Süddeutsche Zeitung

Casting-Show "The Voice of Germany":Kuscheln statt kloppen

Alle haben sich auf einmal ganz doll lieb: Die Zeiten, in denen Dieter Bohlen seine Kandidaten rotzfrech niedermacht und am Ende die Tränen fließen, sind vorbei. Bei "The Voice of Germany" knuddelt Nena die Kandidaten nieder. Und es funktioniert.

Hat man sowas schon gesehen? Freitagabend, bei "The Voice of Germany", haben sich auf einmal alle nur noch ganz doll lieb: Alle sind super, Mensch, und diese Stimme, es fehlen einem die Worte. Schön und gut. Nur: Wo bleibt die Kritik an den Kandidaten? Wo bleiben die harten Worte, die dummen Sprüche - ohne die bislang deutsche Casting-Shows nicht auszukommen schienen? Dieter Bohlen hatte diese Disziplin eingeführt und perfektioniert. "The Voice" kann darauf offenbar verzichten und setzt stattdessen auf das Gegenteil. Und es scheint zu funktionieren.

Das Niveau der "The-Voice"-Kandidaten ist weit höher als das vieler Möchtegern-Sänger, die sich in deutschen Casting-Shows tummeln. Wo sonst traf man bislang auf eine Background-Sängerin wie Kim Sanders, die schon mit Mitgliedern der Jury gearbeitet hat? Deren soulige Version von "Killing me softly" bereitete mir beim Zuschauen eine Gänsehaut, ihr selbst trieb es die Tränen in die Augen.

Und Coach Nena war davon so gerührt, dass sie sie wenige Momente später innigst umarmt, dass die beiden dabei das Gleichgewicht verlieren. Ein Dieter Bohlen, der einem DSDS-Kandidaten vor Rührung um den Hals fällt - unvorstellbar. Anders bei "The Voice": Dort hatte die Jury um Pop-Übermutter Nena und Xavier Naidoo - oder "Doktor Ton", wie ihn seine Jury-Kollegen nennen - von Anfang an klar gemacht, es gehe hier nur um die Stimme der Kandidaten. Und um die Musik. "Sich den Song zueigen machen" - diesen Spruch hörte man zwar auch des öfteren von Bohlen, doch bei "The Voice" legt die Jury darauf tatsächlich Wert.

Nun kann einem so viel "Ich hab Euch lieb"-Gehabe kombiniert mit affektierten Lachern schnell auf den Geist gehen. Doch die Show funktioniert. Das liegt daran, dass man Nena und Co. tatsächlich abnimmt, dass ihnen etwas an ihren Schützlingen liegt, sie sie voranbringen und ihr Talent fördern wollen, weitab vom Bohlenschen Bashing. Und sich aufrichtig für ihren Erfolg freuen.

Nur ihr überschwängliches Lob für Stefan Gödde hätte sich Nena sparen können: "Du bist ein ganz respektvoller, wunderbarer Moderator". Geschenkt. Als Kim Sanders am Ende eine Runde weiter ist, wirft sie sich vor der Kandidatin zu Boden - und im Anschluss knuddelt sie Kim dann nochmals ganz feste. Kuscheln mag Nena eben.

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