Süddeutsche Zeitung

Resilienz:Der unglaublichste Surfer der Welt

Jesse Billauer surft Riesenbrecher vor Fidschi oder taucht mit Haien. Und das, obwohl ihm eine Welle das Genick gebrochen hat.

Jesse Billauer, 36, ist vom Sternzeichen Fisch. Der Ozean ist sein Zuhause. "Ich fühle mich im Wasser wohler als an Land," sagt er mit gewinnendem Lächeln. Er sucht den Horizont unter dem postkartenblauen Himmel am Strand von Malibu prüfend nach passablen Wellen ab. Er ist hier aufgewachsen, lief immer schon mit den ersten Sonnenstrahlen an den Strand, um vor Schulbeginn so viele Wellen wie möglich zu schaffen.

Ein kalifornischer Teenager wie aus dem Bilderbuch: Seine braunen Locken waren von der ständigen Sonne und den vielen Stunden auf dem Meer blond gebleicht. Als 17-Jähriger besaß er mehr Siegestrophäen als auf seine Regale passten. Das Surfer Magazine wählte ihn unter die 100 besten Surfer weltweit. Ihm wurde eine glänzende Zukunft prophezeit.

Aber dann brach ihm eine Welle das Genick. Seither sitzt er im Rollstuhl. Das Surfen wollte er trotzdem nicht aufgeben, und der Grammy-dekorierte Sänger Jason Mraz nennt ihn nun "den unglaublichsten Surfer der Welt". Seine Geschichte erzählte er Michaela Haas für ihr Buch "Stark wie ein Phönix: Wie wir unsere Resilienzkräfte entwickeln und in Krisen über uns hinauswachsen".

"Das Datum werde ich nie vergessen: 25. März 1996. Ich erinnere mich genau an diese Welle am Zuma Beach in Malibu: Sie war makellos. Zweieinhalb Meter hoch, und ich war perfekt positioniert, sie zu erwischen. Ich schwang mich auf mein Brett und sauste durch ihren Tunnel. Aber dann habe ich ein paar Takte lang nicht aufgepasst. Der Wellenkamm traf mich im Rücken und riss mich kopfüber auf eine seichte Sandbank. Ich hatte nicht einmal Zeit, den Schlag mit den Händen abzufedern.

Zum Glück drehte mich die nächste Welle auf den Rücken. Ich schrie 'Hilfe!', bevor mich die Wellen wieder unter Wasser rissen. Normalerweise surfte ich allein, aber an diesem Tag hatte ich meine Freunde angerufen, der Tag war so schön, ich wollte ihn mit ihnen teilen. Meine Freunde dachten zuerst, ich wollte sie erschrecken. Erst als sie mich nicht mehr auftauchen sahen, erkannten sie den Ernst der Lage. 'Ihr müsst meinen Kopf über Wasser halten!', keuchte ich, als sie mich endlich erreichten. 'Ich kann mich nicht bewegen!'

Mein bester Freund zog mich an den Strand. Dann wachte ich erst wieder im Krankenhaus auf. Überall Schläuche, und darüber die verweinten Gesichter meiner Eltern. Ein Arzt kam rein und sagte was von C-6-Rückenmarksverletzung, von der Brust abwärts gelähmt, und den Satz: 'Du wirst wahrscheinlich nie wieder gehen.'

'Unmöglich' gehörte nicht zu meinem Vokabular

Ich hörte das Wort 'nie' und konnte es nicht begreifen. 'Unmöglich' gehörte nicht zu meinem Vokabular. Ich wollte doch nächsten Monat meinen Profi-Vertrag unterzeichnen. Mein Sponsor brachte mir fünf brandneue Bretter ans Krankenbett. Ich dachte, das dauert nun halt ein paar Monate und dann bin ich wieder im Meer. Meine Gedanken kreisten hysterisch darum, dass ich meine Freunde dringend zu meinem Auto am Strand schicken musste, damit meine Eltern die Kondome in der Mittelkonsole nicht entdeckten.

