Süddeutsche Zeitung

"Right Now" auf Netflix:In sehr weichem Licht

Aziz Ansari spricht in seiner neuen Comedy-Show klug von kulturellem Wandel. Er thematisiert auch die Missbrauchsvorwürfe gegen sich - und bleibt dabei enttäuschend schwammig.

Aziz Ansari steht eine Stunde auf einer Bühne, in einem Licht, das aussieht, als hätte man eine Kamera direkt auf die Sonne gerichtet, über die dann Blütenpollen fliegen. Das Bild, das der Zuschauer sieht, ist ein wehmütiges, staubiges, warmes. Während des Intros läuft "Pale Blue Eyes" von The Velvet Underground. Der Alleskönner Spike Jonze hat Ansari so in Szene gesetzt. Er führte Regie bei den Aufnahmen von Ansaris neuer Comedyshow Right Now, die am 09. Juli auf Netflix gestartet ist.

Das Setting: Eine ausverkaufte Halle - und am Rand der Bühne Schatten von Menschen, die die Illusion des Alleinunterhalters permanent brechen, um von Anfang an subtil darauf hinzuweisen, wer die eigentliche Protagonistin dieser Show ist: ihre Metaebene.

Denn die schwingt seit dem Jahr 2018 vermutlich bei jedem Auftritt Ansaris mit. Damals wurde dem US-amerikanischen Comedian sexuell übergriffiges Verhalten vorgeworfen. Von einer Frau, die er auf einer Party kennengelernt hatte. Bei dem Date habe Ansari auf Sex gedrängt und ihre verbale und nonverbale Ablehnung ignoriert. Die Frau, eine Fotografin aus Brooklyn, die anonym blieb, habe sich "missbraucht" gefühlt. Sie erklärte Ansari später in einer SMS an konkreten Beispielen, warum sie sich "sehr unwohl" gefühlt habe. Ansari entschuldigte sich bei ihr in seiner Antwort und sagte, er habe ihre Signale missverstanden.

Als der Fall im Januar 2018 bekannt wurde, war er nicht einfach "nur" ein weiterer Fall eines Prominenten, der im Zuge der "MeToo"-Bewegung angeklagt worden war. Er spaltete rasch die feministische Bewegung: Die New-York-Times-Journalistin Bari Weiss sagte etwa, Ansari sei kein "Gedankenleser". Der Umgang mit seinem Fall banalisiere "Me Too", da Ansari zu keinem Zeitpunkt Macht über die Fotografin gehabt hätte - weder auf professioneller, noch auf einer anderen Ebene. Auf der anderen Seite standen diejenigen, die sich sicher waren, hier liege ein klarer Machtmissbrauch und sexueller Übergriff vor. Er habe sie schließlich immer wieder nackt bedrängt, als sie schon längst signalisiert habe, dass sie keinen Sex wollte.

Ansari äußerte sich nach dem Vorfall in einem öffentlichen Statement, in dem er schrieb, die sexuellen Kontakte seien "allen Anhaltspunkten nach" einvernehmlich gewesen. Er sei überrascht und besorgt. Und er habe sich die Worte zu Herzen genommen.

Danach ging er in der Öffentlichkeit nicht weiter auf den Vorfall ein. Auch in seiner Comedyshow im Jahr 2018 erwähnte er ihn nicht. In Right Now geht er nun auf Konfrontationskurs - die Show ist da noch keine drei Minuten alt. "Wie Sie wissen, habe ich nicht viel dazu gesagt", sagt Ansari, "aber ich habe auf dieser Tour schon darüber gesprochen, weil ich mir dachte, vielleicht sind einige neugierig zu hören, wie es mir damit geht." Wahrscheinlich hat er damit recht. Also?

Die Antwort sei schwierig, sagt Ansari. "Es gab Zeiten, da hatte ich Angst. Es gab Zeiten, da habe ich mich geschämt. Es gab Zeiten, da habe ich mich erniedrigt gefühlt." Aber letztlich habe er es "einfach nur furchtbar" gefunden, "dass diese Person sich so fühlen musste."

Ansari betont noch, er hoffe, "es" sei ein Schritt nach vorne gewesen. Er habe über vieles nachgedacht, genau wie seine Freunde. Und er schätze Dinge jetzt anders ein. "Wenn das nicht nur mich, sondern auch andere Menschen aufmerksamer macht, dann ist das doch eine gute Sache."

