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Arte-Doku "Oligarchenfrauen":Wo geht's zum Prinzen?

Ein Arte-Film erzählt von Russinnen mit einem sehr klaren Ziel im Leben: Sie wollen einen Oligarchen heiraten. Trotzdem wirken die Frauen im Film klug und moralisch überlegen.

Von Viola Schenz

Die geflochtenen Zöpfe liegen artig über den Schultern, halb verdeckt von der abgetragenen Strickjacke und dem zu großen Wildledermantel. Masha pumpt im eisigen russischen Winter Wasser aus dem altertümlichen Brunnen, hinter ihr das Holzhäuschen der Großeltern, vom dem die grüne Farbe blättert. Bei aller Provinzialität - die 22-Jährige weiß, worauf es im Leben ankommt: "Ich bin sympathisch, klug, habe studiert. Ich interessiere mich für alles, lerne Fremdsprachen. Ich lese, koche und putze gerne. Ich glaube, dass ich eines Prinzen durchaus würdig bin."

Den Prinzen hofft sie in Moskau zu finden, dort, in der Metropole, wo das russische Steuersystem das Gros der Einnahmen hinspült, wo sich der Reichtum des Riesenlandes konzentriert. Großmutter Antonina gibt der Enkelin am bescheiden gedeckten Abendbrottisch Ratschläge auf den Weg: "Wenn der Mann von der Arbeit kommt, sag ihm, er soll sich erholen, während du ihm etwas zu essen machst. Das ist das Wichtigste." Tags drauf besteigt Masha Sobol in Brjansk den Zug nach Moskau, ohne olle Strickjacke, dafür im schicken schwarzen Pulli, auf dem in weißen Lettern "Witch", Hexe, steht.

Oligarchenfrauen heißt die Dokumentation, für die Alexander Gentelev nach Russland zurückgekehrt ist. 1993 ist der Regisseur nach Israel ausgewandert, seitdem rechnet er filmisch mit der korrupten politischen Klasse (Putins Spiele) und mit der neuen Gesellschaft seiner ehemaligen Heimat ab. Diesmal geht es um die superreichen, mächtigen Männer und um die Frauen, die auf manchmal tragisch-komische Art versuchen, diesen Männern zu begegnen und sie zu heiraten. Und es geht um die Menschen, die von solchen Ehen indirekt profitieren.

"Das Wichtigste: Sie darf keine Schlampe sein"

Die Inhaberin einer in Moskau sogenannten "Luder-Akademie" etwa, die gegen eine Gebühr von umgerechnet 100 Euro jungen Frauen beibringt, sich einen Millionär zu angeln. "Das Wichtigste: Sie darf keine Schlampe sein", erklärt Katia mit dickem Filzschreiber vor dem Whiteboard. Ihre Tipps unterscheiden sich wenig von denen von Großmutter Antonina, nur dass es die kostenlos gibt.

Es tritt auf die Architektin, die die Protzvillen der Oligarchen eklektisch-kitschig ausstatten darf und sich mit zarter Ironie über deren Geschmacksverirrungen mokiert ("Schönheit, die sie verstehen"). Oder die Autorin, die in Überkniestiefeln vor dem Kamin sitzt und Trost spendet; sie hat sich dem Schicksal der Oligarchenfrauen mit Bestseller-Ratgebern verschrieben. Denn 70 Prozent dieser russischen Ehen scheitern.

Auch die von Natalia Potanina, die nach 30 Jahren an der Seite von Wladimir Potanin, dem laut Forbes-Liste reichsten Russen, um Unterhalt und Ehre kämpft. Laut Arte "erstmalig und exklusiv" ließ sich Potanina interviewen. Doch die vielen Details des Potanin'schen Rosenkriegs erhellen letztlich das Thema nicht.

Gentelev führt keine der Frauen vor - im Gegenteil. Egal welche Rolle sie haben, alle wirken auf ihre Art klug und moralisch überlegen. Auch Masha, die ihren Moskauer Traum weiterträumt.

Oligarchenfrauen - Russland, die Milliarden und die Liebe, Arte, 20.15 Uhr.

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SZ vom 18.08.2015/jobr
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