Ich hatte das große Glück, dass meine Familie und meine Freunde für mich da waren. Die Krankenschwestern haben gescherzt, dass im Wartezimmer nie Platz für andere Leute war, so lange ich im Krankenhaus lag, weil immer so viele Freunde von mir da waren. Es waren meine Freunde, die mir halfen zu verstehen: Ich bin immer noch der gleiche Mensch. Ich bin nicht weniger wert, weil ich nicht mehr gehen kann.

Ich musste noch einmal ganz von vorne anfangen

Ich musste mit dem Leben noch einmal ganz von vorne anfangen. Wie ein kleines Kind konnte ich mir nicht einmal die Zähne putzen oder die Haare kämmen. Ich war immer sehr sportlich gewesen, hatte jede freie Minute auf dem Fußballplatz, beim Skaten oder Surfen verbracht. Nun hasste ich das Gefühl, meinen Körper nicht zu spüren, die meiste Zeit im Bett zu verbringen, rund um die Uhr von anderen abhängig zu sein und für jede Kleinigkeit um Hilfe bitten zu müssen.

Ich konzentrierte mich hundertprozentig auf die Aufgabe, die vor mir lag: meinen Körper zu stärken und wieder zu Kräften zu kommen. Die Leute haben versucht, mir alle möglichen Wundermittel anzudrehen, aber ich wollte kein Versuchskaninchen sein. In gewisser Weise fiel es mir leichter, die Tatsachen zu akzeptieren, weil ich es selbst verbockt hatte. Ich hatte im Wasser nicht aufgepasst. Es war meine Verantwortung. Und ich wusste sofort: Ich muss unbedingt wieder surfen.

Schon bald nach dem Unfall drängte ich darauf, aus der Klinik entlassen zu werden: 'Leute, ich muss hier raus! Ich verpasse doch alles!' Mit Hilfe eines Nachhilfelehrers holte ich das versäumte Pensum an der Schule auf und machte meinen Abschluss mit meinen Klassenkameraden. Sechs Monate nach meinem Unfall zog ich mit einem Krankenpfleger in ein eigenes Apartment, dann zum Studium nach San Diego. Es war mir wichtig, so unabhängig wie möglich zu sein.

Wenn ich im Liegen surfen kann, warum nicht?

Ich glaube, ich habe das Unglück so gut bewältigt, weil ich genau wusste, wofür ich brannte: Surfen. Ich habe nie einen Arzt um Erlaubnis gefragt, ob ich wieder surfen darf, aber schon bald nach dem Unfall kreisten meine Gedanken fast ausschließlich um mein Comeback. Wie konnte ich es zurück ins Meer schaffen? Wenn ich im Liegen surfen kann, warum nicht?

Ich bat meine besten Freunde, die Surf-Champions Rob Machado und Kelly Slater, mich ins Wasser zu tragen und auf ein Surfboard zu schieben. Die beiden haben sich geweigert. 'Was, wenn du ins Wasser fällst? Du wirst in den Wellen treiben wie ein Stück Holz!' Ich konnte ja nicht einmal Schwimmbewegungen machen. Aber ich ließ nicht locker, bis sie schließlich mit mir zum Strand fuhren.

Surfen bedeutet mir alles

Die ersten Versuche scheiterten kläglich. Ich hatte keine Kraft und fiel immer wieder vom Brett. Ich konnte kaum den Kopf heben. Aber dann rollte eine perfekte kleine Welle auf uns zu. Rob und Kelly schwammen hinter mir, hielten mich von beiden Seiten auf dem Brett fest, die Welle nahm Fahrt auf, und ich war der glücklichste Mensch auf der Welt.