Danach folgen fünfundfünfzig Minuten sehr intelligenter Comedy, in der Ansari die Themen USA, Vietnamkrieg, Hormonspirale, Alzheimer, Michael Jackson, R. Kelly und Rassismus nicht einfach nur platt aufs Parkett bringt, sondern vor allem immer wieder in Frage stellt, wie Menschen im Jahr 2019 mit ihnen umgehen. Er spricht über kulturelle Veränderungen, macht Witze darüber, wie Weiße sich anstrengen, korrekt mit Minderheiten umzugehen und dass das ein bisschen sei, als würden sie bei Candy Crush Punkte sammeln.

Einmal gibt er zum Beispiel zu, dass es Witze gibt, mit denen er zu Beginn seiner Karriere auftrat, die er so heute nicht mehr machen würde. Diese Aussage macht ihn sympathisch und verletzlich. Andererseits hat Spike Jonze ja immer noch die warme Bildkomposition in der Hand, und durch die wird es sehr schwer, eindeutig zu sagen, wo hier die Grenze verläuft zwischen ehrlicher Einsicht und dem, als was diese Sendung schließlich immer noch gelabelt ist: Show.

Immer wieder wechselt Ansari die Sphären, von Komik zu Kitsch

Aziz Ansari sagt während seines Auftritts, er wolle die Menschen inspirieren, einfach mal wieder ihr Handy wegzulegen und mit ihren Eltern zu sprechen. Er spricht davon, wie wichtig es sei, sich als Person zu verändern, erzählt vom Alzheimer seiner Großmutter. Ansari wechselt immer wieder sanft die Sphären, von Komik zu Kitsch, von der gewitzten Rolle des Comedian zur sensiblen Privatperson.

Die eine Stunde Right Now ist amerikanische Comedy, wie sie heute kaum angemessener sein könnte. Ansaris Witze werden nicht dadurch komisch, dass sie eine gewisse Haltung zu Dingen ausdrücken, sondern weil sie sich darüber lustig machen, wie das, was eine Gesellschaft als "Haltung" begreift, erst entsteht.

Sehr deutlich wird das, als Ansari von einem Meme erzählt - er zeigt es nicht - das angeblich durch die Washington Post und die New York Times ging: eine Pizza, auf der die Peperoni zu einem Hakenkreuz angeordnet waren. Ansari fordert die Menschen im Raum auf zu klatschen, falls Sie auch der Meinung gewesen seien, die Peperoni sehen aus wie ein Hakenkreuz: ein paar klatschen zögerlich. Nach einigen weiteren Gags löst Ansari auf: Es gab dieses Meme nicht. Er hat es erfunden. Und damit vorgeführt, für wie unverzichtbar Menschen manchmal ihre eigene Meinung halten: "Ihr meint, ihr müsst sie sogar zu etwas äußern, das es nicht gibt." Himmel, wie Meta ist das denn? Und wie cool.

Eigentlich. Gäbe es da nicht diese ersten schwammigen Minuten, in denen es so wichtig gewesen wäre, sich konkret zu äußern. Nicht nur zu erzählen, wie es ihm "mit der Situation", also den Missbrauchsvorwürfen ging, sondern zu benennen, worüber er sich doch - wenn er der sensible Typ ist, der er zu sein vorgibt - bestimmt Gedanken gemacht hat.

Aber er verpasst die Gelegenheit, anzusprechen, was das eigentlich heißt, "Zeichen deuten". Warum er sie "falsch" gedeutet hat, und wie das eigentlich sein kann. Was sich ändern müsste, damit so etwas nicht wieder passiert. Das hat er sich gespart, weil es ihn - tatsächlich - angreifbar gemacht hätte. Dabei wäre ein Ausflug in diese Sphäre so wichtig gewesen, und so aktuell.

Die verpasste Chance macht Aziz Ansari in Right Now ein bisschen weniger glaubhaft, ein bisschen substanzloser. Und ein bisschen zu einem, der nur etwas vorspielt. Wie ein Nebencharakter in einem warmen Film von Spike Jonze.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4519723
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/tmh
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.