Süddeutsche Zeitung

Geschlechterklischees:Typisch Mädchen, typisch Junge

Alles ganz einfach: Mädchen zeigen ihre Gefühle, sie sind in der Schule brav und fleißig, sie spielen mit Puppen und tragen gerne rosa Kleidchen. Jungs tun genau das Gegenteil. Oder etwa nicht?

Um Mädchen und Jungen geht es in der nächsten Süddeutschen Zeitung für Kinder, die am Freitag, 3. Juni, der Süddeutschen Zeitung beliegt. SZ-Autoren beleuchten in der 32-seitigen Beilage Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Stimmt es, dass Mädchen schöner schreiben und Jungen besser rechnen können? Können Frauen Chefs und Männer Kindergärtner sein? Wer sind die Favoriten bei der Frauen-Fußball-WM? Vor allem aber bietet die sechste Ausgabe der SZ für Kinder Acht- bis Zwölfjährigen unterhaltsame und interessante Lektüre. Lehrer und Schulen haben die Möglichkeit, die Kinder-SZ als Klassensatz à 30 Exemplare zu bestellen: 7,90 € unter www.sz-shop.de/kinderzeitung oder per Telefon 089/2183-1810 (Festnetztarif)

Wilde Kerle dürfen raufen

Es steckt wohl wirklich in den Jungen drin, dass sie oft wilder sind als die Mädchen. Denn Jungen haben mehr von dem Hormon Testosteron im Blut, sobald sie etwa vier Jahre alt sind. In der Pubertät haben sie noch viel mehr davon. Und Testosteron macht wild und auch aggressiv. Das Hormon wird in den Hoden gebildet.

Wie sehr es das Wesen verändert, kann man gut bei Tieren sehen: Ochsen haben keine Hoden mehr; sie sind gutmütig und brav - im Gegensatz zu Stieren, vor denen man leicht Angst bekommen kann. Ähnlich ist es bei Pferden: Hengste sind oft sehr wild.

Weil die Menschen nicht so gern mit solchen wilden Tieren umgehen, schneiden sie ihnen die Hoden ab. Die männlichen Pferde ohne Hoden, die Wallache, sind fast immer viel zahmer.

Wahrscheinlich ist das Testosteron aber nicht der einzige Grund, weshalb die meisten Jungen mehr toben und balgen als die meisten Mädchen. Ein wichtiger Grund ist auch, dass Jungen mehr toben dürfen. Bei Jungen finden die Eltern und Lehrer das richtig.

Aber wenn ein Mädchen mit Pistolen oder Schwertern spielt und sich rauft, verbieten die Erwachsenen das oft. Dabei haben Mädchen eine genauso große Wut im Bauch wie Jungen. Das haben Wissenschaftler aus Berlin herausgefunden. Aber statt zu hauen, schreien sie die Wut eher heraus. Das haben ihnen ihre Eltern eben anerzogen, und außerdem machen die Mütter das meistens auch so.

Rosa war mal Jungensache

Bestimmt gibt es Jungen, die gerne etwas in Rosa anziehen würden. Aber wenn sie das tun, dann werden sie ziemlich sicher ausgelacht. Rosa ist doch eine Farbe für Mädchen, heißt es dann. Und für Jungs? Ja, für die gibt es Blau.

Aber warum mögen viele Mädchen eigentlich so gerne Rosa? Das weiß niemand so genau. Angeboren ist es bestimmt nicht. Und auch nicht unumstößlich. Schließlich war vor hundert Jahren Rosa die Farbe der Jungs. Echt wahr.

Als die belgische Prinzessin Astrid im Jahr 1927 ihr Kind erwartete, war sie sich sicher, dass es ein Sohn werden würde. Deshalb dekorierte sie die Wiege "in der Jungenfarbe Rosa". Rosa galt nämlich damals als "das kleine Rot". Und Rot stand für Blut und Kampf - und damit für Männlichkeit.

Im Jahr 1918 schrieb eine amerikanische Frauen¬zeitschrift: Rosa sei nun mal "die kräftigere und damit für Jungen geeignete Farbe". Die Mädchenfarbe damals war dagegen Blau. Denn auf alten Bildern in der Kirche trägt die Jungfrau Maria ganz häufig Blau. Also war Hellblau, "das kleine Blau", für die Mädchen vorgesehen. Erst später änderte sich diese Sicht.

