Süddeutsche Zeitung

Debatte um Schnuller von Harper Beckham:Erziehungstipps? Nein, danke!

David Beckham gibt seiner vierjährigen Tochter noch den Schnuller. Aber muss er sich deshalb von jedem bei der Erziehung reinreden lassen?

Von Violetta Simon

Von wegen, Eltern als Erziehungsberechtigte. Ob Omas, Nachbarn, andere Mütter oder Väter: Bei Kindern darf - so scheint es - wirklich jeder mitreden. Quengelt der Kleine im überfüllten Bus, dauert es nicht lange, bis ein Mitfahrer der entnervten Mutter die Ursache für den Gemütszustand verrät ("Na, da wird es aber höchste Zeit für den Mittagsschlaf!"). Lässt sich die Dreijährige im Supermarkt nur mithilfe eines Schokoriegels vom Süßigkeitenregal loseisen, findet sich bestimmt jemand, der das fehlerhafte System durchschaut ("Da muss man sich nicht wundern, wenn es beim Einkauf jedes Mal Theater gibt!"). Die Welt scheint voll zu sein von selbsternannten Super-Nannys - schnell dabei, wenn es um ungefragte Kritik geht. Aber nicht zu gebrauchen, wenn man Zuspruch benötigt.

Dass selbst Prominente nicht gefeit sind vor der Bevormundung durch wildfremde Menschen, musste kürzlich auch David Beckham erfahren. Ein Paparazzo hatte ihn auf frischer Tat ertappt, als er seiner kränkelnden Tochter Harper zur Beruhigung einen Schnuller verabreichte. Die britische Daily Mail veröffentlichte das Foto und fragte demonstrativ verwundert, warum das Mädchen mit vier Jahren noch immer am Schnuller lutsche. Um zu belegen, wie verantwortungslos der Brite gehandelt hat, befragte das Blatt sicherheitshalber einen Experten, der dem Kind pflichtgemäß Sprech- oder Zahnprobleme prophezeite.

Man könnte darauf entgegnen, dass der vierfache Vater gemeinsam mit Gattin Victoria immerhin bereits drei Jungs aufgezogen hat - ohne Zahnfehlstellung, wie Fotos auf Instagram und Facebook beweisen. Man könnte sich aber auch fragen, was zum Teufel das andere Leute angeht. Beckham zeigte sich dann auch kein bisschen amused und keifte per Instagram zurück, dass Eltern doch wissen müssten, dass man dem Kind bei Fieber oder Unwohlsein den größten Trost gebe - und meistens sei das ein Schnuller. "Warum glauben Leute, sie dürften ein Elternteil wegen seines eigenen Kindes kritisieren, ohne irgendwelche Fakten zu kennen", fragt er.

Lauter Erziehungsexperten

Gute Frage: Warum eigentlich? Es würde doch auch niemand auf die Idee kommen, im Laden auf eine andere Kundin zuzugehen und ihr zu sagen, dass der Rock, den sie gerade anprobiert, ihre Hüfte unvorteilhaft zur Geltung bringt. Und wer würde im Restaurant an einen anderen Tisch treten und den Gast, der sich gerade über sein saftiges Steak hermachen will, ungefragt darauf hinweisen, dass das wirklich nicht gut für seinen Cholesterinhaushalt ist?

Indes halten sich die meisten Menschen offenbar von Natur aus für Erziehungsexperten. Das beobachtet auch der Erziehungswissenschaftler und Buchautor Albert Wunsch. "Die meisten glauben, zu Kindern könne jeder seine Meinung äußern." Hinzu komme, dass in der Gesellschaft eine latente Genervtheit darüber herrsche, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. "Wenn Eltern kein Rückgrat zeigen und permanent nachgeben, dann regt das die Leute auf", sagt der Psychologe. Dabei sei es jedoch ein gravierender Unterschied, ob Kinder im Restaurant die Gäste am Nachbartisch drangsalieren, ohne dass die Eltern einschreiten. Oder ob eine fremde Person seinem Kind den Schnuller gibt. "Sich da einzumischen, ist übergriffig."

