Süddeutsche Zeitung

Anne Will zur Bundestagswahl:Mehr Punkrock wagen

Die Wahl war ein Fest der Demokratie - jetzt aber geht das große Zittern los. Nervenkitzel pur bei "Anne Will". Aber den Tango tanzen diesmal nicht die Großen miteinander.

TV-Kritik von Julia Werner

Das schönste Zitat der Ausgabe von Anne Will am Wahlabend gleich mal vorweg: "Heute war das Hochamt der Demokratie - dass wir gewählt haben." Es stammt vom Grünen Cem Özdemir, der in Stuttgart erstmals ein Direktmandat für den Bundestag gewonnen hat. Er erinnere sich an dieses Bild vom Triell, als die drei Kandidaten beieinandergestanden hätten. Das sei in den meisten anderen Ländern nicht so. Noch nicht mal das Ergebnis würde abgestritten, also müsse man jetzt versuchen, das Beste aus den Ergebnissen zu machen.

In anderen Ländern wird allerdings auch nicht so kollektiv gezittert, wenn mehr als zwei Parteien für eine Koalition in Frage kommen. Während man bei so manchem Nachbarn nur kurz mit den Schultern zuckt, wenn sich ein halbes Dutzend Parteien zähneknirschend zusammentun, um an die Macht zu kommen, ist die Aussicht auf eine Drei-Parteien-Lösung für Deutschland: Nervenkitzel pur.

Dem Volke scheint rein rechnerisch auch in Zukunft ein Leben in der GroKo weiterhin möglich, aber sinnlos. Es geht also: um Jamaika oder Ampel. Weswegen die Hauptrollen in dieser Talkshow FDP-Generalsekretär Volker Wissing sowie Cem Özdemir von den Grünen spielen, denn ihre Parteien sind jetzt - Regierungsauftrag an SPD oder CDU hin oder her - die Kanzlermacher.

Zwar ist Lars Klingbeil, SPD-Wahlkampfmanager und Generalsekretär, ziemlich stolz darauf, dass die Sozialdemokraten noch vor ein paar Wochen bei 13 Prozent dümpelten und jetzt mit knapp 26 Prozent vorne liegen. Und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff mit Ehrenrettung ("Die große Koalition war doch nicht komplett des Teufels") sowie mit dem Versprühen von CDU-Coolness beschäftigt ("Die einen wollen Steuern erhöhen, die anderen senken. Wir bieten Konstanz.").

Bleibt die SPD nur Sonntagsklimapartei?

Den Tango aber tanzen längst FDP und Grüne. Wissing sagt, dass Erneuerung nicht die Stärke der Union ist, man ihr aber steuerpolitisch natürlich näher sei. In Sachen Modernisierung könne man allerdings auch bei den anderen Parteien spannende Dinge entdecken. Özdemir hingegen wird einmal richtig nickelig, als Klingbeil über Neustart redet. Wann die SPD - ja offiziell Grünen-Wunschpartner - endlich nicht mehr nur Sonntagsklimapartei sei?

Hier bei Anne Will wird klar: In Deutschland ist jetzt wirklich mal alles offen. Jamaika sei 2017, da ist man sich einig, gescheitert, weil man der FDP sozusagen nur einen Anschluss an eine schwarz-grüne Regierung angeboten habe. Das dürfe nicht mehr passieren. Weder Wissing noch Özdemir wollen eine Art Patchwork-Regierung, in der das eine Ressort das andere ausbremst, sondern große Überschriften, die das Tun und Handeln jedes einzelnen Ministeriums bestimmen (die FDP will aber vorsichtshalber trotzdem die Finanzen).

Klingbeil ist aufgeweckt genug, dem beizupflichten: Seit Schröder habe es doch keine Regierung mit einem echten Narrativ mehr gegeben! Haseloff verliert bei so viel Zukunftsvision ein bisschen die Fassung: "Wir waren doch als Deutsche nicht wie Blindgänger unterwegs. Man schaut doch immer noch mit Staunen auf uns!" Und dass es doch keine Guten und keine Bösen gäbe, das mit den an die AfD verlorenen Wahlkreisen dürfe nicht mehr passieren. Aber das interessiert an diesem Abend, an dem FDP und Grüne sich so aufgeregt beschnuppern wie Hunde im Englischen Garten, niemanden.

Der Rest sind schon Details: Wie sind Steuererhöhungen (Grüne) mit Klimainvestitionen zu vereinbaren? Und wie Steuersenkungen (FDP) mit Schuldenbremse? Wird die FDP auf der kompletten Abschaffung des Soli bestehen, den im Moment nur noch Reiche bezahlen? Und würde die SPD bei einem früheren Kohleausstieg mitmachen?

Schon bekommt der Zuschauer eine Ahnung davon, wie schwierig die Verhandlungen sein werden. Weswegen denn auch betont wird, dass man sich im großen Ziel ja einig sei, nämlich dem Klimaschutz. Nicht das Ob, nur das Wie ist also die Frage. Kristina Dunz, Journalistin vom Redaktionsnetzwerk Deutschland, stellt allerdings fest, dass keine Partei ein Programm vorgelegt habe, dass der Begrenzung der Erderwärmung wirklich gerecht werde. Und dass diese Wahl nur zeige, dass die Mehrheit gar nicht wirklich einen Wandel wolle. "Dass die einen abgeben müssten und die anderen mehr kriegen, das ist noch eine große Angst in diesem Land."

Aber ein bisschen Punkrock will das Land schon, also zumindest nicht mehr die GroKo. Oder um es mit Klingbeil zu sagen: "Mit der kaputten Union garantiert nicht." Allerdings ist in Deutschland wirklich gerade alles offen.

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