Vielleicht lag es an den Blue Jeans, die aufkamen und von Männern getragen wurden. Oder an den blauen Arbeitsanzügen oder den dunklen Marineuniformen. Blau wurde plötzlich zur Männerfarbe. So ist es bis heute geblieben. Und wahrscheinlich finden kleine Jungs so lange Blau toll, und kleine Mädchen so lange Rosa, bis sich die Modewelt wieder etwas anderes ausdenkt.

Wer sich traut, kann rechnen

In der Schule haben Jungen oft die besseren Noten in Mathematik als Mädchen. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie auch besser in Mathe sind. An den schlechteren Noten der Mädchen sind nämlich oft die Lehrer schuld, weil sie die Jungen von vornherein einfach für besser halten. Deshalb geben sie ihnen bessere Noten. Und sie geben ihnen auch grundsätzlich das Gefühl, besser zu sein. Dadurch gehen die Jungs lieber in den Mathe-Unterricht.

Allein das reicht schon aus, dass sie dort auch leichter lernen und bessere Klassenarbeiten schreiben. Denn wenn es jemanden gibt, der an einen glaubt, dann glaubt man auch selbst an sich. Und schon wird man richtig gut.

Nur ein bisschen sind also auch die Mädchen schuld daran, dass sie in Mathe schlechter abschneiden: Sie lassen sich von den Jungen und den Lehrern und den ganzen Vorurteilen ins Bockshorn jagen. Sie lassen sich einreden, weniger gut zu sein; und schon schneiden sie in Tests auch schlechter ab.

Vor einigen Jahren haben Psychologen an einer amerikanischen Universität das einmal in einer lustigen Studie getestet: Sie haben die besten Mathe-Absolventen der Universität zum Mathe-Test eingeladen. Darunter waren männliche und weibliche Studenten. Die Mädchen waren genauso erfolgreich wie die jungen Männer - bis die Psychologen die Studenten aufforderten, auf den Testbögen ihr Geschlecht anzugeben. Das genügte, um die Mädchen schlechter abschneiden zu lassen.

Nur wegen dieses einen Kreuzchens, das sie am Anfang des Tests bei "weiblich" setzten, fielen die Leistungen der jungen Frauen dramatisch ab. Als hätten sie mit dem Kreuzchen auch ihr Mathetalent durchgekreuzt. Genau umgekehrt ist es beim Lesen. Da schneiden fast immer die Mädchen besser ab - und zwar erheblich besser, nicht nur ein bisschen wie die Jungs bei Mathe.

In der Pisa-Studie, in der getestet wurde, wie gut Schüler aus verschiedenen Ländern sind, zeigte sich das immer wieder: Die Mädchen lesen sogar so viel besser, als hätten sie im Vergleich zu den Jungen eine ganze Klasse übersprungen. Allerdings liegt auch das wahrscheinlich nicht daran, dass Jungen und Mädchen grundsätzlich anders denken oder andere Gehirne haben.

Es ist wohl eher so, dass Eltern ihre Töchter häufiger vorlesen lassen oder dass zu Hause die Mama häufiger und vielleicht auch schöner die Gute-Nacht-Geschichten vorliest als der Papa. Dann denken die Jungen, dass Lesen wohl etwas ist, was Frauen besser können. Und schon verlieren sie die Lust daran und sind nicht mehr so gut.

Puppen sind für alle da

Viele Eltern sagen: Ich habe Puppen und Eisenbahnen und Kuscheltiere und Autos und Lippenstifte und Bagger zu Hause. Aber mein Sohn spielt fast nur mit den Eisenbahnen, Autos und Baggern; und meine Tochter liebt die Puppen, die Kuscheltiere und die Lippenstifte. Ob das angeboren ist?

Niemand kann das wissen, sagt Paula Villa. Sie ist Professorin für Soziologie an der Universität München und hat selbst einen Sohn und eine Tochter. Schließlich leben wir Menschen ja nicht allein auf der Welt. Wir werden geboren - und schon haben wir Gesellschaft. Wir sehen, was andere Menschen machen. Das meiste machen wir dann genauso, denn so lernen wir.