Meine Arme sind bis heute nicht stark genug, um ein Steak in Stücke zu schneiden, aber ich habe sie inzwischen trainiert, damit ich auf den Ellbogen auf dem Surfboard balancieren kann. Im vergangenen Jahr habe ich die Weltmeisterschaft für behinderte Surfer in San Diego gewonnen. Die Firma WaveJet hat mir extra ein Surfboard mit Motorantrieb gebaut, das ich per Knopfdruck beschleunigen kann. Ich habe sogar wieder vor Fidschi gesurft und bin in Mexiko mit Haien getaucht.

Klar, es passiert schon mal was. Ich habe mir beim Surfen in Hawaii den Oberschenkelhals gebrochen und in Nicaragua das Schienbein. Ich habe gelernt, dass ich die Beine auf dem Brett festbinden muss, damit sie nicht weggerissen werden. Ich lerne eben dazu. Das Surfen bedeutet mir alles: Unabhängigkeit, die Möglichkeit, alles hinter mir zu lassen. Mein Körper fühlt sich oft an, als hätte er Feuer gefangen, aber wenn ich im Wasser bin, fühle ich mich federleicht.

Letztendlich sind wir doch alle nur zeitweise im Vollbesitz unserer körperlichen Kräfte. Früher oder später holen uns eine Krankheit oder das Alter ein, warum also nicht den Augenblick genießen?

Das Leben rollt weiter

Die Leute sagen immer: Das Leben geht weiter. Aber für mich geht das Leben nicht weiter, es rollt weiter. Also habe ich meine gemeinnützige Organisation so getauft: Life Rolls On ('Das Leben rollt weiter') ist mein Motto. Wenn mich Leute fragen, wie ich mit meiner Behinderung umgehe, dann sage ich ihnen: 'Setz dich für andere Menschen ein, die weniger Glück hatten als du.'

Ich mache nun genau das, was Rob und Kelly für mich taten: Ich gebe anderen behinderten Sportlern den Mut zu surfen. Ich habe einen neuen Sport erfunden, das querschnittgelähmte Surfen. Wir organisieren zwölf bis 14 Veranstaltungen pro Jahr. Inzwischen nehmen Tausende teil. Niemand ist zu jung, zu alt oder zu behindert, um mitzumachen. Die meisten Teilnehmer können nicht schwimmen, viele können ihre Arme und Beine gar nicht bewegen.

Die Helfer bilden Reihen vom Strand bis ins Meer hinein. Einzeln, einer nach dem anderen, werden die Gelähmten auf extra breite Surfboards mit dicken Haltegriffen gehoben, und dann ins offene Meer gezogen. Die freudestrahlenden Gesichter, wenn sie eine Welle erwischen, sind jeden Aufwand wert. Ich darf die Freiheit und das Glück spüren, im Ozean zu sein. Und wenn Menschen zu uns kommen, dann erfahren sie, dass sie diese Möglichkeit auch haben.

Meine Belohnung ist, wenn ich sehe, wie die Kids in ihren Rollstühlen als Stars zur Schule zurückkehren. Sie können Videos von sich zeigen, wie sie surfen oder im Rollstuhl skateboarden. Dann werden sie plötzlich als coole Kids gesehen.

Es geht um viel mehr als nur darum, eine Welle zu erwischen. Surfen ist der Katalysator für sie, ihr Selbstvertrauen anzukurbeln. Es geht darum, eine Gemeinschaft aufzubauen, Beziehungen zu bilden und sie wissen zu lassen, dass die Welt viel mehr Möglichkeiten für sie bereithält, als sie vielleicht dachten. Zum Beispiel glauben manche Rollis, sie könnten nie eine Partnerin finden. Dann sehen sie mich und meine Frau und hoffen, dass sie auch jemanden finden. Surfen ist das Medium, das uns zusammenbringt."

________________________________

Jesse Billauers ganze Geschichte findet sich in Michaela Haas: Stark wie ein Phönix: Wie wir unsere Resilienzkräfte entwickeln und in Krisen über uns hinauswachsen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2960431
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/lala/jobr/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.