Bei all diesen Ratschlägen und Vorwürfen scheint es nicht relevant zu sein, ob man selbst Kinder hat oder nicht, gemäß dem Motto: Schließlich war jeder schon mal Kind. Dennoch gibt es Unterschiede. Zum Beispiel fühlen sich ältere Menschen besonders berufen zu unverlangten Ratschlägen - Erziehungswissenschaftler Wunsch nennt diese Gruppe die "Möchtegerngroßeltern", die oft selbst keine Enkel hätten und bei der Gelegenheit versuchten, sich hervorzutun.

Hingegen tendieren Eltern, die ja vertraut sind mit den Stress-Situationen, eher dazu, andere Mütter und Väter zu verurteilen. Vor allem, wenn sie von der Norm abweichen - oder von der eigenen Philosophie. Nirgendwo wird so hart um Anerkennung gekämpft und so erbittert die eigene Haltung verteidigt wie unter Müttern und Vätern. Nirgendwo wird so verzweifelt um die vermeintlich einzige Wahrheit gerungen, wie auf Erziehungsforen. Oft übersehen die Eltern vor lauter Überzeugungskampf, dass sie in Wirklichkeit alle im selben Boot sitzen, wie etwa das folgende Video zeigt - eine Parodie auf Eltern mit unterschiedlichen Überzeugungen, die sich gegenseitig verurteilen und verspotten. Erst als sich ein Kinderwagen plötzlich selbstständig macht, erkennen sie, dass sie dasselbe Ziel wollen: das Kind retten, gute Eltern sein.

Dabei gibt es nach Meinung des Psychologen den einen, richtigen Weg gar nicht - oder besser gesagt nur einen einzigen: "Sich am Wesen des Kindes zu orientieren." Natürlich brauche eine Vierjährige in der Regel keinen Schnuller mehr. Doch könne man aus dem Schnappschuss, den eine Zeitung veröffentliche, nicht auf Zusammenhänge und Hintergründe schließen. "Manche neigen dazu, die Probleme, die sie mit ihren eigenen Kinder haben, an ihren Mitmenschen abzuarbeiten", sagt Wunsch. "Es ist eine Art Stellvertreterkampf." Solche Vorwürfe seien häufig ein Zeichen dafür, dass man selbst etwas nicht auf die Reihe kriege.

Ein Foto wie das von Beckhams Tochter scheint eine Art Reflex auszulösen: Dieser Mann - ein Fußballgott, ein Sexsymbol, eine Stilikone - gibt einer Vierjährigen den Schnuller, ist das zu fassen? Das muss der doch wissen, dass man so etwas nicht tut! Eine Welle der Empörung baut sich auf, ähnlich wie damals, als die kleine Suri Cruise von der Daily Mail in Kinderpumps mit Absätzen gesichtet wurde. Ein Idol mit Vorbildfunktion wie David Beckham darf sich so nicht verhalten, viele scheinen sich davon geradezu persönlich angegriffen zu fühlen. Dieser Schnuller macht aus dem Idol David Beckham einen Vater, der in seiner Rolle versagt hat. Einen Mann, der sich öffentlich für den Gebrauch eines Schnullers rechtfertigt.

Nie in die Verteidigung gehen

Doch wie soll man auf solche Vorwürfe reagieren? Macht es Sinn, anderen Menschen zu erklären, warum man gerade von allgemein gültigen pädagogischen Werten abweicht? Im Grunde genügt es doch, selbst zu wissen, dass es in diesem Moment das Richtige ist. Das sieht auch Erziehungswissenschaftler Wunsch so. "In so einer Situation sollte man nie in die Verteidigung gehen." Wenn überhaupt, hätte Beckham sinngemäß antworten sollen: "Liebe Fans, sorgt euch um eure eigenen Kinder, dann dürft ihr anschließend auch gerne nützliche Ratschläge an mich weiterleiten."

Weitaus effektiver ist es demnach, die Botschaft zu senden, wie absurd das Ganze ist. Etwa, indem man die Technik der paradoxen Intervention anwendet. Wenn also jemand ungefragt kommentiert, dass das Kind sicher hungrig sei, antwortet man am besten: "Stimmt, jetzt wo Sie's sagen - ich habe ihm tagelang nicht zu essen gegeben." In Beckhams Fall könnte eine mögliche Replik also lauten: "Ich weiß, das mit dem Schnuller ist wirklich keine gute Lösung. Normalerweise gebe ich meiner Tochter ja immer einen klebrigen Karamell-Lolli zur Beruhigung, aber ich hatte gerade keinen zur Hand."

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