Süddeutsche Zeitung

"The Morning Show", zweite Staffel, bei Apple TV+:"Social Distancing, was soll das sein?"

Nach "Me Too" geht es in der neuen Staffel des Medien-Dramas um das Coronavirus. Nur warum schafft es diese rasend aktuelle Serie nicht, sich selbst zu hinterfragen?

Von Josef Grübl

Nichts ist älter als die Show von gestern, weshalb man in der Morning Show auch nur an den beziehungsweise das Morgen denkt. In diesem Fall ist es das Jahr 2019, zum Jahresende kommen über den News-Ticker: eine Diskriminierungsstory über pakistanische Transsexuelle, der Ausbruch einer mysteriösen Atemwegserkrankung in China und eine Meldung über Tuberkulose auf den Bahamas. "Pakistan und Bahamas", entscheidet die zuständige Produzentin.

In The Morning Show geht es nicht nur um Nachrichten, sondern auch um deren richtige Einordnung - Fehlentscheidungen inklusive. Von der Hochglanzserie, mit der Apple TV+ 2019 an den Start ging, werden jetzt im Wochentakt zehn neue Folgen veröffentlicht. Das Besondere an dieser epischen Erzählung über die Kämpfe hinter den Kulissen einer Show im US-Frühstücksfernsehen sind die Bezüge zum aktuellen Weltgeschehen, was angesichts der Nachrichtenthematik aber auch recht naheliegt.

Waren es in der ersten Staffel die Erschütterungen der "Me Too"-Bewegung, die die Handlung vorantrieben, sind es nun die Auswirkungen der Pandemie. In beiden Fällen reagierten die Serienmacher schnell: Als im November 2017 ein NBC-Frühstückfernsehmoderator der sexuellen Belästigung einer Kollegin beschuldigt wurde, hatte Apple seiner Vorzeigeserie über die schöne bunte Nachrichtenwelt gerade grünes Licht gegeben. Also wurden die Drehbücher umgeschrieben, aus dem Starmoderator Mitch Kessler (Steve Carell) machte man einen toxischen weißen Mann mit "Grab-them-by-the-pussy"-Mentalität, der nach seinem Rausschmiss beim fiktiven Sender UBA viel verbrannte Erde hinterlässt.

Er wird von einer jungen Amerikanerin angegriffen, die sich davon feministischen Ruhm bei Instagram verspricht

Kessler lebt zu Beginn der zweiten Staffel zurückgezogen in einem italienischen Schloss, auf der Straße wird er von einer jungen Amerikanerin angegriffen, die sich davon feministischen Ruhm bei Instagram verspricht. Sein neuer Wohnsitz an einem norditalienischen See ist nicht zufällig gewählt, bekommt diese Region die Auswirkungen des Coronavirus anfangs doch am heftigsten zu spüren. Auch dieses Mal haben die Autoren umgeschrieben: Als man im Februar 2020 mit der Arbeit an der zweiten Staffel begann (und kurze Zeit darauf wieder einstellte), dachten die meisten Amerikaner bei dem Begriff Corona noch an ein mexikanisches Bier. Auch in der Welt des Frühstücksfernsehens ist man da mit anderen Dingen beschäftigt, dem Trump-Impeachment etwa, dem Megxit oder der Rückkehr der von Jennifer Aniston gespielten Moderatorin Alex Levy.

Währenddessen lacht ihre Kollegin Bradley Jackson (Reese Witherspoon), als in der Sendung ein Korrespondent über die Geschehnisse in Wuhan berichtet: "Social Distancing, was soll das sein?" Die Welt ist im Wandel, die Menschen sind beunruhigt, alte Sicherheiten gelten nicht mehr: All das fängt die Serie brillant ein, sie kombiniert Seifenoper-Elemente mit Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Homophobie, Meinungshoheit und Cancel Culture. Nur die eigene Rolle hinterfragen die Frühstücksfernseher nicht, ihr Medium scheint über allem zu stehen. Denn am Ende all ihrer Kämpfe geht es ihnen vor allem um die Frage, wer die Ansagen vom Teleprompter ablesen darf.

Bei Apple TV+, zehn Folgen

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