit hätte gehandelt werden müssen.

Götz George war sieben Jahre alt, als er seinen Vater das letzte Mal gesehen hat. Der Sohn, der keine Verantwortung für das moralische Versagen seines Vaters trägt, empfindet positiv und warm für diesen Vater und erlaubt es sich in dem Film, diese Gefühle zu benennen. Er hat ihn vermisst, er hat sich an ihm abgearbeitet, der Vater war nicht mehr da, aber die Erinnerung an ihn hat auch dem Leben des Sohnes einen Rahmen gegeben. Was politisch ist, und was privat: George beschreibt nicht nur das Leben des Alten, er erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte, die nicht nur die Geschichte der Georges ist. Auch deshalb ist er sehenswert.

Dass die ARD ihn mitten im Sommer um 21.45 zeigt, ist so wenig nachvollziehbar wie vieles andere, was bei den Öffentlich-Rechtlichen so passiert. Okay, Götz George hat Geburtstag, aber der Sendeplatz ist eine Frechheit, kein Geschenk. Und statt der alten Schimanski-Episode im Vorprogramm hätten sie besser einen der brillanten politischen Filme Götz Georges rausgesucht. Aus einem deutschen Leben von 1977 zum Beispiel, über den Auschwitz-Kommandanten Höß.

Der hitzig geführten Debatte könnte ein wenig Input nicht schaden: zum Beispiel die Erkenntnis, dass der junge George - anders als der alte - als Schauspieler nie ein Verklärer gewesen ist, sondern immer ein Aufklärer.

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