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TV-Kritik zu "The Voice of Germany":Kuschel-Casting mit Merkwürdigkeiten

Die Privatsender Pro Sieben und Sat 1 versuchen eine Alternative zu Dieter Bohlens Schmäh-TV zu präsentieren. Bei der Auftaktshow gelingt das anfangs auch - doch die Konkurrenz vom "Supertalent" hält zeitgleich auf RTL dagegen.

Um das mal gleich vorwegzunehmen: Es ist ein ehrenwerter Versuch, heutzutage eine "ehrliche" Casting-Show im deutschen Privatfernsehen präsentieren zu wollen. Aber, um es auch gleich zu sagen, die Konkurrenz um Dieter Bohlen war am Donnerstagabend einfach besser.

The Voice of Germany - Die Jury

Xavier Naidoo, Sascha Vollmer, Alec Völkel, Nena und Rea Garvey sind die Juroren der neuen TV-Show "The Voice of Germany".

(Foto: dpa)

Im Vorfeld waren der neuen Pro-Sieben-Sendung The Voice of Germany schon viele Vorschusslorbeeren spendiert worden: "Casting nach dem Anti-Bohlen-Prinzip", "ohne Sprüche und Krawall", eine "ehrliche Casting-Show", die sogar Dieter Bohlen und das Supertalent "nervös" machen würde. Die Jury versprach: "Keine Freaks, niemand wird vorgeführt, um Quote zu machen. Respekt unter den Coaches und vor jedem Künstler, der auftritt."

"Coaches"? "Respekt"? Ja, es sollte einiges anders werden bei dieser Casting-Show. Die Juroren, die nun als "Vocal Coaches" Verantwortung für ihre Schützlinge übernehmen, sitzen mit dem Rücken zur Bühne und konzentrieren sich erst mal ganz auf die Stimmen der Kandidaten - ohne gleich auf deren Äußeres zu achten. "Ehrlichkeit" als das zentrale Verkaufsargument des neuen Pro-Sieben-Formats, das international schon in mehr als zwanzig Ländern mit großem Erfolg angelaufen ist - nun also The Voice of Germany.

Für jeden etwas dabei

Und die Verantwortlichen der RTL-Sendung Das Supertalent nehmen die neue Konkurrenz ernst. Kurzfristig wurde eine "Extra-Folge" am Donnerstagabend ins Programm genommen. So kommt es, dass man diese Woche gleich an zwei Tagen das zweifelhafte Vergnügen hat, ein Dutzend - zum Teil äußerst skurrile - Kandidaten beim "Dieter" bestaunen zu können. Die schieren Zahlen sagen es schon: Während gestern beim RTL- Supertalent von zwölf Bewerbern zehn scheiterten, wurden bei der Voice auf Pro Sieben nur drei von dreizehn aussortiert. Also, alles bereit für das "Kuschel-Casting".

In der prominent besetzten Jury saßen als "Coaches": Nena, Xavier Naidoo, Reamonn-Sänger Rea Garvey und zwei Bandmitglieder von The BossHoss, Alec Völkel und Sascha Vollmer.

Das zuständige Casting-Büro hatte bei der Bewerberauswahl ganze Arbeit geleistet. Für jeden war etwas dabei: unter anderem zweimal der Typ hübscher Nachbarsjunge (einer Amateurfußballer, der andere "Langschläfer mit toller Stimme"), zwei Model-Mädchen (eine schwarzhaarig, die andere blond), zwei Schwarze (einer etwas "freakig", der andere Vollprofi), ein Schwuler, von einem Zwillingspaar der Schüchternere, eine selbstbewusste dicke und eine etwas ältere Dame, Typ "natural woman". Singen konnten sie alle.

Aber bereits an dieser Zusammenstellung merkte man, woran es bei der Sendung hakt. Der Eindruck von Ehrlichkeit sollte mit viel Aufwand herbeiinszeniert werden. Alle, die nicht auch problemlos bei Deutschland sucht den Superstar hätten auftreten können, mussten sich in ihren Einspielfilmchen erst mal erklären. Den Mut, eine Übergewichtige nicht zu ihrem Körper zu befragen oder eine über 50-Jährige unkommentiert neben einer 16-Jährigen auftreten zu lassen, hatte The Voice of Germany nicht.