Süddeutsche Zeitung

ARD-Film "Unterm Radar":Monster aus Heimlichkeiten

Tausend Augen und doch blind: Der ARD-Film "Unterm Radar" mit Christiane Paul ist ein beklemmender Thriller über die böse Logik des NSA-Zeitalters.

Bislang ist Deutschland von einem großen Terroranschlag wie 9/11 in den USA verschont geblieben. Aber was wäre, wenn in Berlin dasselbe passieren würde wie in Madrid oder London, ein Bombenanschlag auf den Öffentlichen Nahverkehr, in diesem Fall auf einen Touristenbus in Mitte?

Das ist das Szenario, bei dem der Spielfilm Unterm Radar ansetzt. Man könnte sich Varianten vorstellen, in denen die Regie ein solches Unterfangen grauenvoll verbockt - zumal die Degeto, die mit dem WDR hinter der Produktion steckt, lange nicht unbedingt für höhere Filmkunst bekannt war. Hier ist aber das Gegenteil geschehen. Unterm Radar (Regie: Elmar Fischer) ist ein tiefgründiger, spannender Thriller, der sich um eine zentrale Frage dreht: Wie weit darf der freiheitliche Rechtsstaat gehen, um die Freiheit zu schützen?

Vor allem dank der großartigen Hauptdarsteller und der starken Bilder hätte dieser Film durchaus Kinoformat. Elke Seeberg, eindringlich gespielt von Christiane Paul, ist eine Richterin kurz vor dem ganz großen Karrieresprung. Nach dem Anschlag auf den Bus wird ihre Tochter Marie als Mittäterin verdächtigt, und die Juristin gerät in einen Mahlstrom aus Verdächtigungen, öffentlicher Vorverurteilung und dem eigenen Entsetzen: Ist das wirklich möglich? War da etwas bei Marie, das sie übersehen hat? Gehörte Maries arabischer Freund wirklich zur Terrorszene? Marie ist seit der Explosion verschwunden, und ihre Mutter macht sich auf eine Suche, bei der nichts so ist, wie es anfangs erscheint.

"Ich kenne diese Männer nicht"

Zunächst gerät sie in die Fänge von Heinrich Buch, eines desillusionierten Fahnders (wunderbar grimmig verkörpert von Heino Ferch), der glaubt, über die Mutter der Tochter auf die Spur zu kommen. Aber langsam keimt in ihm der Verdacht, dass ihn ganz andere Kräfte im Sicherheitsapparat ausnutzen. Nie ist er richtig im Bilde, bis er auf ein übersehenes Beweisstück stößt: einen Kameramitschnitt, auf der eine Polizeioperation zu sehen ist, von der er, der Chefermittler, nicht das Geringste wusste. Es ist einer der stärksten Momente des Films, als er lakonisch sagt: "Ich kenne diese Männer nicht."

Buch hat sich notgedrungen all der neuen Techniken bedient, des Spähangriffs, der Wanzen und Mikrofone, um der Richterin virtuell lückenlos folgen zu können, das ist gespenstisch inszeniert. Aber er muss erkennen, dass er tausend digitale Augen hat und doch blind ist für das, was wirklich geschieht.

Unpathetisch und ohne platt zu sein, bringt Unterm Radar das Problem des NSA-Zeitalters auf den Punkt: Der Terror der Islamisten ist eine furchtbare Bedrohung, die es unbedingt abzuwenden gilt. Die Angst jedoch, dabei etwas zu übersehen, gebiert ein Monster aus Heimlichkeiten, Überwachung und Illegalität.

Man wäre sehr froh, wann man sich beruhigt zurücklehnen könnte

Einer von Buchs smarten jungen Kontrahenten fordert von ihm, sich der "neuen Logik" nicht zu verweigern: Früher habe die Polizei Verbrechen aufgeklärt - "jetzt müssen wir auch Personen suchen, die eine Tat begehen könnten." Was dabei herauskommen kann, zeigt Unterm Radar mit den Mitteln der Fiktion. Man wäre sehr froh, wann man sich nachher beruhigt zurücklehnen und seufzen könnte: Zum Glück gibt es so etwas nicht wirklich.

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Quelle:
SZ vom 14.10.2015
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