Wenn wir etwas größer geworden sind, merken wir, dass wir Jungs sind oder Mädchen; dann machen wir gerne das nach, was andere Jungs oder Mädchen machen. Denn es ist schön, zu einer Gruppe dazuzugehören. So findet man Freunde und fühlt sich wohl. Und das geht am einfachsten, wenn man sich so verhält wie alle anderen, genauso aussieht und die gleichen Spiele spielt.

Man muss sich allerdings auch nicht zu sehr anpassen, denn wir sind ja alle etwas ganz Besonderes. Und so gibt es auch Mädchen, die gerne laut sind und Fußball spielen, und Jungs, die Mamas Make-up auflegen und Puppen im Kinderwagen schieben.

Eigentlich ist es ja auch viel toller und aufregender, wenn Kinder alle möglichen Dinge ausprobieren können.

Wer trainiert, kriegt Muskeln

Jungs fast immer größer als Mädchen und haben auch mehr Muskeln. 13 Zentimeter sind Jungen im Durchschnitt länger als Mädchen, das ist immerhin ein halber Kopf. Und der Körper von Jungen besteht zu einem größeren Teil aus Muskeln. Wenn ein Junge 30 Kilogramm wiegt, hat er 12 Kilo Muskeln; ein Mädchen, das 30 Kilogramm wiegt, hat dagegen nur 9 Kilo Muskeln.

Da ist es kein Wunder, dass Jungen auch stärker sind. Sie sind deshalb auch in vielen Sportarten überlegen, in denen es auf Kraft ankommt. Allerdings dürfen Jungs ihre Kraft meist auch mehr trainieren als Mädchen. Sie sind häufiger im Sportverein - wahrscheinlich auch, weil ihre Eltern es toll finden, wenn ihr Sohn sportlich ist. Die Eltern mögen es auch, wenn Jungs im Spiel gegeneinander kämpfen, wenn sie sich auf dem Bolzplatz dreckig machen oder wenn sie schwere Sachen heben.

Den Mädchen nehmen die Eltern die Getränkekisten dagegen meistens ab, und vielen gefällt es auch besser, wenn ihre Töchter etwas Nettes zu Hause in der Wohnung spielen und wenn sie zum Tanzen gehen statt zum Judo.

Weil die Jungs aber häufiger raufen und klettern, werden ihre Muskeln noch stärker. Würden die Mädchen auch mehr trainieren, könnten sie auch stärker werden. Und natürlich gelten diese allgemeinen Sätze sowieso nicht für jedes Mädchen und jeden Jungen. Es gibt bestimmt manche Mädchen, vor denen die Jungs in der Klasse Angst haben. Und umgekehrt gibt es natürlich auch Jungen, die gar nicht viel Kraft haben, weil sie ihre Muskeln nie benutzen.

Indianer kennen Schmerzen

Jungs weinen gauso häufig wie Mädchen - und genauso laut. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Denn es zeigt, dass Jungen später nur nicht mehr so oft weinen, weil sie ständig Sprüche hören wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder "Jungen weinen nicht". Da bleibt ihnen fast nichts anderes übrig, als sich daran zu halten.

Oder empfinden Jungen und Mädchen manchen Schmerz tatsächlich anders?

Das ist schwer herauszufinden. Forscher an der Universität Mainz haben dazu viele Experimente gemacht. Zum Beispiel haben sie Frauen und Männer dazu bewegt, dass sie ihre Hände in Eiswasser halten. Die Frauen zogen ihre Hände früher heraus, weil sie es nicht länger aushalten konnten.

Oder wollten sie es nur nicht mehr länger aushalten?

Das ist schwer zu unterscheiden. Möglich ist, dass es körperliche Unterschiede gibt, die beim Fühlen von Schmerzen eine Rolle spielen. Erwachsene Männer haben zum Beispiel häufiger dickere Hornhaut als Frauen. Deshalb tun ihnen die Kälte oder kleine Stiche vielleicht nicht so weh. Auch das Männlichkeits-Hormon Testosteron könnte den Körper unempfindlicher gegen Schmerzen machen.

Sehr viel hängt auch vom Wollen ab. Wenn Mädchen sich heftig weh tun, das aber keiner merken soll, dann können sie sich das Weinen meistens verkneifen.

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Quelle:
SZ für Kinder/jobr
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